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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Kiew
sehr fruchtbar (meist Schwarzerde). Schiffbare Flüsse sind der Dnjepr (40 Häfen in K.), der auf 415 km die Ostgrenze bildet, und der Pripet; nicht schiffbare: Teterew, Usch, Roß, Tjasmin u.a. Das Klima ist gemäßigt und gesund. Die Bevölkerung besteht aus Kleinrussen (Bauern), Polen (Landedelleute), Großrussen (Bewohner der größern Städte und Flecken), Israeliten (420319): in den Städten auch viele Deutsche, Griechen und Armenier. 2351208 Seelen sind griechisch-katholisch und bilden die Eparchie K. und Halicz der russ. Kirche mit dem Metropoliten in K. an der Spitze. Hauptbeschäftigung ist Ackerbau; die Viehzucht blüht im S. Ferner werden betrieben Waldindustrie, Obstbau, Bienenzucht, Tabak- (133 Plantagen) und Zuckerrübenbau. An Fabriken sind 658 vorhanden mit 42435 Arbeitern, darunter 62 Zuckerfabriken (Produktion 84 Mill. Rubel), 77 Branntweinbrennereien, 40 Bierbrauereien, 18 Tabakfabriken und 148 Mühlen. Der Handel ist bedeutend; ausgeführt werden besonders Getreide (nach dem Hafen von Odessa) und Zucker. An Eisenbahnen sind 850 km vorhanden. Es giebt 19 Mittelschulen für Knaben (6066 Schüler), 8 für Mädchen (2955), 8 Specialschulen (1318), 1487 niedere und Elementarschulen. Das Gouvernement, in seinem jetzigen Bestand seit 1796 bestehend, zerfällt in 12 Kreise: K., Berditschew, Wassilkow, Swenigorodka, Kanew, Lipowez, Radomysl, Skwira, Taraschtscha, Uman, Tscherkassy und Tschigirin. - 4) Kreis im nordöstl. Teil des Gouvernements K., hat 5654,1 qkm und 254018 E., Ackerbau, Viehzucht und eine große Anzahl Fabriken. - 5) K., poln. Kijów, Hauptstadt des Generalgouvernements, des Gouvernements und des Kreises K., Festung dritter Klasse und Wallfahrtsort, liegt unter 50° 27' nördl. Br. und 30° 30' östl. L. von Greenwich, in 86 (Niveau des Dnjepr am Hafen) bis 185 (Fuß des Glockenturms der Lawra) in Seehöhe auf mehrern Hügeln und am Fuße derselben, am rechten Ufer des Dnjepr und an der Linie K.-Schmerinka der Russ. Südwestbahn sowie an der Eisenbahn K.-Woronesch. Es hat (1893) 185577 E., in Garnison das 129., 130., 131. und 132. Infanterieregiment, das 1. Uralkosakenregiment, die 33. Feldartilleriebrigade, 3 Gebirgsfußbatterien, 2 Bataillone Festungsartillerie, Abteilungen der Sappeure, Pontoniere und Feldgendarmen.
Anlage, Straßen, Brücken. K. zerfällt in 3 Teile: im SO. Petschersk oder die Höhlenstadt mit den Festungswerken und der von diesen eingeschlossenen Lawra; im NO. die in der Ebene, hart am Dnjepr gelegene und oft Überschwemmungen ausgesetzte Handelsstadt Podol, und im NW. das hochgelegene Altkiew (Staryj Kiew), der Sitz der Verwaltungsbehörden. Dazu kommen noch 12 Vorstädte, darunter die vornehmste Lipki, westlich von Petschersk, mit Villen. Den Mittelpunkt des Verkehrs bildet der Kreschtschatik (1 1/4 km lang, 33 m breit) mit neuern mehrstöckigen Häusern, Läden, Gasthöfen u. a., in der Schlucht zwischen Petschersk und Altkiew sich hinziehend, über den Dnjepr führen die Nikolai-(Ketten-) Brücke (1080 m lang; 1848-55 nach dem Plane des engl. Ingenieurs Vignoles erbaut); davon stromabwärts die eiferne Eisenbahnbrücke (750 m). Stromaufwärts liegt die Flußinsel Turuchanow mit dem Eremitagegarten.
Gebäude. K. hat 7 Klöster, 60 russ.-orthodoxe, 1 Raskolniken-, 1 kath., 1 evang. Kirche und 15 israelit. Bethäuser. Am berühmtesten ist die Petscherskaja Lawra oder das Höhlenkloster, gegründet im 11. Jahrh. von dem Russen Hilarion; das sich schnell vergrößernde Kloster wurde 1159 zur Lawra erhoben und steht seit 1786 unter dem Metropoliten von K. Jetzt liegen die Klosterzellen zu ebener Erde an einem Hof, in den das "Heilige Thor" (mit Fresken aus dem Leben des heil. Antonius und Theodosius) führt. Die alten unterirdischen, in weichen Kalkstein gehauenen Höhlen bestehen aus Gängen von 2 m Höhe, die so schmal sind, daß nur eine Person durchgehen kann, sowie kleinen achteckigen Räumen, den frühern Zellen der Mönche, jetzt teilweise Kapellen, in denen täglich Messe gelesen wird. Naschen, seitwärts in die Felsen gehauen, dienten als Begräbnisplätze der Heiligen; es liegen darin 73 Leichen mumienartig in kostbare Gewänder gehüllt in offenen Särgen. Die Festung um die Lawra wurde 1706 angelegt und unter Nikolaus vollständig umgebaut; sie umfaßt auch das Arsenal. Die Lawra und die Sophienkathedrale (in Altkiew; 1037 von Jaroslaw I. erbaut nach dem Muster der Sophienkirche in Konstantinopel) bilden die Hauptanziehungspunkte der Pilger und Bettler, die aus ganz Rußland nach K. strömen (jährlich durchschnittlich 200000; 1886: 1 Mill.). Aus alter Zeit stammend, aber neu gebaut sind auch die Dessatinaja-, die Dreiheiligkeits-, die Elias-, die Mariä-Opferungskirche u. a. Von andern Bauten sind zu erwähnen: das kaiserl. Schloß (zweistöckig in franz. Renaissance), das Stadthaus, das Universitätsgebäude (mit großem Portikus), 3 Theater, das Palais Tereschtschenko (mit Gemäldegalerie), das Kontrakthaus, das Château des Fleurs (Vergnügungslokal) im Kaisergarten; ferner an Denkmälern: das Kreschtschenskij-Denkmal (Säule mit Kreuz, 1805 errichtet an der Stelle, wo die Söhne Wladimirs getauft worden sein sollen), das Wladimir-Denkmal (unter Nikolaus I. errichtet; von Clodt), das Reiterstandbild Bogdan Chmelnizkijs (1873 errichtet) u. a.
Behörden. K. ist Sitz des Generalgouverneurs, des Civilgouverneurs, des Metropoliten, des Generalkommandos des 9. Armeekorps, des Kommandos der 33. Infanteriedivision sowie ihrer beiden Brigaden, der 2. Brigade der 9. Kavalleriedivision, der 3. Sappeurbrigade, mehrerer Konsulate (darunter Deutschlands und Österreich-Ungarns) und Vicekonsulate.
Bildungsanstalten. Die Universität, 1588 in Wilna begründet und 1833 unter dem Namen "Universität des heil. Wladimir" nach K. verlegt, hat (1891) 1982 Studenten, am zahlreichsten Mediziner. Ferner sind vorhanden: eine Geistliche Akademie (1588 gegründet; 117 Studenten), 5 Gymnasien, das Galagan-Kollegium (Internat), 3 Mädchengymnasien, 1 Progymnasium, Realschule, Geistliches Seminar, Pädagogisches Institut, Junker-, 2 Musik-, 2 Feldscher-, 34 niedere und Elementarschulen, 8 wissenschaftliche und gelehrte Gesellschaften, 20 Zeitungen und Zeitschriften, 19 Buch- und Steindruckereien und 20 Buchhandlungen. K. ist eine der ersten musikalischen Städte Rußlands.
Den Handel und Verkehr fördern 1 Börse, 12 Banken (darunter eine Stelle der Reichsbank), 1 Kaufhof (gostinnoj dvor), elektrische Straßenbahn
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