Schnellsuche:

Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

Diese Seite ist noch nicht korrigiert worden und enthält Fehler.

332
Kiew
sehr fruchtbar (meist Schwarzerde). Schiffbare
Flüsse sind der Dnjepr (40 Häfen in K.), der auf
415 km die Ostgrenze bildet, und der Pripet; nicht
schiffbare: Teterew, Usch, Roß, Tjasmin u.a. Das
Klima ist gemäßigt und gesund. Die Bevölkerung
bestebt aus Kleinrussen (Bauern), Polen (Landedcl-
leute), Großrussen (Bewohner der gröftern Städte
und Flecken), Israeliten (420319): in den Städten
auch viele Deutfche, Griechen und Armenier.
2 351208 Seelen find griechisch-katholisch und bil-
den die Eparchie K. und Halicz der russ. Kirche mit
dem Metropoliten in K. an der Spitze. Haupt-
beschäftigung ist Ackerbau; die Viebzucht blüht im
S. Ferner werden betrieben Waldindustrie, Obst-
bau, Bienenzucht, Tabak- (133 Plantagen) und
Zuckerrübenbau. An Fabriken sind 658 vorhanden
mit 42435 Arbeitern, darunter 62 Zuckerfabriken
(Produktion 84 Mill. Rubel), 77 Branntweinbren-
nereien, 40 Bierbrauereien, 18 Tabakfabriten und
148 Mühlen. Der Handel ist bedeutend; ausgeführt
werden besonders Getreide (nach dem Hafen von
Odessa) und Zucker. An Eisenbahnen find 850 km
vorhanden. Es giebt 19 Mittelschulen für Knaben
(6066 Schüler), 8 für Mädchen (2955), 8 Special-
schulen (1318), 1487 niedere und Elementarschulen.
Tas Gouvernement, in seinem jetzigen Bestand seit
1796 bestehend, zerfällt in 12 Kreise: K., Berditfchew,
Wassilkow, Swenigorodka, Kanew, Lipowez, Rado-
mysl, Skwira, Taraschtscha, Uman, Tscherkassy und
Tschigirin. - 4) Kreis im nordöstl. Teil des Gou-
vernements K., hat 5654,i sikin und 254018 E., Acker-
bau, Viehzucht und eine große Anzabl Fabriken. -
5) K., poln. Ki^v, Haupt-
stadt des Generalgouverne-
ments, des Gouvernements
und des Kreises K., Festung
dritter Klasse und Wallsabrts-
ort, liegt unter 50° 27^ nördl.
Br. und 30" 30' östl. L. von
Greenwich, in 86 (Niveau des
Dnjepr am Hafen) bis 185
(Fuß des Glockenturms der
Lawra) in Seehöhe auf mebrern Hügeln und am
Fuße derselben, am rechten Ufer des Dnjepr und
an der Linie K.-Schmerinka der Rufs. Südwestbahn
sowie an der Eifenbahn K.-Woronefch. Es hat
(1893) 185577 E., in Garnison das 129., 130., 131.
und 132. Infanterieregiment, das 1. Uralkosaken-
regiment, die 33. Feldartilleriebrigade, 3 Gebirgs-
fußbatterien, 2 Bataillone Festungsartillerie, Ab-
teilungen der Sappeure, Pontoniere und Feld-
gendarmen.
Anlage, Straßen, Brücken. K. zerfällt in
3 Teile: im SO. Petschersk oder die Höhlen-
stadt mit den Festungswerken und der von diefen
eingeschlossenen Lawra; im NO. die in der Ebene,
hart am Dnjepr gelegene und oft Überschwemmungen
ausgesetzte Handelsstadt Podol, und im NW. das
hochgelegene Altkiew (3tar^' Xie-vv), der Sitz der
Verwaltungsbehörden. Dazu kommen noch 12 Vor-
städte, darunter die vornehmste Lipki, westlich von
Petschersk, mit Villen. Den Mittelpunkt des Ver-
kekrs bildet der Kreschtschatik (1^ km lang, 33 in
breit) mit neuern mehrstöckigen Häusern, Läden,
Gasthöfen u. a., in der Schlucht zwifchen Petschersk
und Altkiew sich hinziehend, über den Dnjepr führen
die Nikolai-(Ketten-) Brücke (1080 m lang; 1848
-55 nach dem Plane des engl. Ingenieurs Vignoles
erbaut); davon stromabwärts die eiferne Eisenbahn-
Artikel, die man unter K verm
brücke (750 m). Stromaufwärts liegt die Flußinsel
Turuchanow mit dem Eremitagegarten.
Gebäude. K. hat 7 Klöster, 60 russ.-ortbodore,
1 Raskolniken-, 1 kath., 1 evang. Kirche und 15 israe-
lit. Betbäuser. Am berühmtesten ist die Petscber-
skaja Lawra oder das Höhlenkloster, gegründet
im 11. Jahrh, von dem Russen Hilarion; das sich
schnell vergrößernde Kloster wurde 1159 zur Lawra
erhoben und steht seit 1786 unter dem Metropoliten
von K. Jetzt liegen die Klosterzellen zu ebener Erde
an einem Hof, in den das "Heilige Thor" (mit
Fresken aus dem Leben des heil. Antonius und Tbeo-
dosius) führt. Die alten unterirdischen, in weichen
Kalkstein gehauenen Höhlen bestehen aus Gängen
von 2 m Höhe, die so schmal sind, daß nur eine
Person durchgehen kann, sowie kleinen achteckigen
Räumen, den frühern Zellen der Mönche, jetzt teil-
weife Kapellen, in denen täglich Messe gelesen wird.
Naschen, seitwärts in die Felsen gehauen, dienten
als Vegräbnisplätze der Heiligen; es liegen darin
73 Leichen mumienartig in kostbare Gewänder ge-
hüllt in offenen Särgen. Die Festung um die Lawra
wurde 1706 angelegt und unter Nikolaus vollständig
umgebaut; sie umfaßt auch das Arfenal. Die Lawra
und die Sophienkathedrale (in Altkiew; 1037
von Iaroflaw I. erbaut nach dem Muster der So-
phienkirche in Konstantinopel) bilden die Haupt-
anziehungspunkte der Pilger und Bettler, die aus
ganz Rußland nach K. strömen (jährlich durchschnitt-
lich 200000; 1886: 1 Mill.). Aus alter Zeit stam-
mend, aber neu gebaut sind auch die Dessatinaja-, die
Dreiheiligkeits-, die Elias-, die Mariä-Opferungs-
kirche u. a. Von andern Bauten sind zu erwähnen:
das kaiserl. Schloß (zweistöckig in franz. Renaissance),
das Stadthaus, das Universitätsgebäude (mit gro-
ßem Portikus), 3 Theater, das Palais Terefchtfchenko
(mit Gemäldegalerie), das Kontrakthaus, das Cbä-
teau des Fleurs (Vergnügungslokal) im Kaiser-
garten; ferner an Denkmälern: das Kreschtschenstij-
Denkmal (Säule mit Kreuz, 1805 errichtet an der
Stelle, wo die Söhne Wladimirs getauft worden sein
sollen), das Wladimir-Denkmal (unter Nikolaus I.
errichtet; von Clodt), das Reiterstandbild Bogdan
Chmelnizkijs (1873 errichtet) u. a.
Behörden. K. ist Sitz des Generalgouverneurs,
des Civilgouverneurs, des Metropoliten, des Ge-
neralkommandos des 9. Armeekorps, des Kom-
mandos der 33. Infanteriedivision sowie ihrer beiden
Brigaden, der 2. Brigade der 9. Kavalleriedivision,
der 3. Sappeurbrigade, mehrerer Konsulate (darun-
ter Deutschlands und Österreich-Ungarns) und
Vicekonsulate.
Vildungs anstalten. Die Universität,
1588 in Wilna begründet und 1833 unter dem
Namen "Universität des heil. Wladimir" nach K.
verlegt, hat (1891) 1982 Studenten, am zahlreichsten
Mediziner. Ferner sind vorhanden: eine GeMiche
Akademie (1588 gegründet; 117 Studenten), 5 Gvm-
nasien, das Galagan-Kollegium (Internat), 3 Mäd-
chengymnasien, 1 Progymnasium, Realschule, Geist-
liches Seminar, Pädagogisches Institut, Junker-,
2 Musik-, 2 Feldscher-, 34 niedere und Elemen-
tarschulen, 8 wissenschaftliche und gelehrte Gesell-
schaften, 20 Zeitungen und Zeitschriften, 19 Buch-
und Steindruckereien und 20 Buchhandlungen. K.
ist eine der ersten musikalischen Städte Rußlands.
Den Handel und Verkehr fördern 1 Börfe,
12 Banken (darunter eine Stelle der Neichsbank),
1 Kaufhof (g-ostinnH ävor), elektrische Straßenbahn
ißt, sind unter C aufzusuchen.