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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Kirchenbau
bannten umgehen durfte. Wenn sich der Gebannte
in dieser Zeit nicht besserte, trat der dritte Grad,
Schammatha oder Anathema maranatha
(vgl. 1 Kor. 16,82), ein. Dieser Bann war eine
Ausschließung von der Synagoge und Gemeinde
für das ganze Leben, verbunden mit dem Verluste
der bürgerlichen Rechte.
In der christlichen Kirche wurden frühzeitig
solche, welche in sog. Todsünden verfallen waren, mit
der Ausschließung von der kirchlichen Gemeinschaft
belegt, doch entwickelte sich schon früh der principielle
Rechtssatz, daß ein jurist. Ausschluß aus der Kirche
überhaupt nicht möglich sei, sondern nur eine that-
sächliche Sonderung vom Leibe der Kirche. Das
Recht, den K. auszusprechen und aufzuheben, übten
die Bischöfe allein, welche die Exkommunikation bald
vorzugsweise gegen Ketzer und Schismatiker an-
wendeten. Oft wurden ganze Gemeinden und Pro-
vinzialkirchen mit dem K. belegt. Diese Exkommuni-
kation verhängte namentlich der Bischof von Rom.
In der katholischen Kirche teilt man nach
dem geltenden Kirchenrechte die Exkommunikation
m die kleine (inwor) und große (m^or). Die
erstere bewirkt Verlust der Wählbarkeit zu den
Kirchenämtern sowie Ausschluß von den Sakra-
menten, trifft aber nur noch diejenigen, welche mit
einem, der sich im großen Bann befindet, Um-
gang pflegen. Die große Exkommunikation dagegen
(ein besonders feierlich ausgesprochenes Anathema,
s. d.) löst jede Beziehung des von ihr Betroffenen
mit der Kirche und fügt zu den Wirkungen des
kleinen Bannes noch Verlust des aktiven kirchlichen
Wahlrechts, der kirchlichen Regierungsgewalt, des
kirchlichen Begräbnisses, der Teilnahme am Gottes-
dienst und jeder Lebensgemeinschaft mit den Glie-
dern der Kirche. Diese zuletzt genannte Folge des
großen K. ist auch in der neuesten Ausgestaltung
des Rechts (1869) stehen geblieben, während die
Rechtsfolge des kleinen K. als Konsequenz des Um-
gangs mit Gebannten auf einige besonders' aus-
gezeichnete Fälle beschränkt worden ist. Zur Ver-
hängung des K., die wegen der Schwere der Strafe
nur nach vorhergehender wiederholter Mahnung des
Schuldigen (monitio eanouicg.) stattfinden soll, ist der
Papst überall, der Bischof für feine Diöcese befugt.
Die neueste Gesetzgebung gestattet der Kirche den
Gebrauch dieses Zuchtmittels nur innerhalb be-
stimmter Schranken, die sich dahin charakterisieren,
daß damit keine Ehrverletzung des Gebannten ver-
bunden sein darf, und daß die Strafe nicht gegen
Staatsbeamte wegen Ausübung ihres Berufs, oder
zu dem Zwecke, um auf die Ausübung staatsbürger-
licher Rechte einen Einfluß auszuüben, angewendet
werden darf. (Vgl. preuß. Gesetz vom 13. Mai 1873,
§z. 1, 2, Gesetz vom 29. April 1887, Art. 4.)
Die evangelische Kirche verwarf principiell
den großen und sprach sich nur für Beibehaltung
des kleinen K. aus. Doch wich die Entwicklung sehr
bald von dieser richtigen Grundlage ab, und die
Konsistorien haben namens der bischöfl. Landes-
herren auch den großen K. verhängt. (S. Kirchen-
zucht.) - Vgl. Kober, Der K. (Tüb. 1857).
Kirchenbau. Größere Kirchen nennt man Dom
(s. d.), Münster oder Kathedrale (s. d.), doch
läßt sich ein Gesetz darüber, ob einer Kirche einer
dieser Namen beizulegen sei oder nicht, keineswegs
aufstellen. Man unterscheidet in der kath. Kirche
die Bauten danach, welchen Rang der oberste Geist-
liche einnimmt (Bischofs-, Pfarr- und Dechanei-
Artitel. die man unter K verm
kirchen), ferner unterscheidet man Mutter- und
Tochterkirche, von denen letztere in einem von ersterer
abgetrennten Sprengel errichtet ist. Kleine Kirchen
nennt man Kap ellen(s.d.) oder Oratorien. Die
Anordnung der Kirche richtet sich in erster Linie nach
der Konfession.
I. Römisch-katholische Kirchen sind derart
zu stellen, daß der Hauptaltar gegen Osten gerichtet
ist. Diesen umgiebt der hohe Chor, in welchem sich
das Chorgestühl für die Geistlichkeit befindet. Im
Westen vom Chor ist eine Schranke aufzustellen, an
die sich unmittelbar das Langhaus mit den Bet-
stühlen für die Laien oder vorher ein Querschiff an-
schließt. Die Kanzel, durch welche die Hörer auf
den Altar als das Heiligtum der Kirche hingewiesen
werden, steht seitlich, am Ostende des Langhauses,
die Orgel meist am Westende, verbunden mit einer
Sängerempore, den Responsorien als Wechsel-
gesängen zwischen Altar und Gemeinde entsprechend.
Hiermit ist das Wesentliche der Kirche gegeben. Hinzu
kommen noch Anbauten an Chor, Lang- und Quer-
haus für Nebenkapellen, entsprechende Nebenschiffe,
Taufkapellen, Weihwasserbecken an den Thüren,
Sakristeien, Vorhallen, Türme u. s. w. Als Stil
der Kirche wird die Gotik bevorzugt, doch kein Stil
der christl. Zeit ist ausgeschlossen. - Vgl. von
Klenze, Anweisung zur Architektur des christl. Kul-
tus (Münch. 1835); oe Baudot, NBiL68 äe doni-Fg
6t ä6 vilia^sL (2 Bde., Par. 1801-69); Nngewitter,
Land- und Stadtkirchen (Glog. 1806); Giefers,
Praktische Erfahrungen, die Erbauung neuerKirchen
betreffend (5. Aufl., Paderb. 1873); Jakob, Die
Kunst im Dienste der Kirche (3. Aufl., Landshut
1880); Otte, Handbuch der kirchlichen Kunstarchäo-
logie des deutschen Mittelalters (5. Aufl., 2 Bde.,
Lpz. 1883-84).
II. Griechisch-katholische Kirchen sind meist
auch mit dem Chor nach Osten gerichtet; dieser ist
durch einen festen Lettner (s. d.) oder durch Vor-
hänge abgeschlossen und darf von Laien nicht be-
treten werden. Die Frontseite des Lettners ist reich
mit Bildwerken (Ikones) verziert. Kanzeln sind nicht
regelmäßig angelegt, die Verkündung des Evan-
geliums erfolgt von der Bema (s. d.). Die Betstühle
der Frauen und Männer sind getrennt, indem eine
Scheidemauer von 2,4 m Höhe das Schiff Mo8)
trennt, oder die Frauen auf Emporen (Katechu-
mena) ihren Platz haben. In einer Vorhalle (Dro-
mikon) finden sich die getrennten Eingänge. Die
Sakristeien sind ausgedehnt. - Vgl. de Montfer-
rand, N^1i86 eatliLäi-HiL äe 8. I8aao (Petersb.
1845); Viollet le Duc, I.'art ru386 (Par. 1878).
III. Evangelische Kirchen. DerSchwerpunkt
des Gottesdienstes liegt hier in der Predigt und
dem Abendmahl. Daher ist die Stellung der Kanzel
von größter Wichtigkeit. Die Kirche muh so gebaut
sein, daß alle Mitglieder der Gemeinde den Prediger
sehen und hören und an den Altar herantreten
können. Daher ist die saalartige Anlage mit Em-
poren zu bevorzugen (Predigtkirche). Schwierig-
keit bereitet die Verbindung von Altar und Kanzel.
Ersterer als Abendmahltisch soll nicht von der Ge-
meinde abgeschlossen, sondern in deren Mitte stehen.
Ebenso der Taufstein, wenn dieser nicht einen be-
sondern Raum einnimmt. Die Orgel soll im Antlitz
der Gemeinde, nicht in deren Rücken stehen. Als
Stil wird die Gotik bevorzugt, doch entspricht diese
ihrem ganzen struktiven System der Meß- und
Prozesstonskirche mehr als der Predigtkirche. Die
ißt, sind unter C aufzusuchen.