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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Kirchenglaube - Kirchenjahr
tung soll aber der Ordnung wegen durch das geist-
liche Amt ausgeübt werden. Ferner hat die Kirche
die Regierungsgewalt (Kirchenregiment). Diese
ist den deutschen Landesherren zugefallen und wird
selbst von den kath. Königen von Sachsen und
Bayern mit gewissen Beschränkungen ausgeübt.
Kirchenglaube, die Gesamtheit der mit maß-
gebendem Ansehen für die Angehörigen einer Kirche
bekleideten Glaubenslehren, die in den symbolischen
Büchern enthalten sind, im Unterschiede von den
religiösen Privatmeinungen des Einzelnen.
Kirchengut. Bei den ersten Christen bestritt die
Gemeinde alle kirchlichen Bedürfnisse durch freiwil-
lige Beiträge. Weiterhin aber bildete sich der Be-
griff eines selbständigen K. aus, dessen Verwaltung
und Nießbrauch dem Klerus zukomme, während
die Substanz nur im Falle dringender Not mit Ge-
nehmigung der Kirchenobern veräußert oder belastet
werden dürfe. Dasselbe wurde durch Gnadenbe-
zeigungen des Staates, Beiträge von Stadtgemein-
den, Schenkungen und Vermächtnisse von Privat-
versonen und den auf Grund der mosaischen Vor-
schriften von der Kirche in Anspruch genommenen
Zehnten vermehrt. Zahllose Stiftungen der Gläu-
bigen für kirchliche Zwecke und besonders die sog.
Seelgaben (pro rsmeäio Hniina.6) steigerten den
Reichtum der Kirche allmählich ins Grenzenlose.
Bereits seit dem 12. und 13. Jahrh, wurde aber der
Widerspruch gegen die materielle Übermacht des
Klerus, welcher in Deutschland fast ein Viertel, in
Spanien ein Sechstel alles Grund und Bodens an
sich gebracht hatte, immer allgemeiner, und es ge-
lang den Fürsten etwa seit der Mitte des 15. Jahrh,
wenigstens die Erwerbung von liegenden Gründen,
Zinsen, Renten u. s. w. durch Kirchen und geist-
liche Korporationen von der landesherrlichen Ge-
nehmigung abhängig zu machen.
Die Reformation des 16. Jahrh, führte zur Sä-
kularisation (s. d.) vieler Güter des Klerus, welche
teils in Privatbesitzungen, weltliche Herrschaften
oder Domänen verwandelt, teils zu Kirchen- und
Schulzwecken bestimmt wurden, und der Reichs-
deputationshauptschluß von 1803 nahm der kath.
Kirche Deutschlands einen großen Teil ihres Ver-
mögens. Allerdings haben die deutschen Negie-
rungen ihre Pflicht zur Neudotation der Kirche
anerkannt und in den Cirkumskriptionsbullen zur
Ausführung gebracht. Aber das ist doch überall in
der Weise geschehen, daß bestimmte Geldsummen
aus der Staatskasse für kirchliche Bedürfnisse ge-
zahlt werden, nicht, wie die Kirche gewünscht hatte,
ihr Kapitalien oder Immobilien übergeben worden
wären. - Die evang. Kirche ist nur in seltenen Aus-
nahmefällen in das Vermögen der frühern kath.
Kirchen nachgefolgt; und selbst wo ihr das gelungen
ist, wie in Württemberg, ist ihr schließlich doch
durch Gewaltakt ihr Vermögen genommen worden.
Darum muß hier vielfach durch Besteuerung der
Gemeindeglieder der Mangel eigenen Vermögens
ersetzt werden. - Während in der kath. Kirche für die
Verwaltung des K. lediglich die kirchlichen Organe
zuständig sind, gebührt dieselbe nach evang. Grund-
sätzen der Gemeinde, und wenn diese Gemeinde-
befugnisse auch jahrhundertelang brach gelegen
haben, so sind sie doch durch die moderne Gesetz-
gebung nicht nur anerkannt und den Presbyterien
übertragen, sondern in einzelnen Ländern auch für
die kath. Gemeinden ins Leben gerufen worden. Als
Eigentümer des K. gilt nicht die allgemeine christl.
Kirche oder die Landeskirche, soweit letzteres nicht
besonders begründet ist, sondern die einzelne kirch-
liche Anstalt oder die Kirchengemeinde, in deren
Nutzung sich das K. befindet.
Kirchenhoheit, das Aufsichtsrecht des Staates
über die Kirche in ihren äußern Angelegenheiten
(s. <Iu8 cireg. 83.CI-3.). Eine strengere Sonderung
zwischen Kirchenregiment und K. ist erst in neuerer
Zeit durchgeführt worden, indem letztere als Be-
standteil der Souveränität vom Staate auch der
kath. Kirche gegenüber in Anspruch genommen wurde.
Die wesentlichsten Kirchenhoheitsrechte in den mo-
dernen Gesetzgebungen sind: das Placet (s. d.), der
^ppei Cousins ä'abu8 (s. d.), ferner das Schutz- und
Schirmrecht über die Kirchen, das schon die röm.-
deutschen Kaiser als Kirchenvögte (aävocktti 6ed6-
8iH6, s. Kirchenvogt) ausübten, das Recht, auf die
Besetzung geistlicher Stellen zur Abhaltung von
bürgerlich oder staatsbürgerlich nicht einwands-.
freien Kandidaten einzuwirken, den Erwerb kirch-
lichen Vermögens einzuschränken und die Ver-
waltung des letztern zu beaufsichtigen, die Hand-
habung der kirchlichen Disciplinargerichtsbarkeit
zu kontrollieren, die Bildung geistlicher Korpo-
rationen von staatlicher Genehmigung abhängig
zu machen. In den deutschen Einzelstaaten ist das
positive Recht hierüber wesentlich verschieden. - Vgl.
Hinschius, Allgemeine Darstellung der Verhältnisse
von Staat und Kirche (in Marquardsens "Handbuch
des öffentlichen Rechts", Bd. 1, Freib. i. Br. 1883).
Kirchenjahr, im Unterschiede vom bürgerlichen
Jahr derjenige ein Jahr umfassende Zeitraum, in
dem die christl. Gemeinde den ganzen Umfang ihres
gottesdienstlichen Lebens entfaltet und feiernd dar-
stellt. Nach mancherlei Schwankungen in den ersten
christl. Jahrhunderten (s. Festtage und Kultus) hat
das K. folgende Gestalt gewonnen. Es beginnt mit
dem ersten Adventsonntage und zerfällt in die fest-
liche und die sog. festlose Hälfte. Die festliche
Zeit hat drei Festkreise oder Festcyklen: den
Weihnachts-, Oster- und Pfingstkreis, die das be-
treffende Hauptfest mit dessen Vor- und Nachzeiten
umsassen und zusammen das Leben Christi nach sei-
ner zeitlichen Entwicklung zur Darstellung bringen.
Der Weihnachtskreis beginnt mit der Advents-
zelt (s. Advent), deren Grundgedanke dve Vorberei-
tung auf Christum ist, und gipfelt im Weihnachts-
feste, dem Geburtsfest Christi, an das sich am 1. Jan.
das Fest der Beschneidung Christi, als Zeichen der
Zugehörigkeit desselben zum Volke Israel, und am
6. Jan. Epiphania (s. d.) mit der Beziehung auf
die Bestimmung Christi für die Heidenwelt und auf
dessen Weihe zum Erlöseramte durch die Taufe an-
schließen. Die folgenden, wenigstens zwei, höchstens
sechs, Sonntage nach Epiphania nebst den Sonn-
tagen 86pwHZ68iin3.6 und 86xa368ima6 sind der
Erinnerung an den ersten Hauptteil der öffentlichen
Wirksamkeit Jesu gewidmet, und der Sonntag Quin-
quagesimä (^3t0mi1ii), der letzte dieses oder nach
anderer Zählung der erste des nächsten Kreises (zu
dem manche übrigens auch schon 86pwi^68iina6 und
86xa368iniH6 rechnen), bildet mit der Verkündigung
des Leidens Jesu den Übergang zum zweiten Fest-
kreise. Denn dieser, der Osterkreis, beginnt mit
der Fastenzeit (s. Quadragesimalfasten), die auch in
der evang. Kirche nach Aushebung der Fasten die
bestimmte Beziehung auf das Leiden Christi be-
hauptet hat < Passionszeit). Zu ihr gehören die
Sonntage luvocavit, Il6iuiiii8c6l6, Oculi, I.aewr6,
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