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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Kirchengesetzgebung - Kirchengewalt
fessionell reform. Standpunkte aus Geschichte ge-
schrieben, hasse verband den luth. Konfessionalis-
mus mit Hegelschen Formeln; Reuter stellte seine
umfassende Gelehrsamkeit in den Dienst moderner
Gläubigkeit. Echt histor. Geist atmen wieder die
vielseitigen Arbeiten von Nippold (s. d.) und die
farbenreichen Darstellungen von Hausrath (s. d.).
Am meisten ist in neuerer Zeit für die Durchfor-
schung einzelner Teile der K. geleistet worden. Aus
Neanders Schule gingen eine Reihe gründlicher
monographischer Arbeiten über hervorragende Per-
sönlichkeiten und deren Zeitverhältnisse, aus der
Baurschen tief eindringende dogmengeschichtliche
Untersuchungen und namentlich die mit außerordent-
licher Genauigkeit angestellten Forschungen über die
drei ersten Jahrhunderte der Kirche hervor. Außer-
dem ist namentlich das Gebiet der Reformations-
geschichte durch Köstlin (s. d.), Kawerau (s. d.) u. a.
angebaut worden. Die neuesten Bearbeitungen der
K. sind die Werke von Möller, Lehrbuch der K.
<2 Bde., Freiberg 1889 u. 1891), von Müller,
Grundriß der K. (Bd. 1, ebd. 1892) und der
Grundriß von Sohm (8. Aufl., Lpz. 1893). "Zeit-
tafeln und überblicke zur K." gab Weingarten
l4. Aufl., Lpz. 1891) heraus. - Vgl. auch Bratke,
Wegweiser zur Quellen- und Litteraturkunde der K.
(Gotha 1890). Eine Zeitschrift für die histor. Theo-
logie erschien früher von Illgen, Niedner und Kahms,
an deren Stelle seit 1876 die von Brieger heraus-
gegebene Zeitschrift für K. (Bd. 14, Gotha 1893) trat.
Der katholische Standpunkt der Geschichts-
auffassung wurde am Anfange des 19. Jahrh,
durch den Grafen Fr. L. Stolberg (s. d.) und Kater-
kamp im Geiste schwärmerischer Innigkeit, neuer-
dings mit reichern wissenschaftlichen Mitteln, aber
auch im fchärfer ausgeprägten kirchlichen Interesse
durch Ritter, Locherer, Alzog (s. d.), Döllinger ff. d.,
in seiner frühern, ultramontanen Periode), Fr. X.
Kraus (s. d.), Hergenröther (s. d.) und Brück (s. d.),
in Frankreich namentlich durch Henrion und Rohr-
bacher vertreten.
Kirchengesetzgebung. Die Fähigkeit, Rechts-
vorschriften (Kirchengesetze) ganz unabhängig
vom Staate zu erzeugen, behauptet die kath. Kirche
für sich kraft göttlichen Rechts. Auf dieser Grund-
lage erhob sich der großartige Bau des mittelalter-
lichen Kirchenrechts, dessen hauptsächlichste Bestand-
teile, pä'pstl. Dekretalen und Konzilienbeschlüsse,
beide den Charakter von Kirchengesetzen hatten. Die
äußere Form der Kirchengesetze ist die der Bullen
(s.d.) oder Vreven (s.d.). Seit der Reformations-
zeit erkennen auch die kath. Staaten jene Unab-
hängigkeit der Kirche hinsichtlich der Rechtserzeugung
nicht mehr an und haben in verschiedenen Formen
die Mittel gesucht, den Einklang der Kirchengesetze
mit dem staatlichen Recht zu wahren. Besonders
sind hier zu nennen das präventive Placet (s. d.),
welches heute noch in vielen Staaten gilt, sowie der
repressive reeurzuZ ad aduLu oder ^ppsi coiunie
ä'aduZ (s. d.). Die Kirche hat diese Staatsaufsicht
absolut und principiell zurückgewiesen als Ver-
letzung ihres göttlichen Rechts. Einen durchgreifen-
den Erfolg haben übrigens auch die Staaten mit
jenen Institutionen nicht zu gewinnen vermocht.
Der Gegensatz der Principien ist unausgleichbar.
In der Praxis erfolgt der Ausgleich in der Weise,
daß der Staat die Autonomie (s. d.) der kath. Kirche
im Rahmen der Staatsgesetzgebung anerkennt, die-
jenigen Kirchengesetze aber, welche gegen letztere
verstoßen, als nichtig betrachtet und gegen deren
Durchführung erforderlichen Falls einschreitet.
Für die evangelische Kirche ist der selbstän-
dige Begriff Kirchengesetze erst neuerdings von Be-
deutung geworden. Bis in die neueste Zeit erfolgte
für die evang. Kirche auch die innerkirchllche Rechts-
bildung nur in den Formen der staatlichen Gesetz-
gebung, sei es des konstitutionellen Gesetzes, sei es
des landesherrlichen bez. ministeriellen Verord-
nungsrechts. (S. Kirchenordnungen.) Auf Grund
der in den neuern Staatsverfassungen auch der
evang. Kirche garantierten "Selbständigkeit" ist
jetzt in fast allen evang. Landeskirchen auch eine
selbständige Form der kirchlichen Rechtsbildung ge-
schaffen worden. Danach werden Kirchengesetze er-
lassen vom Landesherrn als dem Oberbischof der
evang. Kirche unter Zustimmung der General- oder
Landessynode, also in genauer Nachbildung der
konstitutionellen Form der Staatsgesetzgebung. Pu-
bliziert werden die Kirchengesetze in einem besondern
kirchlichen Gesetzblatt durch die oberste Kirchen-
behörde. Sie dürfen erst dann dem Landesherrn zur
Sanktion unterbreitet werden, wenn sie das staat-
liche Placet, in Preußen durch das gesamte Staats-
ministerium nach völlig freiem Ermessen ("Zweck-
mäßigkeit"), empfangen haben. Für gewisse Gegen-
stände müssen, bevor landeskirchliche Regelung er-
folgt, provinzielle Organe (Provinzialsynoden) be-
fragt werden; in andern (Gesangbücher, Katechis-
muserklärungen) hat jede einzelne Gemeinde ein
Vetorecht. Für Kirchengesehe, welche eine über
eine bestimmte Grenze reichende Besteuerung zum
Gegenstand haben, ist mehrfach die vorherige Be-
willigung durch ein Staatsgesetz gefordert; ebenso
für Änderungen der Kirchenverfassung. Im übri-
gen hat man in den verschiedenen neuern Gesetz-
gebungen den Versuch gemacht, den Umfang der
selbständigen K. durch positive Aufzählung der ein-
zelnen Materien sicher zu bestimmen; und wenn
auch in den hierüber vorhandenen Vorschriften eine
erschöpfende Lösung des schwierigen Problems nocb
nicht gefunden werden kann, so bietet doch diese
Methode jedenfalls eine weit sicherere Basis für
die Praxis als die vieldeutige frühere Unterschei-
dung zwischen "äußern" und "innern" Kirchenange-
legenheiten. - Vgl. Bierling, Das Gesetzgebungs-
recht evang. Landeskirchen (Lpz. 1869).
Kirchengewalt. Nach kath. Lehre ist die Kirche
die von Christus gestiftete, von ihm und seinen Nach-
folgern, den Aposteln (weiterhinPapstundVischöfen),
regierte Anstalt zur Erlösung der Menschheit. Dazu
hat sie die Vollmacht erhalten, die Menschen zu hei'
ligen und zu belehren (pot68ta8 oi-äinig) und zu
regieren (p0t68tH8 ^ui'igäiotioniZ). Die erstere Be-
fugnis steht in ihrer Fülle den Bischöfen zu und
wird von diesen auf die Priester übertragen. Die
zweite steht Papst und Bischöfen zu. Die histor.
Entwicklung, welche im Vatikanischen Konzil zum
Abschluß gekommen ist, hat letzteres dahin modifi-
ziert, daß die K. in ihrer Totalität an den Papst
gelangt ist und von diesem teils persönlich, teils
durch seine Bischöfe ausgeübt wird. - Nach der Lehre
der evang. Kirche besitzt diese die Schlüsselge-
walt (6eci68i3. liadet ei9<v68), d. h. die Befugnis
einerseits zu predigen und die Sakramente zu spen-
den und andererseits die Sünden zu vergeben und
den Kirchenbann auszusprechen. Diese Gewalt ist
principiell der Kirche, d. i. der Gemeinde der Gläu-
bigen, zuständig, Predigt- und Sakramentsverwal-
Artikel, die man unter K vermißt, sind unter C aufzusuchen.