Schnellsuche:

Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

Diese Seite ist noch nicht korrigiert worden und enthält Fehler.

360
Kirchengeschichte
die erst ein Produkt der neuern Zeit ist, betrachtet
die K. als einen Teil der allgemeinen Geschichte und
läßt sich darum auch von den Grundsätzen der
allgemeinen Geschichtsforschung leiten, d. h. sie sucht,
ohne sich durch das Urteil früherer Zeiten beein-
flussen zu lassen, auf dem Wege der Quellenkritik
die Thatsachen festzustellen und sie genetisch oder
pragmatisch zu entwickeln. Man unterscheidet daher
verschiedene Epochen kirchlicher Geschichtschreibung.
(Vgl.F.CHr.Baur, Die Epochen der kirchlichen Ge-
schichtschreibung, Tüb. 1852.)
Der älteste Kirchengeschichtschreiber, dessen Werke
noch erhalten sind, ist Eusebius ff. d.) von Cäsarea
<um 325), dessen Werk zwar von dogmatischen
Voraussetzungen beherrscht, aber ausgezeichnet ist
durch Quellenmäßigkeit und zahlreiche Auszüge aus
sonst verlorenen Schriften. Weniger wertvoll und
in noch wundersüchtigerm Geiste gehalten sind die
Werke seiner Fortsetzer in griech. Sprache: Sokra-
tes, Sozomenos, Theodoret, Philostorgius, Theo-
dorus Lektor und Euagrius. Die lat. Kirche lieferte
durch Rufinus und Hieronymus Übersetzungen und
Fortsetzungen des Eusebius, durch Sulpicius Se-
verus die erste selbständige kirchengeschichtliche Ar-
beit und durch Cassiodorius ff. d.) im 6. Jahrh, in
der "lliZtoria tlipartitg." das kirchengeschichtliche
Handbuch bis zur Reformation. Das Mittelalter
brachte außer einer Nnzahl von Heiligen- und
Legendenschreibern namentlich zahlreiche Annalisten
und Chronisten hervor, die im ausdrücklichen In-
teresse der Papstherrschaft ohne jedes geschichtliche
Verständnis die K. bearbeiteten, wie Ordericus Vi-
talis (gest. 1142), Petrus Pisanus (12. Jahrh.),
Martinus Polanus (gest. 1279), Tolomeo de Lucca
(gest. 1327). Tüchtiges für die fränkische K. (bis
591) leistete Gregor von Tours, für die englische
(bis 731) Beda, für die nordische (bis 1076) Adam
von Bremen.
Die eigentliche Kirchengeschichtschreibung beginnt
erst mit der Reformation, doch tritt sie zunächst noch
in konfefsionellem Gewände auf. In dem großartigen
Werk der "Magdeburger Centurien" (f. Centurien)
suchte ein Verein luth. Theologen, an ihrer Spitze
Matthias Flacius, das Recht der Reformation durch
den Nachweis eines tiefen Abfalls der kath. Kirche
von ihrer ursprünglichen Reinheit in einer von Jahr-
hundert zu Jahrhundert fortschreitenden Verderbnis,
namentlich auf dem Gebiet der Lehre, zu begründen.
Ihnen trat Cäsar Baromus (s. d.) 1588 mit seinen,
später von dem Franziskanermönch Pagi kritisch
berichtigten "^imaisL" gegenüber, die einen reichen
Schatz unbekannter, meist dem Archiv des Vatikans
entnommener Urkunden in den Dienst der kath. Kirche
stellten und den Nachweis liefern wollten, daß die
kirchlich kath. Tradition in Lehre und Verfassung die
reine, von der Apostelzeit her unverändert gebliebene
göttliche Wahrheit enthalte. Was Flacius in den
"Centurien" vom lutherischen, versuchten Hottinger
(s. d.), Spanheim (s.d.) und die beiden Bas-
nages (s. d.) vom reform. Standpunkt aus. Der
wissenschaftliche Charakter der K. erfuhr eine För-
derung durch die in den verschiedenen Konfessionen
ausbrechenden innern Streitigkeiten, auf kath.
Seite die jansenistischen, auf lutherischer die syn-
kretistischen und pietistischen. So haben nach Ba-
ronius insbesondere die gelehrten Mönchsorden
in Frankreich, allen voran die Maurinerkon-
gregation, großartige Materialiensammlungen für
die K. veranstaltet, deren Verwertung Alexander
Artikel, die man unter K verm
Natalis, Claude Fleury ff. d.) und Bossuet (s. d.) im
streng katholischen, der Iansenist Tillemont (s. d.)
in kritischem Geiste unternahmen. In der luth.
Kirche trat die K. erst durch G. Calixtus (i. d.)
wieder in den Vordergrund und nun erhob der
Vertreter des Pietismus, Gottfried Arnold (s. d.),
in seiner "Unpartheyischen Kirchen- und Ketzer-
historie" (Franks. 1699 u. ö.) einen lebhaften Protest
gegen die bisherige, durchaus dogmatische Behand-
lung der K., indem er das Hauptgewicht auf das
praktische Christentum legte und die Hauptverderbnis
in der ^chultheologie und ihren dogmatischen Spitz-
findigkeiten sah.
Im Gegensatz zu dieser immer noch von pole-
mischen Interessen beherrschten Geschichtsbetrach-
tung entwickelte sich um die Mitte des 18. Jahrh,
eine religiös-nüchterne, aber kritisch-wissenschaftliche
Geschichtsbehandlung. Der eigentliche Begründer
dieser modernen Geschichtschreibung ist Mosheim,
der in Weisman einen nennenswerten Vorläufer
hatte. Bei Mosheim verbindet sich mit tüchtiger
Quellenforschung eine stießende Darstellung und ein
feingebildetes Urteil, das aber, mehr staatsmän-
nisch als theologisch, die Kirche selbst wie ein polit.
Gemeinwesen und die K. nach Art der Staatenge-
schichte behandelt. Ein Riesenwerk quellenmäßiger
Forschung lieferte Joh. Matth. Schröckh. Der Ratio-
nalismus, der auf dem Gebiete kirchlicher Geschicht-
schreibung besonders durch Semler, Stäudlin,
Planck, Henke und Spittler vertreten wird, suchte
die steten Veränderungen menschlicher Meinungen
über religiöse Dinge und ihre volkstümliche und
zeitliche Bedingtheit nachzuweisen und durch die sog.
pragmatische Methode alle Ereignisse, Charaktere
und Tbaten aus psychol. Motiven zu erklären. Im
Gegensatz zum Rationalismus und von Schleier-
machers Geist berührt stellte August Neander
(s. d.) die K. dar als die Einsenkung eines neuen,
übernatürlichen, göttlichen Lebens in die Men-
schennatur und suchte, oft in mehr erbaulicher als
rein histor. Weise, zu zeigen, wie das eine christl.
Princip in freier individueller Mannigfaltigkeit die
verschiedenartigsten, einander gegenseitig ergänzen-
den Geister beseelt habe. Einen verwandten milden
Standpunkt vertreten die kirchenhistor. Arbeiten
von Hagenbach und PH. Schaff. Gegenüber dieser
Gefchichtsbetrachtung bereiteten Gieseler (s.d.) durch
seine nüchterne, rein gelehrte Quellenforschung, Hase
(s. d.) durch seine künstlerische, die mannigfaltigsten
Erscheinungsformen des christl. Geistes mit ästhe-
tischem Sinn auffassende Darstellung und Niedner
(s. d.) durch seine denkende Durcharbeitung des
Stoffs eine rein geschichtliche Behandlungsweise
vor, deren Erfordernisse dann Ferd. Christian Baur
(s.d.), wenn auch vielfach in Hegelscher Schulsprache,
doch in scharfen und klaren Zügen vorführt. Gegen-
über der subjektiv-religiösen Art der Neanderschen
Methode fordert Baur die Anerkennung einer ob-
jektiven, in der Idee der Kirche selbst und deren
geschichtlicher Verwirklichung begründeten Not-
wendigkeit des Geschehens. Die Grundsätze, deren
Anwendung auf die K. er namentlich für die ersten
drei Jahrhunderte in bahnbrechender Weise ver-
suchte, sind dieselben, die für die außerkirchliche Ge-
schichtschreibung überall zur Geltung gekommen sind.
Im schärfsten Gegensatze zu der Vaurschen Ge-
schichtsbetrachtung haben Guericke, H. Schmid,
Lindner, Kurtz und Kahms den konfessionell luth.
Standpunkt erneuert, Ebrard und Herzog vom kon-
ißt, sind unter C aufzusuchen.