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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Kirchengesangvereine - Kirchengeschichte
sangbuchwesens war der luth. und der resorm. Kirche
gemeinsam. In beiden gab seit Ende des 17. und
im Laufe des 18. Jahrh, die wechselnde religiöse
Zeitrichtung Anlaß zur Einführung neuer Gesang-
bücher. Die seit der Mitte des 18. Jahrh, entstandenen
leiden an rationalistischer oder halbrationalistischer
Vernachlässigung des kirchlichen Glaubensinhaltes
zu Gunsten emer poesielosen Aufklärung und Moral,
denen zuliebe die alten Lieder oft auf gefchmacklofe
Weise verändert wurden. Das erste Gesangbuch
der neuen Richtung gab 1766 Zollikofer für die
reform. Gemeinde in Leipzig heraus; es fand bald in
ganz Deutfchland (auch in Kopenhagen 1782) Nach-
ahmung, sodaß zu Ende des 18. Jahrh, fast in allen
evang. Kirchen Gesangbücher dieser Art im Gebrauch
waren. Ihnen gegenüber wurde sowohl von feiten
des religiösen Lebens als auch von feiten des Poet.
Geschmacks eine Reform der Gefangbücher etwa feit
dem 4. Jahrzehnt des 19. Jahrh, immer allgemeiner
als Bedürfnis empfunden, und Bunfen (Versuch
eines allgemeinen evang. Gesang- und Gebetbuchs,
Hamb. 1833, Allgemeines evang. Gesang- und Ge-
betbuch, ebd. 1846, neu bearbeitet von A. Fischer,
Gotha 1881), Knapp (Evang. Liederschatz, 2 Bde.,
Stuttg. und Tüb. 1837; 4. Aufl. 1891), Stier
(Evang. Gesangbuch, Halle 1835,1853) u. a. brach-
ten wertvolles Material zur Herstellung anderer,
diesem Bedürfnis entsprechender Gesangbücher her-
bei. Aber die kirchliche Reaktion nach 1848 suchte alle
neuern Lieder seit der Mitte des 18. Jahrh, auszu-
schließen, dagegen die alten mit womöglich allen
ihren dogmatischen und sprachlichen Härten wieder
aufzunehmen (wofür die Mfenacher Kirchenkonferenz
1853 mit ihrer Sammlung von "150 Kernliedern"
Anleitung gab) und die fo hergestellten Gefang-
bücher den Gemeinden aufzuzwingen. Es wurden
dadurch Gefangbuchsstreite zwischen Behörden und
Geistlichen einerseits und Gemeinden andererseits
hervorgerufen, die in manchen Gegenden, namentlich
in der Pfalz und in Hannover, von weittragenden
Folgen für die kirchliche Entwicklung geworden sind.
In neuester Zeit hat eine Reihe von Gesangbüchern
(wie die in den Provinzen Schlesien, Brandenburg,
Sachsen, Rheinland und Westfalen, Ost- und West-
preußen, im Großherzogtum Weimar, Baden, Hessen)
eine im ganzen glückliche Vermittelung zwischen der
pietätvollen Erhaltung des Alten und seiner An-
passung an das religiöse Bewußtsein und an die
Sprache der Gegenwart gefunden. Für die ganze
deutsche Armee, soweit sie evangelisch ist, ist ein
eigenes Evangelisches Militär-Gefang-
und Gebetbuch (Berlin) eingeführt. Inderröm.-
kath. Kirche hat man namentlich in neuerer Zeit in
vielen Diöcefen mit Genehmigung der Bischöfe deut-
sche Gefangbücher eingeführt. (Vgl. Bäumker, Das
kath. deutsche Kirchenlied, 3 Bde., Freib. i. Br. 1883
-91.) Auch für den jüd. Kultus wurden deutfche
Gesangbücher in verschiedenen Gemeinden einge-
führt. (S. Kirchenlied.)
Kirchengesangvereine, deutsch-evange-
lische, Vereine zur Pflege und Verbesserung des
evang. Kirchengesangs. Die K. stellen sich als
Aufgabe, durch Darbietung der vorhandenen litur-
gifchen Schätze in vierstimmigem Gefang die An-
dacht beim Gottesdienst zu fördern und den musi-
kalischen Geschmack der Gemeinden zu bilden, aber
auch den kirchlichen Volksgesang selbst zu reinigen
und zu erneuern. In Sulz wurde 1875 das erste
evang. Kirchengesangfest veranstaltet, 1879 ver-
einigten sich die Hess. Vereine zu einem solchen Fest
in Worms und 1881 wurde ein Verband Evan-
gelischer K. für Südwestdeutfchland mit vielen
Ortsvereinen begründet. Nachdem auch in Ost- und
Norddeutfchland alte und neue Vereine sich ange-
schlossen hatten, tagte 1882 der erste Deutsch-evan-
gelische Kirchengesangvereinstag zu Stuttgart unter
Leitung des Geheimrats Hallwachs aus Darmstadt.
Andere Vereinstage solgten in Frankfurt a. M.,
Halle, Nürnberg, Bonn, Berlin, Marburg. Zu
dem Verband gehören 16 Landes- und Provinzial-
vereine mit nahezu 800 Ortsvereinen oder Kirchen-
chören und 25000 Sängern und Sängerinnen, so-
wie 21 einzelne Ortsvereine und Kirchenchöre. Ver-
einsorgan ist das "Korrespondenzblatt der evange-
lischen K. für Deutfchland" (Darmstadt) und "Siona.
Monatsschrift für Liturgie und Kirchenmusik", hg.
von Herold (Gütersloh). - Vgl. die Denkschriften
der deutsch-evang. Kirchengesangvereinstage (seit
1882) und Zimmer, Die deutsch-evangelischen K. der
Gegenwart (Quedlinb. 1882).
Kirchengefchichte, die wissenschaftliche Erfor-
fchung und Darstellung des Entwicklungsganges
der christl. Kirche, sowohl nach der äußern Seite,
der Ausbreitung der Kirche und ihrer Stellung zu
den weltlichen Gewalten, als nach der innern Seite,
der Entwicklung ihrer Glaubenslehren, ihrer Orga-
nisation, ihres Kultus und ihres Einflusses auf das
Kulturleben. Die Quellen der K. sind dreierlei:
1) Öffentliche Urkunden, d. h. namentlich die Akten,
Beschlüsse und Verordnungen der großen Konzilien
(s. Konzil), die päpstl. Erlasse, Glaubensbekenntnisse
und Liturgien, dann die Konkordate, überhaupt
Gesetze und Reichstagsakten, sofern sie kirchliche
Dinge betreffen; endlich im geringern Maße Ge-
bäude, Inschriften, Grabmäler und sonstige kirchliche
Denkmäler; 2) Privatzeugnisse, d. h. Schriften der
christl. Schriftsteller, und 3) traditionelle Überliefe-
rungen, d. h. Legenden und Sagen. - Hilfsmittel
der K. sind die Chronologie, die kirchliche Philo-
logie, die Diplomatik, die kirchliche Geographie und
Statistik. Einzelne Zweige der K. haben sich von
ihr losgelöst und sind zu selbständigen Disciplinen
geworden, so die Dogmengeschichte (s.d.), dann das
Kanonische Recht (s. d.), in früherer Zeit auch die Pa-
tristik (s. d.) und neuerdings die Missionsgeschichte.
Eingeteilt wird dieK. in die Epochen der alten,
mittlern und neuern; diese Epochen zerfallen
wieder in Perioden. Als Grenze zwischen der
mittlern und neuern K. wird die Reformation, von
einigen kath. Schriftstellern der Humanismus oder
die Entdeckung Amerikas angenommen; die alte
und mittlere K. finden ihre Scheidung entweder
bei Gregor d. Gr. (um 600) oder Karl d. Gr.
(um 800), jedenfalls durch die Zeit des Hervor-
tretens der german. und slaw. Völker in den Vor-
dergrund der K. Das 1. Jahrh, pflegt man als
Leben Jesu und Geschichte des apostolischen Zeit-
alters gewöhnlich für sich zu behandeln, wie auch
das 19. Jahrh, als neueste K. oft von der neuern
losgelöst wird. Die Behandlung der K. hängt von
dem Begriff ab, den man sich über das Wesen der
Kirche (s. d.) gebildet hat, namentlich davon, ob man
die Kirche überhaupt oder eine besondere Kirche,
z. B. die katholische, als Selbstzweck betrachtet und
die geschichtlichen Erscheinungen nur von diesem
einseitigen, konfessionellen Standpunkte aus ledig-
lich nach ihrem Nutzen oder Schaden für die Kirche
beurteilt. Die wissenschaftliche Behandlung der K.,
Artikel, die man unter K vermißt, sind unter C aufzusuchen.