Schnellsuche:

Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

Diese Seite ist noch nicht korrigiert worden und enthält Fehler.

611
Konzil
entgegen zu arbeiten, traten solche Versammlungen
anfangs nur gelegentlich, später regelmäßig in ein-
zelnen Gegenden Zusammen. Die ersten K. wurden
in Kleinasien auf Anlaß der montanistischen Bewe-
gungen und des Passahstreites (s. d.) gehalten; zu
Anfang des 3. Jahrh, finden sich ähnliche Versamm-
lungen in Griechenland und bald darauf in Afrika
und Italien als regelmäßige Einrichtung. Als voll-
berechtigte Mitglieder dieser K. galten nur die Bi-
schöfe; die Presbyter hatten nur beratende Stimme.
Die Beschlüsse erstreckten sich auf alle Gebiete der
Lehre, der Sitte und des Kultus und galten als
unter Einfluß des Zeiligen Geistes gefaßt. Ge-
wöhnlich wurden diefe Versammlungen in der Haupt-
stadt der Provinz (Metropolis) unter Leitung des
Bischofs derfelben (seit dem 3. Jahrh. Metropoliten
genannt) gehalten.
Eine weitere Ausbildung des Synodalwesens
erfolgte erst feit der Erhebung des Christentums
zur Staatsreligion. Man unterscheidet nunmehr
zwischen Reichssynoden (auch ökumenische ge-
nannt), Diöcesan- und Provinzialsynoden. Die
Reichssynoden, die der Idee nach als eine Ver-
tretung der ganzen christl. Welt (grch. oikumsns)
galten, wurden vom Kaiser berufen, durch einen
vom Kaiser beauftragten Bischof in Verbindung mit
kaisel'l. Kommissarien geleitet und geschlossen. Ihre
Beschlüsse wurden vom Kaiser bestätigt und voll-
streckt und hatten die Geltung von Reichsgesetzen.
Sitz und Stimme hatten lediglich Bischöfe. Die
Beschlüsse über die Lehre hießen Symbole, die über
die Gebräuche Kanones. Die erste dieser Reichs-
synoden war die von Nicäa (325); im Arianischen
Streite folgten sie sodann rasch aufeinander, und
öfters stand Synode gegen Synode. Die schließlich
siegreich gebliebene Partei betrachtete natürlich nur
die in ihrem Sinne abgehaltenen K. als rechtmäßig,
weshalb sich später eine verschiedene Zählung der
allgemeinen Kirchenversammlungen in der röm. und
griech. Kirche ergab. Die Diöcesansynoden
wurden von den Bischöfen einer polit. Diöcefe, d. h.
mehrerer Provinzen zugleich, beschickt und von den
Erzbischöfen (oder Exarchen), wo dergleichen be-
standen, berufen und geleitet. Daneben bestan-
den auch die alten Provinzialkonzilien unter
Leitung der Metropoliten fort. Seit der Spaltung
in abcndländ. und Morgenland. Kirche hielt jeder
Kirchenteil, wie übrigens früher schon öfters, seine
eigenen Synoden. Doch dauerten im Orient die
allgemeinen Kirchenversammlungen nur bis zum
Vilderstreite und wurden seitdem durch kleinere,
vom Patriarchen von Konstantinopel berufene Ver-
sammlungen auserlesener Bischöfe (grch. ^noäoi
6nä6inu83.i) ersetzt.
Im Abendlande traten seit der Gründung christl.-
german. Staaten an die Stelle der allgemeinen
K. die Nationalsynoden, die von den Königen
meist in Verbindung mit den Versammlungen der
Reichsstände einberufen wurden. Dergleichen Ver-
sammlungen wurden schon seit dem 6. Jahrh, in
Spanien und Gallien, später auch anderwärts abge-
halten. Besonders häufig wurden dieselben seit der
Karolingerzeit in Frankreich und Deutschland. Seit
der Wiederaufrichtung des röm. Kaisertums durch
Karl d. Gr. beanspruchten auch die Kaiser wieder
das Recht, allgemeine K. zu berufen, das ihnen je-
doch von den Päpsten streitig gemacht wurde. Doch
hat Heinrich III. von Deutschland auf der Synode
zu Sutri (1046) drei Päpste entsetzt und einen neuen
Artikel, die man unter K ver
Papst eingesetzt. Je mehr aber die päpstl. Macht
wuchs, desto mehr galten nur die vom Papste ein-
berufenen, gewöhnlich im Lateran zusammentreten-
den K. (s. Lateransynode) als ökumenisch. Eine
neue Gestalt nahmen die allgemeinen K. seit An-
fang des 15. Jahrh, infolge des großen Schismas
an. Als Repräsentation der "allgemeinen Kirche",
von Bischöfen, Äbten, Doktoren und fürstl. Ge-
fandten beschickt, beanspruchten diese Versamm-
lungen die höchste Gewalt in der Kirche, deren Ge-
setzen und Richtersprüchen auch die Päpste unter-
worfen seien (Episkopalsystem, s. d.), während
die Päpste und ihr Anhang den Satz aufstellten, daß
das Papsttum über dem K. stehe und mcht an seine
Entscheidung gebunden sei (Papal- oder Kurial-
syst e m). Aus dem Kampfe dieser beiden Anschauun-
gen ging zuletzt das Papsttum siegreich hervor. Nach-
dem zuerst auf den fog. Reformkonzilien zu Pisa
(1409), zu Konstanz (1414-18) und zu Basel (1431
-49) das Episkopalsystem die Oberhand gewonnen
hatte, wurde auf der fünften Lateranfynode (1512) der
Satz, daß das K. über dem Papste stehe, ausdrück-
lich verworfen, und auch auf dem für die röm.-kath.
Lehre maßgebenden Tridentinifchen K. (1545-63)
behielt nach harten Kämpfen das Papsttum mit sei-
nen Ansprüchen auf das Bestätigungs- und Inter-
pretationsrecht der Konzilienbeschlüsse das letzte
Wort. Trotzdem bestand auch nachmals in der kath.
Kirche zwischen dem kurialistischen und dem episko-
palistischen System ein nicht ausgeglichener Streit,
der erst auf dem letzten allgemeinen K., dem Vati-
kanischen (1869-70), zu Gunsten des unfehlbaren
Lehramtes des Papstes und feiner absoluten Herr-
schaft über die Kirche entschieden worden ist.
Als ökumenische, die ganze christl. Welt ver-
tretende K. erkennt die röm.-kath. Kirche, nächst
dem angeblich von den Aposteln zu Jerusalem ge-
haltenen, folgende 20 an: 1) das erste K. zu Nicäa
(325) gegen die Arianer (s. d.); 2) das erste K. zu
Konstantinopel (381), das die Lehre vom Heiligen
Geiste bestimmte; 3) das erste ephesinische (431),
das den Nestorius (s. d.) verdammte; 4) das zu
Chalcedon(451) gegen den Abt Eutychcs (s. d.) und
die Monophysiten (s. d.); 5) das zweite K. zu Kon-
stantinopel (553) zur Beilegung des Dreikapitel-
streites (s. d.); 6) das dritte K. zu Konstantinopel
(680) zur Verdammung der Monotheleten (s. d.);
7) das zweite K. zu Nicäa (787) zu Gunsten des
Bilderdienstes, wogegen Karl d. Gr. die Synode
zu Frankfurt (794) hielt; 8) das vierte K. zu Kon-
stantinopel (869) gegen den Patriarchen Photius
(s. d.); 9-12) die vier ersten Lateransynoden (s. d.);
13) die erste Lyoner Synode (1245) unter Inno-
cenz IV., auf der Kaiser Friedrich II. feierlich exkom-
muniziert wurde; 14) die zweite Lyoner Synode
(1274) unter Gregor X. zur Wiedervereinigung
mit der griech. Kirche; 15) die Synode zu Vienne
(1311) unter Clemens V. zur Aufhebung des
Templerordens; 16) das Konstanzer Konzil (s. d.);
17) das Baseler Konzil (s. d.), das übrigens von der
kath. Kirche nur teilweise anerkannt wird; 18) die
fünfte Lateranfynode; 19) das Tridentinische Konzil
(s. d.); 20) das Vatikanische Konzil (s. d.). Die
griech.-kath. Kirche erkennt nur die sieben ersten
ökumenischen K. an.
Die Akten und Dekrete der K. der kath. Kirche
sind am besten von Manst herausgegeben worden
(31 Bde., Flor. und Vened. 1757 - 98, bis 1590
reichend; neue Ausg., Par. 1884 fg.). - Vgl. He-
mißt, sind unter C aufzusuchen. Zg^