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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Lettres de cachet - Letztwillige Verfügung
Sckisfspapier; I,. äo repit (spr. -pih), Frist-, An-
standsbries, Moratorium; 1^. ä6 voiture (spr. woa-
tühr), Frachtbrief; I^ettres patentes (spr. palangt'),
1. Ordonnanz; I^6tti-e3 s)6i'3^n63 (spr. lettr pcrsan),
Titel eines Vuckes von Montesquieu (s. d.); Lsttr^s
^i'ovineiai68 ispr. -wängßiäl), Titel der Briefe
Pascals (s. d.) gegen die Jesuiten.
I"ettrss äo oaoket (frz., spr. lettr de kasckcb)
nannte man die Verhaftsbefehle der Könige von
Frankreich vor der Revolution. Die königl. schrei-
ben (I^6ttl63 1'0V5MX) Zerfielen in I^Ltti'63 ^llt6Nt63,
d. b. offene, und in 1^. ä. c., d. h. versiegelte Briefe.
Die erstern wurden auf Pergament geschrieben,
trugen die Namcnsuntcrschrift des Königs und die
Gegenzeichnung eines Ministers, waren nicht zu-
sammengefaltet, sondern nur am Rande umgebogen,
und dattcn das große Staatssiegel beigcdruckt. Alle
Verordnungen, Gnadenbriefe, Privilegien u. dgl.,
die aus der Staatskanzlei hervorgingen und vom
Parlament cinregiftricrt werden sollten, beiaßen
diese Form. Diel^.ä. c. oderi^tti-o" clo?08 bingegen
wurden entweder im Namen oder im Auftrage des
Königs auf Papier gesckrieben und mit dem kleinen
tönigl. Siegel verschlossen. Der Gebranck solcher
Schreiben, die außer der Signatur des Ministers
keiner Kontrolle unterlagen, war besonders seit der
Negierung Ludwigs XIV. äußerst ausgcdebnt. Der
Dos bediente sich gewöhnlich der Briefe, um ohne
Äufsebcn und Verantwortung in die Justiz, die Ver-
waltung, in die persönlichen Interessen oder das
Schicksal einzelner einzugreifen. Mißfällige Per-
sonen wurden auf diese Weise aus der Hauptstadt
oder dem Lande verwiesen, oder obne Urteil und
Recht in einem Staatsgefängnis untergebracht. Der
I^ieutenluit ^6n6i-3i der Polizei besaß gewöhnlich
im voraus ausgefertigte 1^. ä. c, in die er nur den
Namen des zu Verhaftenden cinfchrieb. Häusig war
auch die Verhaftung eine königl. Gnade, indem da-
dnrch der Betroffene der Justiz entzogen wurde.
Ebenso häusig aber wurden Ii. ä. c. Privatpersonen
aus Gunst zur Versügung gestellt. - Vgl. Mira-
beau, De8 I0tti'e8 äo clrc^et et äs3 pri30N3 ä'^tat
(Par. 1782). ^751 d).
Letze, Letzinen, s. Burg (Bd. 3, S. 752d u.
Letzlingen, Dorf im Kreis Gardelcgcn des preuß.
Reg.-Bez. Htagdeburg, in der Letzlinger Heide, hat
Post/Telegraph, evang.
Pfarrkirche und ein Jagdschloß. L., früher Alvcns-
lcdcnscher Besitz, wurde vom Kurprinzen Jobann
Georg angekauft. Das von ihm 1555 crricktete Sckloß
bewohnte zeitweise Kurfürst Friedrich Wilhelin; jetzt
ist es restauriert. Das königl. Nildgebcge in der
Letzlina, er Heide umfaßt die fiskalischen Obcr-
förstcrcien Kolbitz bei Wolmirstedt, Planken bei Nen-
haldenslcben, Vurgstall bei Dolle, L. und Iävcnitz
bei Gardclegen mit W (>74 ^a, Fläche.
Letzte Dinge, s. Eschatologie.
Letzte Blung, s. Ölung (letzte).
Letztes Viertel, s. Mond.
Letztwillige Verfügung, Letzter Wille,
Verfugung von Todes wegen, sedes Rechts-
geschäft, durch das der Erblasser für den ^all seines
Todes einem andern Vermögen zuwendet, also Ko-
dieill (s. d.), Erbvertrag (s. d.), Schenkung von Todes
wegen (s. d.), namentlich aber das Testament (s. d.).
Für die Errichtung einer einseitigen ^. V. (Testament
und Kodicill) genügt dem Gemeinen Rechte ein Altcr
des Testierenden von )2 und 14 I., je nachdem es
sich um weibliche oder männliche Personen handelt,
dem Vavrischen Landr. III, 3, §. 3, dem Sächs.
Bürgerl. Gesetzt?. §. 2066, dem Preuß. Allg. Landr.
I, 12, ß. 16 und dem Österr. Bürgerl. Gesetzb. §. 569
das Alter von 14 I., dem (.oäo civil Art. 903,
dem württcmb. Recbte und dem Deutschen Entwurf
lReichstagsvorlagc ß. 2203) erst das Alter von 16 I.
Erst von diesem Zeitpunkt vermag der Testierende
die Tragweite L. V. zu ermessen und sich ungehöriger
Beeinflussung zu entziehen. Von diesem Zeitpunkt
an bedarf er aber auch nicht mehr der Zustimmung
des gesetzlichen Vertreters. Das Preuß. Allg. Landr.
1,12,8.17 und das Österr. Bürgerl. Gesetzb. §.569
gestatten dem noch nicht 18 I. alten nur in mündlicher
Form und vor Gericht eine solche Verfügung zu er-
richten. Wer für einen Verschwender erklärt ist, ist
nach Gemeinem Rechte, dem Sächs. Bürgerl. Ge-
setzb. §. 2072, nach dem Bayrischen Landr. III, 3, §.3
nicht befugt, lctztwillig zu verfügen; nach dem
Deutschen Entwurf auch nicht der wegen Trunksuckt
oder Geistcsschwäche Entmündigte. Nach Preuß.
Allg. Landr. 1,12, §z. 27 fg., Anhang §. 42, sowie
nach dem Österr. Bürgerl. Gesetzb. §§. 568, 718 kann
der Verschwender (unter gewissen Beschränkungen)
nur über die .yälfte seines Vermögens letztwillig
verfügen, jedoch die errichtete Verfügung frei wider-
rufen. Nach Gemeinem Recht und Vayrifchem Landr.
111,3, ß. 3 kann ein wegen Geisteskrankheit Ent-
mündigter wäbrend eines lichten Zwischenraums
in gültiger Weise letztwillig verfügen; im Interesse
der Rechtssicherheit haben das Preuß. Allg.Landrecht,
das franz. Recht, Sächs. Bürgerl. Gesetzbuch und der
Deutsche Entwurf diefe Bestimmung nickt über-
nommen. Nach letztcrm kann auch nickt testieren,
wer bewußtlos oder wenn auch nur vorübergehend,
in der Gcistestbätigkeit gestört ist (§§. 2203,100,101).
Das sog. Privattestament, d. b. das nicht
vor obrigkeitlichen Personen errichtete, wird nach
Gemeinen: Recht mündlich oder schriftlich unter Zu-
ziebung von sieben Zeugen, nach Sächs. Bürgcrl.
Gesetzb. §§. 2104-2106 bei Anwesenheit von sünf
Zeugen errichtet, während das Österr. Bürgerl.
Gesetzb. ߧ. 577 - 586 nur drei Zeugen fordert.
Der 0oä6 civil Art. 969, 970, 1001, das Badische
Landrecht und das Österr. Bürgerl. Gesetzb. ß.578
gestatten die Errichtung ohne Zeugen in dem sog.
bolographcn Test ament, d. h. in einer von dem
Verfügenden eigenhändig geschriebenen, unter-
schriebenen und datierten Urkunde (das Österr.
Bürgert. Gesetzduck verlangt auch das Datum nicht).
Das Preuß. Ällg. Landr. I, 12, §§. 66 fg. und ver-
einzelte andere Rechte lassen, soweit die ordentliche
Errichtung in Frage steht, ein Privattestament nie-
mals zu. Dem Gemeinen Rechte, dem Preuß. Allg.
Landr. I, 12, §. 175, dem Bayrischen Landr. III, 2,
i^. 3 und einigen andern Rechten ist ferner die Er-
richtung der L. V. durch Annabme seitens des Lan-
desberrn bekannt. Nach einer Anzahl von Rechten,
namentlich im Norden Deutschlands, bestebt eme
5orm der Erricktuug vor Gemeindebeamten. -
Das sog. öffentliche Testament, d. b. die Er-
richtung vor einer obrigkeitlichen Person durch
mündliche Erklärung oder durch Übergabe einer
Schrift, kennt das Preuß. Landrecht als gericht-
liches, das franz., bad. und bayr. Recht als no-
tarielles, das Gemeine Recht und eine große Zabl
nouerer Gesetze in beiden Formen. Der Teutscke
Entwurf (Reichstag^vorlage) ließ das Privattesta-
mcnt in Form einer unter Angabe des Ortes und
Tages der Ausstellung eigenhändig geschriebenen