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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Madagaskar
Sakaläwa unabhängig gemacht hatten, Jetzt sind
von den Howa nnr noch unabhängig die Sakaläwa
(außer den südl. Antimenabe und einem Teile der
Boe'ni), die Mahäfali, die Antandroi, die Vara
<200000) und die ausgewanderten Antanössi, sowie
im Süden das jetzt wobl ausgestorbene Zwergvolk
der Wasimba, die man für die Urbewohncr hält.
Die Howa nebmen, wenn auch nur äußerlich, immer
mehr europ. Sitten und Gebräuche an. Unter diesem
Einfluß baben sich auch Städte und Dörfer ver-
doppelt; die Dichtigkeit, die im Durchschnitt 5-6
auf 1 tikm beträgt, ist in einzelnen Teilen bedeutend
größer. Die Howasprache, schon früher durch lat.
Buchstaben siriert, ist, durch viele Fremdwörter be-
reichert, Schriftsprache geworden, in der viele Bücher
und Zeitungen erscheinen. Nationalkleidung ist die
Lamba, ein Rock, der in den entlegencrn Gegenden
aus dünn geklopfter Baumrinde, im Centrum der
Howa aber aus Baumwolle und Seide gemacht ist.
Tättowieren und Bemalen ist noch häufig, ebenso
die Sitte der Blutsbruderschaft. Die Beschneidung
ist bei allen nichtchristl. Stämmen üblich. Die Frauen
)^rde)l gekauft und zum Schein geraubt.
Handel und Verkehr. Die Ostküste führt (meist
auf engl. Schiffen) Ochsen, Mais und Reis nach
Mauritius, Reunion und den Seychellen aus und
erbält dafür europ. Erzeugnisse und besonders Rum,
nack Europa Kautschuk, Rindshäute und Kopal. Die
Westküste verhandelt nach Sansibar und Bombay,
den Comorcn und der Küste Afrikas Reis, Ochsen-
häute, Orscille, Schildkröten, Wachs, Eben- und Pa-
lisanderholz gegen Baumwollzeuge, grobe Fayenee-
geschirre, Schießpulver, Steinflinten u. s. w. 1890
betrug die Ausfuhr 3 741855 Frs., davon.häute
980 000, Kautschuk 1376 676, Wachs 417 872,
Rinder 360 000 Frs. u.s.w.; die Einfubr 5597 260
Fr5., darunter Tertilwareu für 2 725 780 Frs. Die
eiuzige gangbare Münze ist das franz. Fünffranken-
stück, Dollar genannt; man schneidet es in viele
Stücke, die sorgfältig gewogen werden, weil Fäl-
schungen äußerst häufig sind. Die Verkehrswege
sind absichtlich vernachlässigt; das einzige Trans-
portmittel sind Träger. Doch können jetzt die Euro-
päer die ganze Insel frei bereifen und werden auck
von den unabhängigen Stämmen gastfrei auf-
genommen. Eine franz. Telegraphenlinie verbindet
Tamatave mit der Hauptstadt, aber kein Punkt ist
an das Telegrapbennetz der Welt angeschlossen. Zwei
Dampferlinien zwifchen Mauritius und Reunion
berühren auch einige Häfen M.s.
Verfassung und Unterricht. M. ist seit 1896 sranz.
Kolonie. Die frühere Königin Ranavalona III. be-
bält zwar Würde und Einkommen, hat aber gar
keine Regierungsrechte mehr. Diefe liegen vielmehr
in den Händen des franz. Gouverneurs. Obgleich
die Einfuhr von Stlavcn feit 1877 verboten ist, giebt
es doch noch zahlreiche Sklaven. Hauptreligion ist
der engl. Presbyterianismus. Katholiken giebt es
etwa 10000 unter einem Bischof in Tananarivo.
Der Schulbesuch ist gesetzlich vorgeschrieben; 1886
gab es 1167 malagassische und 1026 Missions-
schulen (hauptsächlich der londoner Mission) mit zu-
sammen 299 291 Schülern. In den Schulen wird
auch Englisch und Französisch gelebrt. Die Flagge
ist weiß mit rotem Viereck in der äußern untern
Ecke und den Buchstaben 1^1 im weißen Felde.
Städte. Die Hauptstadt Antananarivo oder
Tananarivo (d. i. tausend Dörfer) mitten im
Eentralmassiv, auf unebenem Terrain in 1460 m
Höhe gelegen, hat etwa 100000 E., darunter etwa
200 Europäer, meist Franzosen, größtenteils kleine
mit Ziegeln gedeckte Häuser in unregelmäßigen
Straßen und eine Anzahl auf europ. Weise errichtete
Gebäude. Die höchste Erbebung krönt das von
einem franz. Architekten erbaute königl. Palais.
Die Stadt ist Sitz des franz. Gouverneurs und hat
viel Industrie, besonders Fabrikation von ^amba.
Vom königl. Palais führt eine gepflasterte Straße
durch die Stadt und 20 km weiter bis zu der nörd-
lich gelegenen heiligsten Stadt Ambohimanga,
auf der Spitze eines isolierten Felsens, an dessen
Fuße heiße Quellen entspringen. Die Hauptstadt
der Betsileo, das südlich von Tananarivo in 1300 m
Höhe gelegene Fianarantsoa, mit 5500 E., ist
Sitz eines franz. Residenten. Das Handelseentrum
der Ostküste ist Tamatave oder Taomasina mit
15 000 E., darunter etwa 100 Europäer, hauptsäch-
lich Franzosen. Es liegt auf einer fchmalen Halb-
infel, die init einem davorliegenden Korallenriff eine
gute Reede bildet, und ist Sitz eines sranz. Residen-
ten sowie eines deutschen Konsuls. Von hier aus
geht der größte Teil des Handels nach den Mas-
karenen und nach Europa. 1890 kamen an 255
Handelsschiffe mit 71129 t, darunter 183 englische,
39 französische, 11 deutsche und 10 dänische. Gute
Häfen der Ostküste sind ferner das ungesunde Foule-
pointe oder Mahavelona, Fenerife oder Fenoa-
rivo, der Haupthafen für den Reiserport, Port-
Louquez, fowie die franz. Bai von Antomboka
(s. d.). Der belebteste Hafen der Westküste ist der
der alten Sakaläwabauptftadt M ajunga oder Mo-
janga (10000 E.), Sitz enies franz. Residenten; sein
Verkehr kommt dem von Tamatave nabe, bat vor
diesem aber den Vorzug der leichtern Verbindung
mit der Hauptstadt. Exporthafen für Orseille ist
Tullear, Tolia oder Ankotsaoka an der Südwest-
küste mit etwa 5000 E. Das hafenlose Andovo-
ranto an der Ostküste (3000 E.) ist der Ausgangs-
punkt für Toureu nach der Hauptstadt, den man von
Tamatave aus läugs der Küste erreicht.
Entdcckuugsgeschichte und Geschichte. M., bei
den Eingeborenen Nossi-Ndambo (Insel der Wild-
schweine), von den Eingeborenen der umliegenden
Inseln Tani-be (Großes Land), von den Arabern
Dschesiret el-Komr (Mondinsel) genannt, wurde
2. Febr. 1506 von dem Portugiesen Fernando
Soares, der zur Flotte Almeidas gehörte, entdeckt
und seitdem lange Zeit als St. Lorenzinsel, von
den ältern franz. Ansiedlern auch als Dauphine
bezeichnet. Holländer und Engländer machten seit-
dem vergebliche Versuche, sich daselbst niederzulassen,
noch mehr aber die Franzosen. 1642 gründete die
l^ocil't" ä" i'Oricmt eine Niederlassung an der
Bucht von Ste. Luce im SO., die sie später nach der
Halbinsel Tolangara verlegten, wo sie das Fort
Dauphiu erbauten; dasselbe wurde aber 1672 wieder
aufgegeben; auch neue Versuche, in der zweiten
Hälfte des 18. Jahrh, dafelbft fowie auf der Insel
Ste. Marie und an der Antogilbai im NO. Nieder-
lassungen zu gründen, hatten nur vorübergehenden
Ersolg. Erst die Einmischung der Engländer, die mit
Hilse der Howafürsten festen Fuß zu fassen suchten,
führten dazu, daß die Franzofen energisch an die
Unterwerfung gingen. Durch Verträge mit ein-
beimischen Häuptlingen gewannen sie 1841 Nossi-
Be und einige benachbarte Eilande. Das Haupt-
hindernis gegen die Festsetzung der Europäer auf
M. war das 1810 von König Radäma I. begrün-