Schnellsuche:

Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

Diese Seite ist noch nicht korrigiert worden und enthält Fehler.

821
Meteorologie
bestimmt man die Änderung der Witterung von
Tag zu Tag. So ermittelt man, wieviel Grade die
Temperatur von einem Tag zum andern steigt oder
sinkt. Das Mittel ans diesen Zahlen wird als
Wärmeschwankung von Tag zu Tag oder in-
terdinrne Veränderlichkeit bezeichnet. Von
besonderer Wichtigkeit sind die Andernngen in den
Witternngszuständen im Lauf eines Tages, die
tägliche Periode, und im Jahr, jährliche Pe-
riode. Die Ursache derselben ist dieBewegnng der
Erde nm ihre Achse und die Sonne. Anßerdem giebt
es auch noch andere periodische Witterungsände-
rungen. So hat man eine Alltägige Periode im
Verlauf der Gewittererscheinnngen gefnnden, deren
Grund in der Sonnennmdrehung oder dem Mond-
wechsel gesncht wird. Eine große Rolle spielt die
elfjährige Periode in der Häufigkeit der Sonnen-
flecken, wodnrch ein gleichlangcr pcriodiscker Verlauf
in den Witterungsvcrhältnissen an der Erdober-
fläche bedingt werden soll. Sogar die aus Vielsachen
von 11 bestehenden größeren Perioden der Sonnen-
flecken sollen in den Witternngsersckeinungen, na-
mentlich überflntnngen sich abspiegeln. Nencrdings
vertritt Brückncr einen 35iäbrigen periodischen Ver-
lauf der Witterung. Solche langjährige Perioden
nennt man säkulare Kliin a s ch w an kn n g e n.
Die Normalwerte, die Veränderlichkeiten uud
Schwankungen der Witternngselemente bestinnnen
das Klima eines Ortes. Es werden also die oben
dargestellten, den Meteorologischen Zentral-
stellen (s. d.) zustehenden Arbeiten den Grund zu
der Klimatologie (s. d.) zu legen babeu und zu
dem weitern Ansbau dieses sich sowohl der Biologie
als auch der Geographie nähernden Teiles der M.
fortzuführen sein.
Immer mehr zweigt sich von der klimatologiscbc-n
Behandlnng der Teil der M. ab, den mau vielfach
als neue oder moderne M. zu bezeichnen pflegt.
Diese gehört zu den mathem.-phvsik. Wissenschaften,
indem sie alle Bewegungscrscheinungen, Konden-
sationsvorgänge, Temperaturbewegungen u. s. w.
init den Hilfsmitteln der Mathematik und Physik zu
erklären und in Formeln zu fassen bestrebt ist. Ein
Zweig dieser nenern M. ist z. B. die dynamische
M., deren specieller Forschnngsgcgeustand die Ve-
schreibnng der großen Luftbewegungen mittels der
Hydrodynamik und der mechan. Wärmetbeorie ist.
Eine eigentümliche Stellung nimmt der Zweig
der M. ein, den man als praktische M. oder
ausübende Witterungstunde bezeichnet
findet. In erster Linie fällt ihr die Wettervor-
aussage zu. Sie sammelt täglich die telegr. Mit-
teilnngcn der Beobachtungen, stellt damit Wetter-
karten (s. Meteorologische Kartenwerke) und Wetter-
berichte (s. d.) her, auf Grund deren alsdann Wetter-
prognosen (s. d.) und Sturmwarnungen (s. d.) auf-
gestellt oder erlassen werden. Außer dieser der ge-
samten Bevölkerung gewidmeten Thätigkeit bat die
praktische M. noch die Anfgabe, bestimmten Er-
werbszweigen dienstbar zu sein; so sind nach und
nach Unterabteilungen der praktischen M. entstan-
den. Die Agrarmeteorologie hat die Aufgabe,
die Landwirtschaft zu unterstützen; die f orst li ch e
M. behandelt die Einwirkung der Witterung auf
die Entwicklung der Wälder und umgekehrt deren
Einwirkung auf die Witterungsvorgänge. In der
m ari tim en M.werdendie auf schiffen gefammelten
Beobachtungen wissenschaftlich verarbeitet und um-
gekehrt die über Wind und Wetter erlangten wissen-
schaftlichen Erkenntnisse zur Aufstellung von Segel-
ronten und Belehrungen über das Wesen der Stürme
sowie die Abwendung der schädigenden Wirkrmg der-
selben für die Schiffe verwendet. Der ^turm-
warnungsdienst sührte zur Entwicklung der K ü st en-
oder litoralcnM. Das Stndinm der Einwirkung
der Himmelskörper auf die Witterung hat man viel-
fach als kosmische M. bezeichnet.
Die M. wnrde bereits von den Griechen, Römern
nnd den andern Kulturvölkern des Altertums ge-
pflegt. Als Meteorolog. Schriftsteller sind Aristo-
teles, Theophrast, Lucretius Carus, Plinins d. A.,
Sencca, auch Virgil und Columella zu nennen, im
16. Jahrh. Fr. Vacon von Vernlam und Rene
Descartes. Der rege Aufschwung der Meteorolog.
Forfchnng der Gegenwart wurde durch Alexander
von Humboldt und Leopold von Vnch sowie Kämtz
nnd Dove eingeleitet. Als Pflegestätten der M.
wnrden immer mehr Meteorolog. Centralstellen
und Stationen begründet und für die Vt. als
Wissenschaft an den'hochschulen Lehrstühle errichtet.
Kräftige Unterstützung erfährt die Arbeit der Cen-
tralstellen durch die meteorologischen Gesell-
schaften, die es in Schottland, England, Frank-
reich, Italien, Österreich n. s. w. schon längere Zeit
giebt. In Deutschland wnrde 1780 durch den Kur-
fürsten Karl Theodor die Mannheimer Meteorolo-
gische Gesellschaft (ZocikwL moteorolo^icHl'lüatwa)
und eine bayrische Meteorolog. Gesellschaft begrün-
det. 1883 fand die Begründung der Deutschen Me-
teorologischen Gesellschaft in Hamburg statt. 1872
traten auf Anregung von Vruhns, Ielinek und Wild
mehrere Meteorologen zu einer Konferenz in Leipzig
zusammen, um ein gleichmäßiges Vorgehen aller
Meteorolog. Centralanstalten und Stationen zu er-
zielen. Diese Konferenz gab Vcranlassnng zu zwei
Kongressen l^Wien 1873 und Rom 1879) und einer
Konferenz der Repräsentanten der Meteorolog.
Dienste aller Länder zu München (1891), die einen
mehr offiziellen Charakter hatten. Die Kongresse
setzten ein "internationales Komitee" ein, das Sitzun-
gen in Wien (1873), Utrecht (1874 und 1878), Lon-
don (1876), Rom (1879), Bern (1880), Kopenhagen
(1882), Paris (1885), Zürich (1888) und Upsala
(1895) abhielt. Eine Zusammenstellung der Be-
schlüsse dieser Versammlungen publizierte H. Wild im
16. Bd., Nr. 10 seines "Nepertoriums für M.". Am
16.-18. Aug. 1894 fanden zu Antwerpen und 17.
-23. Sept. 1896 zu Paris wieder internationale
Meteorologcnkongresse statt.
Die Ergebnisse der Veobachtnngen an den Meteo-
rolog. Stationen werden von den Centralstellen
mehr oder weniger ansführlich pnbliziert. Die mei-
sten Centralstellcn geben Jahrbücher (Annalen)
herans und nur wenige haben etwas andere For-
men zu amtlichen Publikationen gewählt. Die
Centralstellen in Merlin, Chemnitz, Hamburg, Karls-
ruhe, München, ^traßburg und Stuttgart publi-
zieren ihre Jahrbücher unter dem gemeinsamen Titel
"Teutsches Meteorologisches Jahrbuch". Außerdem
werden von den meisten Centralstellcn noch beson-
dere Schriften herausgegeben. So in Deutschland
von der Seewarte Abhandlungen: "Aus dem Archiv
der Seewarte", vom preuß. Institut: "Abhand-
lungenv, vom sächsischen: "Klimahefte" und "Ab-
bandlungen", von der bad. Centralanstalt: "Arbeiten
über die Hydrographie des Rheines" u.s.w. Wichtige
Arbeiten publizieren die Meteorolog. Institute von
England, Indien und Nordamerika in verschiedener