Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Nieuport - Nièvre
Begriff einer deutschen Knltur iin höchsten Sinne
zu bauen, als deren hoffnungsvollste Ansätze ihm
die Philosophie Schopenhauers und die Kunst
Wagners erschienen. Die Gedankenwelt einer zwei-
ten, in Aphorismenbüchern sich äußernden Periode
("Menschliches, Allzumenschliches", 2 Bde., 1878
-79; 4. Aufl. 1895; "Morgenröte", 1881; 3. Aufl.
1897; "Die fröhliche Wissenschaft", 1882; 3. Aufl.
1897) wird eingeleitet durch eiue Abkehr von der
pessimistischen Philosophie Schopenhauers und der
im "Parsifal" christlich-ascetisch gewordenen Kunst
Wagners und ist radikal skeptisch in philosophischen,
entschieden atheistisch in religiösen und übernational
in Dingen der Politik, Kultur und Kunst. Es be-
ginnt eine einschneidende Kritik der Entstehung uud
des Wertes der heutigen Moral, die ihn dazu führt,
die heute herrschenden Werturteile als Werte des
absteigenden Lebens (der nihilistisch-christlich-asce-
tischen, demokratischen Dekadenz) zu verwerfen und
ihnen seine neuen aristokratischen, lebenbejahenden
Zukunftsideale entgegenzustellen. Dies geschieht
zuerst in poetisch-symbolischer Form im ersten Werke
seiner dritten Periode: "Also sprach Zarathustra"
(1883-85; 0. Aufl. 1897); die folgenden (der Zu-
sammenhängenden Gedankenentwicklung sich wieder
nähernden) Werke: "Jenseits von Gut und Böse"
(1886; 6. Aufl. 1896), "Zur Genealogie der Moral"
(1887; 6. Aufl. 1896), "Der Fall Wagner" (1888;
5. Aufl. 1896), "Götzendämmerung" (1888; 5. Aufl.
1896) führen die immer radikaler werdende Kritik der
Modernität und Moral weiter; sein unvollendet ge-
bliebenes Hauptwerk: "Die Umwertung aller Werte",
sollte die Zarathustra-Lehren in philos. Darstellung
entwickeln. N. ist ein Psychologe ersten Ranges und
ein Stilist, der die deutsche Sprache um neue Stil-
formen und Ausdrucksmöglichteiten bereichert hat,
als Dichter der Schöpfer eines neuen Dithyramben-
stils; er verbindet das feinste künstlerische Form-
gefühl mit großer Leidenschaft des Denkens. Eine
Gesamtausgabe seiner Werke (Bd. 1-10, Lpz.1895
-96) ist im Erscheinen begriffen; eine Biographie
giebt seine Schwester, Elisabeth Förster-Nietzsche,
heraus (Bd. 1, Lpz. 1895). Zur ersten Einführung
in N.s neue Gedankenwelt ist der Essay von Peter
Gast in der 2. und 3. Auflage des "Zarathustra" am
geeignetsten. - Vgl. Kaatz, Die Weltanschauung
F. N.s (2 Tle., Dresd. und Lpz. 1892-93); Lou-
Nndreas-Salome, F. N. in seinen Werken (Wien
1894); E. Kretzer, F. N. (Franks, a. M. 1895).
Nieuport (vläm. Nieuwpoort, spr. nihw-),
Stadt in der belg. Provinz Westflandern, am Mer,
3 km von der Meeresküste, an der Linie Dixmuiden-
N. (17 km) der Staatsbahnen und Ostende-N.-
Veurne der Vicinalbahnen, mit 3180 E., Fischerei,
Segel-, Tau- und Netzfabrikation. N. hat eine Tuch-
halle (15. Jahrh.) und Seebäder. Dampftrambahn
führt nach Ostende (8 km). Hier siegte 2. Juli 1600
Moritz von Oranien über Erzherzog Albert.
Nieutvediep (spr. nihwe-), Hafen in Holland,
f. Helder. Moorkolonien.
Nieuwe Pekel Aa (spr. nihwe), s. Fehn- und
Nieuwe Waterweg (niederländ., spr. nihwe,
d. i. Neuer Wasserweg), kanalisierter Maasarm zwi-
schen Rotterdam und der Nordsee. Als die Maas-
mündung westlich von Rotterdam durch Versandung
für die Schiffahrt unbrauchbar geworden war, wurde
der Voornesche Kanal gegraben. Als sich dieser un-
genügend erwies, wurde seit 1866 die Maas selbst
ausgetieft und mit 'Änderung ibres Laufs bei Hoet
van Holland in die Nordsee geführt. Die Sckiffahrt
auf dem so entstandenen N. W. ist nicht durch
Schleusen gehemmt. ,
Nieuwpoort, belg. Stadt, s. Nieuport. !
Nievo, Ippolito/ital. Dichter, geb. 30. Nov.
1832 zu Padua, studierte daselbst Philosophie, Ge-
schichte und Litteratur, und begleitete 1859 als
Ossizier den Zug Garibaldis nach Sicilien. Auf
der Rückkehr von dort starb er beim Schifsbruch des
Dampfers Ercole im März 1861 in der Nähe des
Golfs von Neapel. Unter feinen Novellen haben
am meisten Aufsehen erregt die nach seinem Tode
erschienenen " ()0nt'688i0iii äi un ottua^iiai-io"
(2 Bde., Flor. 1867; neue Ausg., ebd. 1887; deutsch
von I. Kurz in den "Italienischen Novellisten", hg.
von Paul Heyse, LpZ. 1877), ein Roman, der dre
Geschichte Italiens von 1775 bis 1858 bebandelt.
Seine lyrischen Dichtungen erschienen als "?068i6"
(Flor. 1883, 1886).
Nievre (spr. nlähwr), rechter, 531cm langer Ne-
benfluß der Loire im Innern Frankreichs, mündet bei
Nevers und giebt dem Departement N. den Namen.
Nievre (spr. mühwr), Departement im Innern
Frankreichs, bis auf Geringes aus der Provinz Ni-
vernais gebildet, begrenzt von Donne im N., Cöte
d'Or im O., Saöne-et-Loire, Ällier im S., Cher
im W. und Loiret im NW., mißt 6816,2 hkm und
hat (1891) 343581 E. (4064 weniger als 1886).
N. umfaßt die vier Arrondiffements Chäteau-Chi-
non, Clamecy, Cosne und Nevers mit 25 Kantonen
und 313 Gemeinden und hat Nevers zur Haupt-
stadt. Die wellenförmige Bergterrasse von
Nivernais geht im O. in das Morvangebirge
über, dessen höchste Erhebung im Quellgebiet der
Ionne (Pic du Vois du Roi 902 m) liegt und
welches die Wasserscheide zwischen Loire- und Seine-
gebiet bildet. Die im S. und W. fließende Loire
nimmt rechts den Aron und die N., links an der
Grenze den schiffbaren Allier auf. Der 174 km
lange Kanal von Nivernais verbindet Loire mit
I)onne und neben der obern Loire läuft noch ein
192 km langer Seitenkanal von Roanne herab.
Der Boden besteht großenteils aus einem Gemenge
von Thon und Sand und ist ziemlich fruchtbar; das
Klima ist etwas kalt und feucht, nur in den Thälern
ist es warm und gesund. Die Getreideproduttion
(1894: 1801428 Kl Weizen, 394580 KI Roggen,
1893: 6122 t Gerste, 20323 t Hafer) deckt nicht den
Bedarf. Auf dem Kiesboden längs der Loire wird
viel Wein gebaut (im Durchschnitt von 1884 bis 1893:
178429 kl, 1894 aber 257196 kl auf 10463 klr
Boden), unter dem der weihe von Pouilly-sur-Loire
der beliebteste ist. N. ist reich an Wäldern (Eichen,
Buchen), besonders im Osten; Gemüse, Obst (1894
wurden 25946 Kl Cider bereitet), Hanf und Safran
werden viel gebaut, und die Viehzucht liefert kräftige
Pferde, schöne Rinder (es gab 1887: 183898 Stück)
und feinwollige Schafe (182679). Der Hauptreichtum
von N. besteht in Kohlenflözen, besonders bei De-
cize, welche 1894: 188039 t Steinkohlen lieferten,
und in der bedeutenden Eisen- und Stahlindustrie,
woneben noch Fayence-, Topfwaren- und Leinwand-
fabrikation blühen. Die Mineralquellen zu Parize-
le-Chütel im Süden, St. Honore im Südosten und
Pougues im Westen sind die bekanntesten. An
Eisenbahnlinien (392,6 km) sind Clamecy-Cercy-la-
Tour, Aurerre-Nevers-Antun und Paris-Nevers-
Lyon vorhanden. Das Departement hat 474,5 km
Nationalstraßen. An höhern Unterrichtsanstalten