Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Omajjaden
von 661 bis 750 (s. Chalif, Bd. 4, S. 77 d und
78 3>). Als dort ihr Reich in die Hände derAbbasiden
kam, gründeten die O. in Spanien ein nenes unab-
hängiges Reich. Abo ar-Rahmän I., ein Enkel
des Omajjadenchalifen Hischäm, flüchtete sich nach
Westafrika, setzte, von den Gegnern der damals in
Spanien herrschenden Partei unterstützt, über die
Meerenge von Gibraltar und bemächtigte sich nach
mehrern siegreichen Gefechten der .Hauptstadt Cor-
doba (756). Trotz mannigfaltiger Empörungen und
einer mächtigen Koalition, der auch Karld. Gr. seine
Unterstützung gewährte, behauptete er sich doch und
ward der Gründer des uuabhängigen Reichs der O.
von Cordoba, das, fast ganz Spanien umfassend,
im Norden bis über den Ebro hinaus und bis zu den
Gebirgen Altcastiliens, Asturiens, Leons und Ga-
liciens sich erstreckte. Die Regierung seiner Nach-
folger, Hischäm 1. (788-796) und Hak am I. (bis
822), war sehr unruhig. Das von Pelayo (Pela-
gius) gegründete neue christl. Königreich Asturien
dehnte sich immer mehr nach Süden und Westen
aus. Hakam hatte zwar in den letzten Jahren seiner
Regierung die aufrührerischen Mohammedaner so-
wohl als die Christen in Toledo gezüchtigt, doch
brachen unter seinem Sohne und Nachfolger Abo
ar-Rahmän II. (bis 852) wieder ernste Un-
ruhen aus, die ihn nötigten, gegen die Rebellen,
namentlich gegen die fanatischen Christen, mit aller
Strenge zu verfahren. Zwar begnügte er sich noch
mit dem Titel eines Emir (Befehlshaber), wetteiferte
aber mit dem Hofe von Bagdad an Glanz und
Pracht und zog durch feine Freigebigkeit die ausge-
zeichnetsten Gelehrten, Dichter und Künstler an iei-
nen Hof. Sein Sohn und Nachfolger Mohammed
(bis 886) hatte gegen die christl. Spanier, die unter
Alfonso III. Asturien, Navarra, Galicien und Leon
beherrschten, schwere und unglückliche Kriege zu füh-
ren. Dazu kamen noch die Einfälle der Normannen
und die Empörung des Omar ibn Hafßun, die auch
noch unter Mohammeds Sohn und Nachfolger
Mundsir fortdauerte. Mundsir wurde (888) wäh-
rend der Belagerung von Bubastro, der Festung,
welche Ibn Hafftun verteidigte, auf Anstiften feines
Bruders Abd Allah getötet, der ihm auch auf dem
Throne folgte. Abd Allah setzte den Krieg gegen Ibn
Hafhun, dem sich noch andere Rebellen anschlössen,
mit wechselndem Glück fort, und dieser gefährlichste
aller Aufstände wurde erst unter feinem Enkel und
Nachfolger Abd ar-Rahmän III. (912 - 961)
vollkommen unterdrückt.
Unter diefem Fürsten, der zuerst, wie die Chalifen
im Osten, den Titel Emir el-Müminin (Beherrscher
der Gläubigen) annahm, gelangte das Chalifat der
O. in Spanien auf den höchsten Punkt der Macht.
Abd ar-Rahman erlitt zwar schwere Verluste in sei-
nem Kriege gegen Ordono II., Namiro II. und Or-
dono III., doch blieb er zuletzt Sieger und wurde
von den unter sich selbst uneinigen Christen als Hel-
fer und Vermittler angerufen. Auch war er Be-
schützer der Kunst und Wissenschaft und Förderer
des Handels, der Industrie und des Ackerbaues.
Seinem Beifpiel folgte fein Sohn und Nachfolger
Hakam II. (bis 976), ebenso berühmt als För-
derer von Kunst, Wissenschaft und Volksbildung
wie glücklich in seinen Kriegen gegen die Christen
und gegen die Idrisiden und Fatimiden in Afrika,
denen er einen Teil von Mauritanien entriß.
Mit feinem Tode beginnt der Verfall des fpan.
Omajjadenreichs. Unter feinem Sohn Hischäm II.,
der bei seinem Regierungsantritt erst 11 Jahre alt
war, stritten ehrgeizige Männer um die Regentschaft,
bis endlich Ibn Abi Amir, der durch Mtistische
Maßregeln auch die Unterstützung der Geistlichkeit
erlangte, seine Rivalen beseitigte und unter dem
Beinamen Almanßur (der Siegreiche) die Zügel
der Regierung allein führte, während der Chalif
zur Rolle eines machtlosen Scheinherrschers herab-
sank. Diese Verhältnisse dauerten auch nach dem
Tode Manßurs (1002), der durch glänzende Siege
über innere und äußere Feinde zu immer größerer
Macht emporgestiegen war, unter dessen Sohne Abd
al-Melik (bis 1008) fort. Als aber des letztern Bru-
der Abd ar-Rahmän den schwachen Chalifen bereden
wollte, ihn felbst zu feinem Nachfolger zu ernennen,
wurde er gestürzt, Hischäm zur Abdankung ge-
nötigt (1009) und gefangen genommen und Mo-
hammed, ein Urenkel Abo ar-Rahmans III., der
die Empörung geleitet hatte, auf den Thron er-
hoben. Die erbliche Reihenfolge der O. hatte hier-
mit ihr Ende erreicht und das Reich wurde nunmehr
der Schauplatz fortwährender innerer Unruhen,
welche durch die unter den verschiedenen Rassen
(Berbern, Slawen und Araber), aus dcnen die Be-
völkerung und das Militär zusammengesetzt war,
fortdauerndeil Kämpfe genährt wurden und das
Entstehen kleiner selbständiger Reiche in den Pro-
vinzen möglich machten. Mohammed, der nicht die
erforderliche Gewandtheit befaß, die unruhigen Ele-
mente zu beschwichtigen, konnte sich nur eine kurze
Weile behaupten; noch im selben Jahre wurde er
gestürzt und mit Unterstützung der Berbern Sulei-
man (1009) auf den Thron erhoben. Der neue
Chalif wurde bald (1010) durch die Slawen ge-
stürzt, die Hischäm II. aus dem Kerker holten und
in die verlorene Herrschaft wieder einsetzten. Er
wurde jedoch (1013) abermals von Suleiman besiegt.
1016 bemächtigte sich Ali ibn Hammüd, der Statt-
halter von Ceuta, der Regierung, dem bald Abd ar-
Rahmän IV. (1018-19) entgegentrat. So dauer-
ten, mit geringen Unterbrechungen, die Thronstrei-
tigkeiten und Bürgerkriege fort. Niederholt gelang
es den Berbern, die Herrfchaft der hammuditiscken
Familie zu übertragen. Es folgten aufeinander der
Hammudite Al-Käsim, Bruder des Ali (1019-23)
Abd ar-Rahmän V., Bruder des Mohammed II.
(1023), Mohammed III., der sich kaum die erste
Hälfte des I. 1024 behaupten konnte, der Ham-
mudite Iahjä, Neffe des Käsim (1025-27). Noch
einmal versuchte man es in Hischäm III. (1027-31),
Bruderdes Abd ar-RahmanIV., die Herrschaft einem
O. zu erringen; er wurde aber nach kurzer Regierung
gestürzt. Er ist der letzte Chalif aus dem Geschlecht
der O. Nach feinem Sturze löste sich die arab.
Herrschaft im maur. Spanien in eine Reibe kleiner
unabhängiger Königreiche und Republiken auf.
In den verschiedenen Teilen des Reichs herrschten
die Familien der Hammuditen (Malaga und Alge-
stras), der Ziriden (Granada), der Beni Hud (Sara-
gossa), der Abbadiden (Sevilla) u. a. m. In ibren
Kämpfen gegeneinander nahmen sie nicht fetten die
Hilfe der christl. Fürsten in Anspruch, denen manche
von ihnen tributpflichtig wurden. Die christl. Macht
nahm dann unter Ferdinand I. und Alfons VI.
immer größeren Auffchwung. Die mohammed. Herr-
schaft in Spanien wäre unter solchen Umständen
der völligen Vernichtung anheimgefallen, wenn nicht
(1086) durch die Herbeirufung der in Afrika mittler-
weile zu bedeutender Macht emporgekommenen Al-