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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Osmanisches Reich (Geschichte)

Anmerkung: Fortsetzung des Artikels 'Osmanisches Reich (Geschichte)'

nisation des Kriegswesens freie Hand. Die infolge der Janitscharenmetzelei eingetretene momentane Wehrlosigkeit der Türkei benutzend, hatte Rußland den Sultan im Okt. 1826 den Traktat von Akjerman (s. d.) abzuschließen genötigt, der die staatsrechtlichen Verhältnisse Serbiens, der Moldau und der Walachei nach den Bestimmungen Rußlands regelte und diesem einige feste Plätze an der tscherkessisch-abchasischen Küste zusprach. Hiermit noch nicht zufrieden, wußte das russ. Kabinett, nachdem die Türkei über die griech. Frage schon mit England und Frankreich in Mißhelligkeiten geraten war und in der Seeschlacht bei Navarin ihre Flotte eingebüßt hatte, einen Krieg herbeizuführen, in dessen Verlauf Graf Diebitsch bis nach Adrianopel vordrang und selbst die Hauptstadt zu bedrohen schien. (S. Russisch-Türkischer Krieg von 1828 und 1829.)

Der Friedensschluß von Adrianopel, der (14. Sept. 1829) diesen Krieg beendete, bedeutete eine große Machtverringerung der Pforte und ein Steigen des russ. Übergewichts im Orient. Die Pforte mußte sich zur Anerkennung der Unabhängigkeit Griechenlands verstehen, die fast völlige Selbständigkeit der Donaufürstentümer und lebenslängliche Herrschaft der Hospodare zugestehen, mehrere feste Plätze an der Ostküste des Schwarzen Meers abtreten, sich zu einer Kriegsentschädigung von 10 Mill. Dukaten verpflichten und Handelsschiffen freie Durchfahrt durch Dardanellen und Bosporus gewähren. Nachdem Mahmud hierauf die Aufstände in Albanien und Bosnien 1831 unterdrückt hatte, wandte er sich gegen Mehemed Ali von Ägypten. Dieser hatte als Lohn für seine Dienste gegen die Griechen das Paschalik von Damaskus verlangt, aber eine abschlägige Antwort erhalten. Nun suchte er sich ganz Syriens zu bemächtigen, fiel 1831 in Syrien ein, eroberte 1832 Akka, schlug die gegen ihn ausgesandten Heere bei Homs, Beilan und Koma, drang 1833 bis Kutahia vor und bedrohte Konstantinopel. Rußland benutzte die Verlegenheit der Pforte, dem Sultan den Vertrag von Hunkiar-Iskelessi (8. Juli) aufzunötigen, worin die Pforte ein Defensivbündnis auf acht Jahre mit Rußland einging und sich verpflichtete, keinem fremden Kriegsschiff die Durchfahrt durch die Dardanellen zu gestatten. Inzwischen hatte Mahmud durch den Frieden von Kutahia (4. Mai 1833) Syrien und Cilicien an Mehemed Ali abtreten müssen. Die Wiedergewinnung dieser Provinzen war seitdem das Ziel der Politik Mahmuds. Das Bestreben Mehemed Alis, die Westküste des Persischen Meerbusens nebst Basra in seine Gewalt zu bringen, machte das für Ostindien besorgte England zum Bundesgenossen der Pforte. Es schloß mit ihr 1838 einen Handelsvertrag, worin ihm freie Ausfuhr aus allen Teilen des türk. Reichs, also auch aus Ägypten und Syrien, zugesichert wurde. Da Mehemed Ali diesen Vertrag nicht anerkannte, entsetzte ihn Mahmud aller seiner Würden und ließ ein Heer unter Hafis Pascha in Syrien einrücken. Dieses wurde aber 24. Juni 1839 bei Nisib geschlagen, und 30. Juni starb Sultan Mahmud. Ihm folgte sein Sohn Abd ul-Medschid (1839–61), ein schwächlicher Prinz von 17 Jahren. Bald nach seiner Thronbesteigung fiel 14. Juli 1839 auch die Flotte ab und ging zu Mehemed Ali über. Nun nahmen sich die Großmächte, die, Frankreich ausgenommen, 15. Juli 1840 einen Vertrag zum Schutz der Türkei geschlossen hatten, des bedrängten Reichs ↔ an; eine engl.-österr. Flotte eroberte Beirut, Saida und Akka, und Mehemed Ali mußte Syrien, Cilicien, Kreta, Arabien herausgeben und sich mit dem erblichen Paschalik von Ägypten begnügen.

Die Regierung Abd ul-Medschids war trotz seiner persönlichen Unfähigkeit glücklicher als diejenige seines Vaters, da er die Leitung der Staatsangelegenheiten fast ganz bewährten Staatsmännern überließ. Sein bedeutendster Minister, Reschid Pascha (s. d.), verfolgte mit Beharrlichkeit den Plan, das Reich Osmans durch innere Reformen den Westmächten anzunähern. Sein erster Schritt in dieser Richtung war die Veröffentlichung (3. Nov. 1839) des Hatt-i-Scherif von Gülhaneh, einer Staatsakte des verstorbenen Sultans, die durch Anerkennung der polit. Rechte der Rajah die Befreiung der Pforte von der Bevormundung Rußlands zu fördern suchte. Rußland strebte nämlich nach einem Protektorat über sämtliche Christen in der Türkei, um dadurch Gelegenheit zu fortwährenden Interventionen zu haben. Am 2. März 1853 verlangte Fürst Menschikow als außerordentlicher russ. Botschafter in Konstantinopel das Zugeständnis eines religiösen Schutzrechts Rußlands über alle griech. Christen in der Türkei. Da die Antwort abschlägig lautete, so rückte Rußland im Juli in die Donaufürstentümer ein. Die Pforte erklärte ihm infolgedessen den Krieg, den sie mit Hilfe Frankreichs und Englands glücklich führte und der im wesentlichen vor den Wällen von Sewastopol ausgefochten wurde. (S. Orientkrieg.) Nach dem Fall dieser Festung trat ein Kongreß in Paris zusammen, und 30. März 1856 wurde der dritte Pariser Friede (s. d.) unterzeichnet, wonach Rußland das Nordufer der Donaumündung an die Türkei abtreten mußte und diese in die europ. Staatengemeinschaft aufgenommen wurde. Dies letzte Zugeständnis war der Pforte infolge des Hatt-i-Humajun vom 18. Febr. 1856 gemacht worden, eines Manifestes des Sultans, durch das völlige Religionsfreiheit eingeführt und jedes polit. Vorrecht des Islam aufgehoben werden sollte. Diese Neuerung rief den heftigsten Unwillen der Mohammedaner hervor. Im Sommer 1860 fanden von seiten der Drusen (s. d.) blutige Christenverfolgungen in Damaskus und im Libanon statt. Gegen den Wortlaut des Pariser Friedensvertrags intervenierte Frankreich, indem es 4500 Mann nach Beirut sandte, die 10 Monate im Lande blieben. Ebenso konnten die Moldau und die Walachei es wagen, gegen den Pariser Traktat und den Willen der Pforte sich (Dez. 1861) zu einem einzigen Staat zu vereinigen, der den Namen Rumänien (s. d., Geschichte) annahm. Abd ul-Medschid starb 25. Juni 1861 und hinterließ den zerrütteten Staat seinem Bruder Abd ul-Asis (1861–76), dessen Regierung zu den unheilvollsten dieser Dynastie gehört. Der unaufhörliche Wechsel der Beamten und Verschwendungen des Großherrn wirkten in schädlichster Weise, immer neue Anleihen stürzten das Land in finanzielle Bedrängnis, und besonders wurde es immer schwerer, das aus so verschiedenen Elementen zusammengesetzte Reich zusammenzuhalten. Allerdings wurden Aufstände in Bosnien und Montenegro noch unterdrückt, jedoch mußten den Serben die in ihrem Lande noch von den türk. Truppen besetzten Festungen übergeben werden, und die Erhebung des Prinzen Karl von Hohenzollern auf den Fürstenthron von Rumänien (1866) bewies die Ohnmacht des Diwan in diesem Vasallenstaate.

Anmerkung: Fortgesetzt auf Seite 685.