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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Phönizien
werden in der Völkertafel der Vibel zu den Hanuten
gerechnet, doch hat sie die neuere Forschung mit der
größten Wahrscheinlichkeit als Semiten erwiesen.
Nach griech. Nachrichten sind sie vom Erythräischen
(Persischen) Meer her eingewandert; aber auch hier
bietet die Überlieferung keine Gewähr. Ihre ältesten
Städte sind Sidon, Beirut, Gebäl (Vyblos), bald
auch Aradus; im S. Sarepta, Sur (Tyrus), Akka
und verschiedene Niederlassungen bis in die phili-
stäische Küstenebene (s. Karte: Palästina); alle
ihre Hauptstädte waren unabhängig voneinander,
mit eigenen Königen oder Fürsten. Doch hatte bald
die eine, bald die andere das Übergewicht über die
andern und wurde eine Art Vorort, zuerst wohl
Gebäl, seit etwa 1500 v. Chr. Sidon, später vom
12. oder 11. Jahrh, an Tyrus. Unter ihrem 18. und
19. Königshaus (17. bis 14. Jahrh.) wollen die ägypt.
Pharaonen sie beherrscht haben. Aber schon damals
waren die Seefahrten der Phöniker längst im Gang.
Sie besiedelten zuerst ganz Cypern (anfänglich von
Gebäl aus), ergriffen dann Besitz von einzelnen Punk-
ten der tleinasiat. Küste, von Rhodus (Hauptort
Ialysus), Kreta, Kythera und andern Inseln; nicht
nachweisbar sind sie dagegen auf dem griech. Fest-
land. Nirgends gingen sie auf Ländererwerb aus,
sondern legten an geeigneten und geschützten Orten
ihre Faktoreien an, die zum Teil zu Städten er-
wuchsen, vertrieben von da aus ihre Waren und
holten Rohprodukte. Als sie aus diesen Gebieten,
selbst zum Teil auf Cypern, etwa von 1200 bis 1100
an durch die Hellenen verdrängt wurden, zog sie
ihr Unternehmungsgeist mehr westlich, nach Malta,
Sicilien (Solus, Panormos, Motye), Nordafrika
(Ntica, Hippo, Hadrumetum, Karthago), Süd- und
Südwestküste von Spanien, wo sie (jenseit der
Herculessäuleu) Gades gründeten, das selbst wie-
der Ausgangspunkt ihrer Fahrten und Siedelungen
an der atlantischen Küste Afrikas und Europas, bis
nach Britannien und der Ostsee wurde. Alle diese
westlichern Niederlassungen galten als tyrische Ko-
lonien, und zwar sind auch sie in erster Linie Han-
delskolonien. Hier lockte der Wettkampf mit den
gleichfalls seemächtigen Etruskern.
Als Handelsvolk und damit zugleich als Ver-
mittler der Kultur der Völker stehen die Phönizier
einzig da im Altertum. Die Lage ihres Landes an
der Meeresküste mit vielen durch Vorgebirge und
natürliche Hafendämme geschützten Buchten, zwi-
schen den blühenden und früh kultivierten Staaten
in den Euphratländern und am Nil machte es zum
natürlichen Stapelplatz der Waren beider Gebiete
und zum Centralpunkte des Handels für den Osten
und Westen, überallhin drang zu Wasser und zu
Lande der phöniz. Groß- und Kleinhändler vor.
In Memphis hatten die Tyrier ein besonderes
Stadtquartier inne. In großen Handelsstädten
gab es phöniz. Handluugshäuser und kaufmän-
nische Innungen. In den Ruinen Ninives hat man
Gewichte gefunden mit assyr. und zugleich mit
phöniz. Bezeichnung. Von Ägypten und den Häfen
des Noten Meers aus führten sie ihre Handelswege
nach Nubien (zu Ipsamdol hat sich eine phöniz. In-
schrift gefunden), nach Arabien und Indien. Eine
Hauptstation dieses Handels war in alter Zeit
Ezjongeber bei Elath, von wo sie in Verbindung
mit König Salomo Schiffe bis nach dem Goldland
Ophir (an der Südostküste Arabiens) entsandten.
Andere Straßen führten sie nach den Euphratlän-
dern und bis zum Persischen Meerbusen. Die Ge-
genstände ihres Handels waren überaus mannig-
faltig, wie z. B. die Beschreibung des Handelsver-
kehrs von Tyrus beim Propheten Ezechiel, Kap. 27,
und die überall in den genannten Gegenden vor-
kommenden phöniz. Ortsnamen, auch phöniz. Be-
nennungen von Handelsgegenständen, Maßen und
Gewichten in der griech. und andern Sprachen be-
zeugen. Sklavenhandel steht mit obenan. Aus
Spanien holten sie Silber, aus Indien und Asrika
Gold, aus Arabien Arome und Spezereien. Für
einheimische Industrieprodukte galten besonders
Purpurfärbereien, die sie jedoch auch aus Babylo-
nien brachten, Webereien, Metallarbeiter", Glas-
waren (auch in Ägypten uralt), Geräte, Bildwerke
und Ornamente aus Metall, Elfenbein, Ebenholz
und Bernstein. Sie sind überhaupt mehr Zwischen-
händler als eigentliche Produzenten gewesen, und
mit den Waren haben sie die Kultur des Ostens,
vor allem die Buchstabenschrift vermittelt.
Über die ältere Geschichte der phöniz. Städte
ist nicht viel bekannt. Aus der Zeit der Vorherr-
schaft von Tyrus kennt man einen König Abibaal
(etwa Davids Zeitgenossen), dann dessen Sohn
Hiram (s.d.); weiterhin (887-856) Itubaal, Schwie-
gervater des Ahab von Israel, der nördlich von
Byblos die Stadt Botrys gründete. Im stemmten
Jahre seines Urenkels Pygmalion (820-774) soll
dessen Schwester Elissa (Dido, s. d.), von der Volks-
partei gedrängt, mit vornehmen Familien flüchtig
geworden sein und das tyrische Karthago (s. d.) ge-
aründet haben. Seit dem 9. Jahrh, ist in den assyr.
Inschriften viel von Tributzahlungen der phöniz.
Städte an die assyr. Großkönige die Rede. Die
Macht der Tyrier und der Handel der Phönizier
überhaupt sowie ihre Herrschaft in den Kolonien
wurde durch die Kriegszüge der Assyrer nach Vor-
derasien und Ägypten während der zweiten Hälfte
des 8. Jahrh, gebrochen, im Laufe des 7. Jahrh,
durch die Chaldäer noch mehr heruntergebracht und
endlich zu Anfang des 6. Jahrh, durch den Pharao
Hophra (Apries) gänzlich vernichtet. Später wurde
die phöniz. Küste von den Persern, dann von Aleran-
der d. Gr. erobert und unter der röm. Herrschaft,
wie noch heute, zu Syrien gerechnet. Unter all die-
sem Wechsel der Oberherrschaft behielten die Phöni-
zier, wenigstens bis zur pers. Periode berab, ihre
Staatsverfassung bei mit denselben drei Elementen,
die sich auch in Karthago finden, dem Volke, den
aristokratischen Geschlechtern, aus denen ein weiterer
und engerer Senat hervorging, und dem erblichen
Königtum, dem das Priestertum zur Seite stand.
Von derReligionder Phönizier ist wenig Siche-
res bekannt. Sie steht im engen Zusammenhang mit
der Babylons und war anscheinend wesentlich Natur-
dienst: sie erkennt eine männliche und eine weibliche
Naturkraft an, die in verschiedenen Formen und
Modifikationen teils als allgemeine, teils als parti-
kulare und lokale Gottheiten erscheinen. Die be-
deutendsten sind Baal (s. d.), unter griech. Einfluß
später als höchster Gott des Himmels (Vaalsamim,
von den Griechen mit Zeus oder Kronos verglichen),
ursprünglich ein an den verschiedensten Stellen auf-
tretender Stadtgott; als Stadtgott von Tyrus heißt
er z. V. Melkart (Herakles). Neben ihm steht gleich-
falls als eine erst nach und nach aus zahlreichen
Lokalkulten erwachsene Göttin Astarte (s.d.). Außer-
dem gab es noch den Adonis (s. d.), die Kabiren
(s. d.) und eine zahllose Menge anderer Gottheiten;
auch die Sonne, der Mond, die Planeten, Flüsse.