Schnellsuche:

Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

Diese Seite ist noch nicht korrigiert worden und enthält Fehler.

818
Rhein (Strom)
weggeräumt. Seit 1830 aber wurden seitens Preu-
ßens ausgedehnte Sprengarbeiten vorgenommen,
die arn Vinger Loch zwei Fahrwasser und überall
sonst ein ausreichend breites Fahrwasser von im
allgemeinen genügender Tiefe schafften. Von 1830
bis 1887 wurden 58 377 cdm gesprengte Massen
weggeräumt, darunter von 1867 bis 1877 allein
27194 odm. Die Breite des Mittellaufs ist sehr
wechselnd; sie beträgt bei Geisenheim 628, bei Aß-
mannshausen 250, bei Koblenz 313, bei Unkel 259,
bei Bonn wieder 377 m. Auf dieser Strecke nimmt
der R. links die Nahe, Mosel, den Vrohlbach und
die Ahr, rechts die Wisper, Lahn, Wied und Sieg auf.
Bei Köln beginnt der Niederrhein, der bis
zur Mündung in die Nordsee noch 343 km Länge
(wovon auf deutschem Gebiet 177,4 km) hat. Das
Gebirge hört auf der linken Seite vollständig auf,
und auch auf der rechten Seite tritt es immer mehr
zurück, bis der Strom in einer vollständigen Tief-
ebene stießt. Unterhalb Emmerich, wo er bei Hoch-
wasser 9000 cdm in der Sekunde führt, tritt der
Strom in die niederländ. Provinz Geldern über.
2,5 km unterhalb teilt er sich. Der linke, südl. Arm
(84 km lang) heißt bis Lövenstein die Waal, von
da bis Dordrecht (24 km lang) die Merwede,
bis Krimpen (9 Km) der Nord; von Krimpen geht
dieser Arm an Rotterdam vorbei (in 48,6 km Länge),
anfangs Oude, dann Nieuwe Maas genannt,
am Hoek van Holland in die Nordsee. Der rechte,
nördl. Arm geht als Pannerdenscher Kanal
bis Westervoort oberhalb Arnheim und teilt sich
dann in zwei Arme. Der rechte fließt als Neue
Yssel in dem Bette des Kanals, den Drusus be-
hufs der Vereinigung des R. mit der Alten 3) ssel
graben ließ, weiter bis Doesborgh, wo er mit der
letztern zusammenfällt, um sich mit diesen vereinten
Wassern in den Zuidersee zu ergießen. Der linke
Arm strömt unter dem Namen R., der Waal ziem-
lich parallel, bei Wageningen und Nhenen vorbei,
nach Wijk bij Durstede, von wo an er Lek heißt,
und entsendet hier einen sehr schwachen Arm, der aber
als Hauptstrom gilt, unter dem Namen Kromme
Rijn nach Utrecht, von wo aus ein Kanal ihn mit
dem Lek bei Vianen in Verbindung setzt. Von Utrecht
aus stellt auch seit 1892 der Mcrwedekanal eine
schiffbare Verbindung mit Amsterdam einer- und
der Waal bei Gorinchem andererseits her. Während
nun der Lek an Schoonhoven vorbei in die Nieuwe
Maas fließt, sondert sich vom R. bei Utrecht aber-
mals ein Arm ab, welcher die Vecht heißt und
sich bei Muiden in den Zuidersee ergießt. Der übrige
R., beinahe nur einem Graben noch ähnlich, fließt
als Oude Rijn von Utrecht über Leiden bei Nijns-
burg vorbei nach Katwijk-op-Rijn, wo derselbe noch
zu Anfang des 19. Jahrh, sich in den Sand verlor.
Früher hatte er bei Katwijk aan Zee einen Aus-
fluh in die See. In neuester Zeit hat man mit
Überwindung vieler Schwierigkeiten die in den Sand
sich verlierenden Gewässer in einem Kanal gesammelt
und mit Hilfe dreier Schleusen den Ausfluh wieder-
hergestellt. Die Breite des ungeteilten Nicderrheins
beträgt bei Köln 522 m, bei Wesel 610 m und bei
Emmerich 992 m. An Seitenkanälen hat der R.
auf dieser Strecke den Erft-, Rheinberger- und Spoy-
kanal. Nebenflüsse des Niederrhcins sind links die
Erft und die Maas, rechts die Wupper, Ruhr,
Emscher und Lippe.
Die Tiefe des R. beträgt in normalem Zustande
in der Oberrheinischen Tiefebene bis Plittersdorf
1,4 bis 2,5 m, von da bis Bingen 2,o bis 3,4 (strecken-
weise sehr viel mehr), von Vingen bis Köln 3,4
bis 4,4, von da abwärts 4,4 und mehr.
Die höchste Quelle des R. liegt 2902 m, Reichenau
nur noch 586 m ü. d. M., das Mittelwasser bei
Vregenz 397, bei Neuhausen unterhalb des Rhein-
falls 360, bei Basel 245,8, Kehl 135,7, Plittersdorf
110,7, Mannheim 89,3, Mainz 82,2, Bingen 78,1,
Koblenz 60,4, Köln 38,8, Emmerich 12,5 m. Der
R. ist sehr fischreich und liefert außer den sog.
Rheinstören, Neunaugen, Hechten und Karpfen be-
sonders Salme, die im Frühling von der See strom-
aufwärts ziehen. Die Goldwäscherei, die früher be-
trieben wurde, lohnt sich heute nicht mehr. Früher
bereitete der Übergang große Schwierigkeiten; jetzt
führen mehrere feste Brücken, großenteils Eisen-
bahnbrücken, über den N., so innerhalb des Deut-
schen Reichs bei Hüningen, Neuenburg, Altbreisach,
Kehl, Maxau, Gcrmersheim, Altluhheim, Mann-
heim, Mainz (2), Koblenz (2), Köln, Düsseldorf,
Hochfeld und Wesel. Bei Rastatt, Worms und
Bonn sind feste Brücken im Bau oder projektiert.
Außerdem stellen noch viele Schiffbrücken und zahl-
reiche Fähranstalten die Verbindung her.
In merkantiler Hinsicht ist der R. der wichtigste
Strom Europas. Da er die volksdich^eften und in-
dustriereichsten Länder des Kontinents durchstießt,
in eins der befahrensten Meere der Erde, Großbri-
tannien gegenüber, ausmündet, durch Nebenflüsse
und Kanalnetze mit dem Innern Deutschlands,
Asterreich-Ungarns, Frankreichs, Belgiens und Hol-
lands verbunden wird und zahlreiche Eisenbahnen
seine Ufer begleiten oder an ihnen auslaufen, hat
er einen weit gröftern Verkehr als irgend ein ande-
rer Strom des Erdteils. Schon die Römer suchten
die Schiffahrt zu regeln. Die Franken behielten
mit den übrigen Steuereinrichtungen der Römer
auch die Nheinzölle. Vielfach gehemmt und erschwert
wurde der Verkehr, als seit dem 13. Jahrh, neben
der Vrandschatzung raublustiger Ritter die deutschen
Kaiser und die geistlichen und weltlichen Fürsten die
Rheinzölle zu einer ergiebigen Quelle ihrer Ein-
nahme machten. Nachdem zuerst auf dem Rastatter
Kongresse das franz. Direktorium die Freigabe der
Schiffahrt auf dem N. zur Sprache gebracht hatte,
wurde von Napoleon I. mit dem deutschen Kurerz-
kanzler 15. Aug. 1804 eine Octroi-Konven-
tion geschlossen, die die Zollerhebungen wenigstens
regelte. In Holland wurde 31. Okt. 1810 die
Schiffahrt freigegeben, allein nach dem Sturze Na-
poleons war es gerade Holland, das den Bemühun-
gen der andern Rheinuferstaaten nach freier Schiff-
fahrt den stärksten Widerstand entgegensetzte. Die
von ihm erhobenen Zölle und Gebühren sielen erst
durch den zollvercinsländisch-niederländ. Handels-
vertrag vom 31. Dez. 1851, nachdem innerhalb des
Zollvereins, dem Baden beigetretcn war, schon be-
deutende Erleichterungen durchgesetzt worden wa-
ren. Weitere Ermäßigungen brachte die Konven-
tion der Nheinuferstaaten vom 12. Dez. 1360.
Trotzdem waren die Abgaben, welche auf der Rhein-
schiffahrt lasteten, noch hoch genug. Erst nach dem
Kriegsjahre 1866 konnte Preußen mit Baden,
Bayern und Hessen über Aufhebung sämtlicher Ab-
gaben verhandeln, und es wurde 17. Okt. 1868
zu Mannheim eine neue Nhemschissahrtsakte unter-
zeichnet. Sie giebt die Schiffahrt auf R., Lek und
Waal unter Beobachtung gewisser Bestimmungen
und allgemeiner polizeilicher Vorschriften frei.