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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

Schlagworte auf dieser Seite: Roman

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Roman (Litteraturgattung)

manen von den Riesen Gargantua und Pantagruel (1532 und 1535). Eine bedeutende Rolle spielt im 16. und 17. Jahrh. der Schäferroman (s. Schäferpoesie). Das 17. Jahrh. ist zugleich die Blüte pathetischer, von Gelehrsamkeit überladener Geschichtsromane, von Haupt- und Staatsaktionen, Liebes- und Heldengeschichten ungeheuren Umfangs, die auffallend an die ersten griechischen R. erinnern; diese Gattung vertritt in Frankreich Madelaine de Scudéry, in Deutschland Philipp von Zesen, Anselm von Ziegler und Kliphausen ("Asiat. Banise", 1688) und Lohenstein ("Arminius", 1689). Hier überall herrscht trotz Rabelais und Cervantes noch immer die der Wirklichkeit abgewandte Romantik; die politischen R., wie des Engländers Th. Morus "Utopia" (1516), Barclays "Argenis" (1621; verdeutscht von Opitz) und Fénelons "Télémaque" (1717), sind in dieser Hinsicht nicht viel besser.

Aber auch der Rückschlag ging von dem klassischen Lande des R., von Spanien, aus. Mendoza eröffnete durch seinen "Lazarillo de Tormes" (1554) die Schelmen- und Vagabundenromane; ihm folgte Alemans "Guzman de Alfarache" (1599). In dieser Richtung entstanden in Deutschland die realistischen Zeitsatiren Moscherosch' und vor allem Grimmelshausens lebenswahrer "Simplicissimus" (1669), ein packendes Sittenbild aus dem Dreißigjährigen Kriege, weiterhin Christian Reuters komischer Lügenroman "Schelmuffsky", in Frankreich Scarrons "Roman comique" (1662) und Lesages "Histoire de Gil Blas" (1735); ja Defoes berühmter "Robinson Crusoe" (1719) und die ungeheure Litteratur der Robinsonaden und Aventurierromane gehen im letzten Grunde auf den span. Schelmenroman zurück. Auch in England wurde "Lazarillo" noch im 16. Jahrh. (1586) übersetzt, wie auch "Das Leben des Guzman de Alfarache" als "Spanish Rogue". Thomas Nash schrieb noch im 16. Jahrh. in Nachahmung der Spanier den "Jack Wilton". 1665 verfaßte dann Richard Head "The English Rogue", der von Franz Kirkman fortgesetzt wurde. Trotz der ermüdenden Breite ist dieser R. wichtig, weil er auf Defoes R., nicht auf seinen "Robinson", wohl aber auf seinen "Colonel Jack", "Captain Singleton", "Moll Flanders u. a. einwirkte. In England selbst entstand noch im 17. Jahrh. der erste Negerroman "Oroonoko" von Aphra Behn (1640-89), der das Vorbild für alle spätern R. dieser Art wurde, auch noch auf "Onkel Toms Hütte" stark einwirkte. Die mancherlei pikanten Situationen des Schelmenromans und seiner Ausläufer wurden in Frankreich das Thema schlüpfriger Salon- und Boudoirromane, die auch nach Deutschland herüber wirkten. Der Klassiker dieser Richtung war der phantastische Crébillon (1707-77), der seine Erfindungen gern in den märchenhaften Orient verlegt, während in Deutschland Wieland, der Schüler Lucians, Griechenland zu ihrer Stätte macht.

Hatte bis dahin die Tendenz auf die Wirklichkeit und Gegenwart stets einen komisch-frivolen Charakter gehabt, so beginnt der ernsthafte Sitten- und Familienroman mit dem Engländer Richardson, der zugleich der Schöpfer des Briefromans war. Seine bis zur Langweiligkeit einseitige Tugendtendenz wurde in England selbst bald ergänzt durch den saftvollen realistischen Humor Fieldings und Smollets, durch den sentimentalen Humor der Sterneschen Ich-Romane, der noch bei Jean Paul und Tieck Früchte trug. An die Schelmenromane erinnern vielfach noch Dickens und Thackeray. Dagegen wirkte Richardson gerade durch seine moralische Einseitigkeit und seine idealistische Psychologie überwältigend auf den R. des Festlandes. J. J. Rousseau, der Vater des romantischen Naturgefühls, der begeisterte Vorkämpfer des Rechts der Leidenschaft, der Aristokratie einer schönen Seele, trat in der "Nouvelle Héloise" in Richardsons Fußstapfen, und Goethe stand in "Werthers Leiden", dem poet. Meisterwerke dieser Gruppe, auf beider Schultern (vgl. Erich Schmidt, Richardson, Rousseau und Goethe, Jena 1875). Damit hatte der R. in den Mittelpunkt der socialen Interessen hereingegriffen und sich einen nahezu beherrschenden Platz auf den Höhen der Litteratur errungen. Erst mit jenen dreien begann der moderne R.

Goethes "Werther" hatte einen internationalen, alle Stände umfassenden Erfolg. Aber die Masse des deutschen Lesepublikums zog doch auf die Dauer die humoristischen Plattheiten Nicolais, Engels, Hermes', die das Schlüpfrige streifenden R. Wielands, Heinses, Thümmels, Lafontaines, die im 19. Jahrh. an Clauren einen berüchtigten Nachfolger fanden, vor allem die aufregenden Ritter- und Räuberromane der Spieß, Cramer, Vulpius, über die sich Fouqué trotz aller adlig-romantischen Deutschtümelei und aller blassen Tugend künstlerisch nicht viel erhebt, Goethe bedeutend vor, und der sentimentale Humorist Jean Paul zumal schlug in der Gunst der Gebildeten die Klassiker weitaus. Da nahm Goethe in so gewaltig einschneidenden Werken wie den "Wahlverwandtschaften" und vor allem im "Wilhelm Meister" noch einmal das Wort, die tiefsten socialen Fragen mit sicherer Künstlerhand berührend. Auf dem "Wilhelm Meister", diesem von der romantischen Schule überschwänglich gefeierten Werk, beruht der moderne Bildungs- und Künstlerroman, wie Tiecks "Sternbald", Friedrich Schlegels "Lucinde", Novalis' "Heinrich von Ofterdingen", im weitern Fortschritt Immermanns "Epigonen" und Gottfried Kellers "Grüner Heinrich". Die Jüngern lernten wenigstens von dem Altmeister auf die Zeichen der Zeit achten. Romantische Anregungen, die aus Deutschland kamen (darunter die genialen Schauerromane E. T. A. Hoffmanns, Fouqués "Undine" u. a.), riefen in Frankreich Victor Hugo und Eugen Sue, in Italien Manzoni, in England den schott. Romantiker Walter Scott hervor, der nun seinerseits auf Deutschland zurückwirkte und dort die lange Episode des historischen R. (Spindler, Wilibald Alexis, Freytag, Ebers, Dahn) veranlaßte. Immermanns wundervolle Dorfgeschichte im "Münchhausen" fand sehr bald bei Bitzius (Jeremias Gotthelf), Auerbach, Rosegger, Max. Schmidt u. a. Nachfolge. Den engl. Seeromanen Coopers und Marryats thaten es in Deutschland Sealsfield und Gerstäcker nach. Die Zuckungen der Revolutionszeit zeitigten in Frankreich einen großen Romanschriftsteller in dem glänzenden Sittenschilderer Honoré de Balzac, neben ihm die talentvolle Verfechterin der Frauenrechte, George Sand, während die R. Jungdeutschlands (Gutzkow, Laube, Meißner, Spielhagen) künstlerisch nicht so hoch stehen. Unter den deutschen Romanschriftstellern der jüngsten Vergangenheit und Gegenwart ragen hervor Gust. Freytag, Anzengruber, Gottfr. Keller, Fontane, Sudermann; auch der Humoristen K. von Holtei und des plattdeutsch schreibenden Fritz Reuter sei nicht vergessen; die Novelle, die bei grö-^[folgende Seite]