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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

Schlagworte auf dieser Seite: Romanische Sprachen

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Romanische Sprachen

meinen stehen sich zwei Schulen entgegen, die des Südens (die romanische), welche in Niccolò Pisano ihren Höhepunkt erreicht und gedrungene Gestalten von lebhafter Bewegung nach antikem Vorbild schafft, und die des Nordens (die germanische), welche am Dom zu Freiberg und der Kirche zu Wechselburg in Sachsen ihren Gipfel hat. Diese zeigt ernste, mäßig bewegte Gestalten, welche manchmal bis zur Karikatur gestreckt erscheinen. So namentlich bei den Franken und Ostgoten. Überall erhält sich aber der german. Sinn für das Phantastische, Fratzenhafte in Ornament und Figur neben dem Ausdruck einer tief erregten Kirchlichkeit, die Tiersage oft unvermittelt neben der Heiligenlegende und der biblischen Erzählung. - (S. die Tafeln und die Litteratur bei den Artikeln: Deutsche Kunst, Englische Kunst, Französische Kunst u. s. w.)

Romanische Sprachen, die aus dem Lateinischen in einem Teile der einst dem Römischen Reiche angehörigen Länder hervorgegangenen Sprachen. (S. die Ethnographische Karte von Europa, Bd. 6, S. 430.) Mit der Erweiterung der röm. Herrschaft ging die Ausbreitung der röm. Sprache Hand in Hand; es wurde also das Lateinische zunächst nach Süditalien und Sicilien gebracht, dann nach Sardinien, Spanien, Oberitalien, Illyrien, Südfrankreich, Nordfrankreich, Rhätien und endlich nach Dacien. Die Sprache, die in diese Länder getragen wurde, war nicht das Lateinische der Litteratur, sondern die im Anfange allerdings nur wenig davon verschiedene Umgangssprache, das Vulgärlatein. Auf dessen ältester Form beruht das Sardinische, das infolge des geringen Verkehrs mit dem Festlande den ausgleichenden Bestrebungen wenig zugänglich gewesen ist und noch heute ein altertümliches Gepräge bewahrt hat. Sodann würde das illyrische Romanische folgen; allein es ist die Sprache an der Küste schon im Mittelalter durch das Venetianische völlig verdrängt worden und bat nur in dem jetzt wohl auch ausgestorbenen Dialekt der Insel Veglia einen von venet. Bestandteilen stark durchsetzten Rest hinterlassen; in den Bergen ist nach langem Kampfe die vorröm. Sprache (das Albanesische) schließlich Herr geworden, nicht ohne tiefgehende Beeinflussungen durch das Lateinische erlitten zu haben. In der geschichtlichen Reihenfolge kommen weiter das Spanische und Portugiesische, dann das Südfranzösische, das Nordfranzösische, das Rhätische im Kanton Graubünden, in Tirol, in Friaul, einst auch in Triest und Venedig und weithin in der mittlern und östl. Po-Ebene. Den Schluß bildet das Rumänische und das Italienische, welch letzteres allein eine ununterbrochene Entwicklung darstellt. Die durch die Zwischenräume in der Zeit der Romanisierung bedingten veränderten Formen des Vulgärlatein, die die Grundlage für die einzelnen Sprachen bilden, prägen sich nun aber nicht ganz scharf aus in den roman. Idiomen, da der beständige gegenseitige Verkehr während der röm. Herrschaft stets wieder einen Teil der Verschiedenheiten ausglich. Erst seit dem 6. Jahrh., als das alte Reich zerfiel und eine Reihe von Einzelstaaten an die Stelle des einheitlichen Römerreichs trat, entwickeln sich die Völker und daher auch die Sprachen unabhängiger voneinander und prägen sich bestimmter aus, weshalb man in diese Zeit den Anfang der R. S. setzen kann. - Vgl. H. Schuchardt, Der Vokalismus des Vulgärlateins (3 Bde., Lpz. 1866-68); J. Jung, Die roman. Landschaften des Römischen Reichs (Innsbr. 1881); Budinszky, Die Ausbreitung der lat. Sprache (Berl. 1881); G. Gröber im "Archiv für lat. Lexikographie", I. (Lpz. 1884).

Auch später haben mehrfache Verschiebungen stattgefunden. Von der Grafschaft Roussillon aus dringen die Provençalen nach Südwesten und erobern allmählich die span. Küste; die Abart des Provençalischen, das in Catalonien, Valencia und auf den Balearen und Pithyusen gesprochen wird, heißt das Catalanische. (S. Catalanische Sprache und Litteratur.) In Italien greift das Venetianische stark um sich und erobert sich die dalmatin. Küste, einen großen Teil der Po-Ebene und dringt namentlich in Tirol mächtig in rhätisches Gebiet hinein; desgleichen rückt das Lombardische gegen die Alpen vor und das Piemontesische drängt das Provençalische, das einst im Sturathal gesprochen wurde, zurück und findet nur an den noch heute provençalisch sprechenden Waldensern Widerstand. Mit Wilhelm dem Eroberer hält das Französische seinen Einzug in England und bildet sich zu einem eigenen Dialekt, dem Anglonormannischen, aus, um freilich um die Mitte des 14. Jahrh. wieder zu verschwinden; endlich erwerben die überseeischen Eroberungen der roman. Völker der roman. Sprache große neue Gebiete. Die vorröm. Sprachen sind, vom Baskischen abgesehen, in den roman. Ländern spurlos verschwunden. Wie weit diese Sprachen die jeweilige Ausbildung des Vulgärlatein beeinflußt haben, ist eine noch ungelöste Frage, doch wird von manchen das französisch-norditalienisch-rhätische ü (frz. mur, dur) für keltisch, die Eigentümlichkeiten des florentin. Dialektes für etruskisch gehalten und die süd- und mittelital. Mundarten scheinen in manchen Dingen beträchtlich das oskisch-umbrische Lautsystem widerzuspiegeln. Der Wortschatz der Romanen ist seiner Hauptsache nach der lateinische und zwar zerfallen die lat. Bestandteile in zwei Klassen, Erbwörter und Schriftwörter, d. h. in solche, die von Geschlecht zu Geschlecht überliefert wurden, und solche, die erst in späterer Zeit aus der lat. Kirchen-, Gerichts- oder Gelehrtensprache in die Volkssprache gedrungen sind (vgl. z. B. frz. avoué als Erbwort neben dem Gerichtsausdruck advocat). Die kelt. Wörter, die im Französischen wohl am zahlreichsten sind, beziehen sich fast ausnahmslos auf Gegenstände und Verrichtungen, die die Römer erst von den Kelten kennen lernten. (Vgl. R. Thurneysen, Keltoromanisches, Halle 1884.) Der german. Elemente sind weit mehr, und zwar beziehen sie sich auf das Gerichts- und Kriegswesen, auf Jagd und Schiffahrt, wohl auch auf Kleidungsstücke, Haartracht und Haarfarbe. Beachtenswert ist, daß auch viele Verba und Adjektiva, die geistige Eigenschaften bezeichnen, und sogar einzelne Adverbien, wie frz. guères, von den Germanen entlehnt sind. Im Spanischen trifft man teils iberische, teils arab. Wörter, letztere auch in Sicilien; vom Westen dringen manche auch nach Frankreich und Italien. Am buntesten ist das Rumänische, wo slaw., türk., neugriech. und illyrisch-albanesische Elemente sich mit den lateinischen vermischt haben. (Vgl. A. de Cihac, Dictionnaire d'étymologie dacoromane, 2 Bde., Frankf. 1870, 1879.) Der grammatische Bau dagegen, die Formenlehre und die Syntax, bleibt von fremdem Einfluß unangetastet. In der Formenlehre tritt eine große Vereinfachung ein. Von den fünf lat. Casus bleiben nur Nominativ und Accusativ,