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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Rußland (Geschichte 1762-1825)

Peter fiel als Opfer einer durch seine Gemahlin Katharina angestifteten Verschwörung. Unter Katharina II. (1762-96) erlangte R. seine Großmachtstellung. Ihr Gemahl, ein Verehrer Friedrichs d. Gr., hatte sogleich bei seiner Thronbesteigung Frieden und Bündnis mit diesem geschlossen. Nur den Frieden erkannte Katharina an, da er für die innere Entwicklung des großen Reichs notwendig war. Auf die Vermehrung der dünnen Bevölkerung bedacht, rief sie Kolonisten, besonders aus Deutschland nach R., gründete Städte und Dörfer, suchte überall den Ackerbau und Bergbau zu befördern, den Gewerbfleiß und Handel zu heben sowie durch Schulen, Pensionsanstalten und Akademien die Bildung der niedern und höhern Stände zu unterstützen. Unter dem Schutze der russ. Waffen wurde 1764 ihr Günstling Stanislaus Poniatowski zum König von Polen erwählt. Das Schicksal Polens würde wohl noch eher zur Entscheidung gekommen sein, wenn nicht ein schwerer Türkenkrieg, eine verwüstende Pest, die sich bis nach Moskau erstreckte, der Aufstand Pugatschews (s. d.) und der Angriff Gustavs III. von Schweden auf Finland Katharinas Heeresmacht und Politik auf verschiedenen Punkten gleichzeitig beschäftigt und dadurch geschwächt hätten. Aus dem 5. Aug. 1772 mit Preußen und Österreich geschlossenen Bündnis ging der erste Teilungsvertrag gegen Polen hervor, vermöge dessen R. seine Grenzen bis über die Düna und den Dnjepr hinausrückte. (S. Polen, Bd. 13, S. 230 b.) Zugleich wußte R. sich seinen Einfluß auf den Überrest von Polen durch kluge Maßregeln zu sichern. Unterdes setzte Katharina den 1768 begonnenen Türkenkrieg mit erhöhter Anstrengung fort und erzwang endlich den Frieden zu Küčük-Kainardža (21. Juli 1774), infolgedessen R. Asow, Jenikale und Kertsch behielt, freie Schiffahrt in allen türk. Gewässern erlangte und die unter türk. Oberhoheit stehenden Tataren in der Krim, in Bessarabien und am Kuban für unabhängig erklärt wurden. Hierauf reformierte Katharina seit 1775 die innere Einrichtung ihres Reichs durch die Einteilung desselben in 50 Gouvernements. Der amerik. Freiheitskrieg war dem Handel R.s sehr vorteilhaft und veranlaßte 1780 eine Verbindung der nordischen Mächte, des deutschen Kaisers, Preußens und Portugals zu der gegen die engl. Seeherrschaft gerichteten bewaffneten Neutralität. Mit Potemkin, ihrem Günstling, der auf die Politik R.s bis zu seinem Tode (1791) von Einfluß war, entwarf Katharina den Plan, auf den Trümmern des Osmanischen Reichs einen griech., von R. abhängigen Staat zu gründen, der einem russ. Großfürsten überwiesen werden sollte. Der erste Schritt zur Ausführung dieser Idee war 1783 die definitive Einverleibung der Krim in das Russische Reich. Als die Pforte, durch England gereizt, 1787 den Kampf erneuerte, erlitt sie durch die ruß. Waffen abermals eine Reihe furchtbarer Schläge. Katharina setzte, obgleich Österreich 1791 den Frieden von Sistowa (Sištov) geschlossen hatte, den Krieg noch ein Jahr lang fort. In dem zu Jassy 9. Jan. 1792 geschlossenen Friedensvertrage begnügte sie sich mit der Abtretung des Gebietes von Otschakow und der Anerkennung des Dnjestr als Grenze R.s gegen die Moldau und Bessarabien. Aufs neue und ansehnlicher wurde R. durch die zweite Teilung Polens vergrößert, welche 17. Aug. 1793 zu Grodno vollzogen wurde. Polen verlor an R. Litauen, Kleinpolen, den Rest Volhyniens, Podoliens und der Ukraine. Als die Polen unter Kosciuszko 1794 eine Revolution wagten, führte diese zur gänzlichen Auflösung des poln. Reichs, indem sich Preußen, Österreich und R. 1795 in den Überrest teilten. Am 28. März 1795 ward das Herzogtum Kurland nach freiwilliger Verzichtleistung des Herzogs Peter dem Russischen Reiche einverleibt. Katharina hatte R. um etwa 550000 qkm vergrößert und die Bevölkerung um mehrere Millionen vermehrt, als sie 17. Nov. 1796 starb.

Ihr Sohn und Nachfolger, Paul I. (1796-1801), schloß sich 1798 der zweiten Koalition gegen das revolutionäre Frankreich an und sendete Suworow als Oberfeldherrn der vereinigten Russen und Österreicher nach Italien, wo eine Reihe rasch errungener Siege die Franzosen zur Räumung der Halbinsel zwang. (S. Französische Revolutionskriege, Bd. 7, S. 193 fg.) Die eigennützige Politik Österreichs und die Mißerfolge der russ. Truppen in der Schweiz und in den Niederlanden veranlaßten Paul, von der Koalition zurückzutreten, worauf R. 1800 sich mit den nordischen Mächten enger verband und den Plan einer bewaffneten Neutralität erneuerte. Infolgedessen brach ein Seekrieg zwischen diesen Mächten und England aus, dessen Ende indes Paul nicht mehr erlebte, da die Willkür gegen seine Umgebung eine Verschwörung herbeiführte, als deren Opfer er 24. März 1801 fiel. Wichtig ist das von Paul 1797 zum Gesetz erhobene Recht der Thronfolge für die Erstgeburt in gerader männlicher Linie. Pauls Sohn und Nachfolger Alexander I. (1801-25) begann seine Regierung mit innern Reformen nach den Ratschlägen des nachmaligen Grafen Speranskij, besonders mit zahlreichen Gründungen von Universitäten und Schulen. Seine äußere Politik erstrebte eine herrschende Stellung R.s im östl. Europa. Mit Frankreich bestand seit dem Vertrag vom 8. Okt. 1801 Friede; aber Napoleons I. Eigenmächtigkeiten und die Ermordung Enghiens veranlaßten Alexander, 11. April 1805 der dritten Koalition beizutreten. Bei Austerlitz geschlagen, führte er im Bunde mit Preußen 1806 und 1807 den Krieg fort, ließ sich aber von Napoleon gewinnen und nahm sogar im Frieden zu Tilsit 7. Juli 1807 das zu Ostpreußen gehörige Bialystok (s. Bjelostok) an. (S. Französisch-Österreichischer Krieg von 1805 und Französisch-Preußisch-Russischer Krieg von 1806 bis 1807.) Der Erfurter Kongreß 1808 teilte Europa in ein franz. und ein russ. Machtgebiet. Schweden mußte daher nach dem Kriege von 1808 bis 1809 Finland und Ostbottnien bis zum Torneå sowie die Ålandsinseln an R. abtreten; im Kriege gegen die Türkei (1806-12) gewann R. durch den Frieden von Bukarest 28. Mai 1812 Bessarabien und den Pruth als Grenze; Persien verlor das Gebiet von Baku und andere Länderstrecken am Kaspischen Meer. Am thatkräftigsten bewies sich Alexander in dem Russisch-Deutsch-Französischen Krieg von 1812 bis 1815, dem Entscheidungskampfe gegen Napoleon, der die russ. Truppen bis Paris führte, mit dem Sturze Napoleons I. endete und das Königreich Polen an R. brachte.

Nach dem zweiten Pariser Frieden 1815 wurde Alexander Stifter der Heiligen Allianz (s. d.). Sein Reich bedurfte der Ruhe, um die durch den Krieg geschlagenen Wunden wieder heilen zu können. Deutsche Kolonisten bevölkerten seit 1817 die wüsten Landstrecken Bessarabiens und der kaukas. Länder. Die angestrebte Aufhebung der Leibeigenschaft wurde jedoch nur in Esthland 1816, Kurland 1817 und Livland 1819, und zwar von den Ritterschaften selbst