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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Rußland (Geschichte 1825-55)

durchgeführt. Dem Königreich Polen gab er 1818 eine Verfassung und selbständige Verwaltung. Alle Zweige der Kultur erfuhren Schutz, Aufmunterung und Unterstützung. Aber manche Enttäuschung, die Alexander erlebt, die mystische und frömmelnde Richtung, die sich seiner bemächtigte, und der Einfluß Metternichs wirkten zusammen, jene reformatorischen Bestrebungen allmählich zu verdrängen. Der Aufstand Griechenlands gegen die Türken wurde anfangs von Alexander begünstigt, und 9. Aug. 1821 verließ sogar der russ. Gesandte Stroganow Konstantinopel. Als aber zu gleicher Zeit Revolutionen in Italien und Spanien ausbrachen, und der Kaiser einen allgemeinen Umsturz zu fürchten begann, trat er auf den Kongressen zu Troppau, Laibach und Verona 1821 und 1822 den Anschauungen Metternichs, welcher jede Art von Revolution mit Gewalt niederschlagen wollte, bei und gab die Griechen preis. Alexander starb 1. Dez. 1825, und gleich nach seinem Tode brach eine Verschwörung aus, an deren Spitze hohe Offiziere standen, und die kein geringeres Ziel hatte als die Beseitigung des regierenden Hauses Romanow und die Einführung einer neuen Staatsverfassung republikanischer Art. Eine Akte des verstorbenen Kaisers hatte den ältern Bruder Konstantin, der eine morganatische Ehe eingegangen war, nach dessen Verzichtleistung von der Thronfolge ausgeschloßen und diese auf den jüngern, Großfürsten Nikolaus, übertragen. Als diese Akte jetzt öffentlich bekannt gemacht wurde, sträubte sich der designierte Nachfolger anfangs, den Thron zu besteigen, bis ihn die wiederholte und unumwundene Erklärung Konstantins, daß er auf sein Recht verzichte, bewog, 24. Dez. die Krone anzunehmen. Diese eigentümliche Verwicklung gab den Verschworenen Anlaß, den neuen Kaiser Nikolaus I. (1825-55) als Usurpator darzustellen und unter dem Scheine einer Erhebung für Konstantin, als den rechtmäßigen Herrscher, einzelne Abteilungen des Heers zu ihren Zwecken zu verführen. So brach 26. Dez. 1825, von einigen Garderegimentern unterstützt, ein Aufstand in Petersburg aus, der jedoch durch die Entschlossenheit des Kaisers unterdrückt ward. (S. Dekabristen.)

Bald nach seiner Thronbesteigung bot sich für Nikolaus I. der Anlaß zu einem Kriege gegen Persien dar. Der Friede zu Gulistan (1813) hatte den Persern ihre Gebiete am Kaukasus gekostet und der russ. Kriegsflotte das Kaspische Meer geöffnet. Der Sohn des Schah Feth-Ali, der talentvolle und tapfere Abbas-Mirza, wollte jetzt die Einbuße Persiens wieder gut machen. Er fiel ins russ. Gebiet ein und suchte die Bekenner des Islam zum Glaubenskriege gegen die Russen zu entflammen. Aber General Paskewitsch schlug den Feind bei Jelisawetpol (25. Sept. 1826), spielte den Krieg sogleich auf pers. Gebiet hinüber und eroberte hier das feste Kloster Etschmiadzin 27. April 1827. Am 1. Okt. fiel die Festung Sardarabad, und darauf ergab sich 13. Okt. das feste Eriwan, welches das Hauptbollwerk der Perser gegen R. gewesen war. Ohne Widerstand drangen die Russen jetzt in die Provinz Aserbeidschan vor und nahmen Täbris, die Hauptstadt derselben, in Besitz. Persien bat nun um Frieden. Der Präliminarvertrag ward 5. Nov. zu Täbris und der Friede selbst 22. Febr. 1828 zu Turkmantschai unterzeichnet. R. gewann die armenischen Provinzen Nachitschewan und Eriwan, 80 Mill. Rubel Entschädigung und große Handelsvorteile. Nun schien der Augenblick gekommen, energisch gegen die Türken vorzugehen. Zwar waren in dem Vertrage zu Akjerman (6. Okt. 1826) die russ. Forderungen gewährt. Allein die Türken beeilten sich nicht, diese Bedingungen zu erfüllen, und es kam zum Russisch-Türkischen Krieg von 1828 und 1829 (s. d.), wodurch R. zum Herrn der Ostküste des Schwarzen Meers wurde sowie freien Durchgang durch den Bosporus und die Dardanellen erlangte.

Die franz. Julirevolution von 1830 veränderte R.s Stellung zum Westen Europas, indem sie einen noch engern Zusammenschluß der östl. Mächte veranlaßte. Der infolge der Julirevolution erfolgende poln. Aufstand 29. Nov. 1830 wurde niedergeworfen und gab der russ. Politik den Anlaß, auch den Schatten polit. Existenz, den Polen noch besessen hatte, zu zerstören. Am 26. Febr. 1832 trat an die Stelle der von Alexander gegebenen Verfassung das sog. Organische Statut, welches jedoch nicht ausgeführt wurde. Paskewitsch, der Besieger Polens, wurde als Statthalter an die Spitze der Militär- und Civilgewalt gestellt und regierte Polen nach seinem Ermessen; die poln. Armee wurde der russischen einverleibt. Die enge Verbindung mit Österreich und Preußen fand in den persönlichen Zusammenkünften der drei Monarchen zu Münchengrätz 1833, Teplitz 1835 und Kalisch 1835 ihren Ausdruck.

Unterdes verfolgte R. mit unermüdlicher Thätigkeit seine Pläne im Orient. Durch die letzten Kämpfe war das Osmanische Reich schwer erschüttert, und nunmehr wurde es durch die Waffen des Vicekönigs Mehemed-Ali von Ägypten sogar in seiner Existenz bedroht. Da die Eroberung Konstantinopels durch die Ägypter der russ. Politik nicht erwünscht sein konnte, so bot Kaiser Nikolaus seine Hilfe an. Eine russ. Flotte erschien im Bosporus, landete Truppen bei Skutari, von der Donau war ein russ. Heer im Anmarsch, um Konstantinopel zu decken. Um den Konsequenzen dieser Allianz vorzubeugen, brachten England und Frankreich zwischen der Türkei und Ägypten den Frieden von Kutahia zu stande, worauf R. 8. Juli 1833 mit der Türkei den Vertrag von Hunkiar-Skelessi schloß, worin letztere ein Defensivbündnis auf acht Jahre mit R. einging und sich verbindlich machte, keinem fremden Kriegsschiff die Durchfahrt durch die Dardanellen zu gestatten. Während hier die russ. Politik über die Westmächte einen entschiedenen Sieg davontrug, war derselbe Gegensatz der Interessen auch in Persien wach geworden. Seit dem Frieden zu Turkmantschai war am Hofe zu Teheran R. im Übergewicht und hatte den brit. Einfluß zurückgedrängt. Schah Feth-Ali starb 1834, und es folgte ihm unter russ. Protektion Abbas-Mirzas Sohn, Mohammed-Mirza. Die russ. Diplomatie lenkte den Ehrgeiz desselben auf Eroberungszüge gegen Herat und Kandahar, um so den eigenen Einfluß bis dorthin auszudehnen und den englischen daselbst lahm zu legen. Russ. Geld und russ. Offiziere wirkten bei der pers. Expedition gegen Herat (1837) mit. Doch scheiterte diese an der brit. Hilfe, die Herat geleistet wurde. Persien wurde gezwungen, vertragsweise allen Forderungen der engl. Politik nachzugeben (1841). Dem nämlichen Gegensatze der brit. und russ. Interessen in Asien verdankte die verunglückte russ. Expedition nach Chiwa im Nov. 1839 ihren Ursprung. Auch im Kaukasus trat R., wenngleich in verdeckter Form, die Thätigkeit Englands gegenüber. Seit dem Ende des poln. Aufstandes machte R. verstärkte Anstrengungen, die unabhängigen Bergvölker, namentlich die Tscherkessen und