Schnellsuche:
Info: Zur Zeit wird der Volltextindex aktualisiert. Sie erhalten daher bei Suchen nicht die volle Anzahl an Treffern. Die Aktualisierung dauert typischerweise wenige Minuten.

Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

Schlagworte auf dieser Seite: Schielbrille; Schielen

427

Schielbrille – Schielen

Anmerkung: Fortsetzung des Artikels 'Schiefwerden'

jemand immer eine schwere Last auf einem Arme trägt, wie manche Kindermädchen ihren Pflegling, oder wenn der eine Fuß zu kurz, verbogen, steif oder beim Auftreten schmerzhaft ist. In den allermeisten Fällen aber ist das S. (die Wirbelsäulenverkrümmung) eine Folge von schlechter Körperhaltung, von einer aus Bequemlichkeit oder Schwäche angenommenen falschen Richtung der Wirbelsäule. Diese sog. Gewohnheitsskoliose, auch unter dem Namen hohe Schulter bekannt, findet sich am häufigsten bei Kindern, die auf einem Beine (meist dem linken) zu stehen lieben, und bei jungen Mädchen, die im Sitzen, beim Schreiben, Nähen, Sticken u. s. w. aus Ermüdung die linke Seite einsinken lassen und die rechte hinauskrümmen. Solche Kinder sind zugleich auch meistens muskelschwach, blutarm, bleichsüchtig und stubensiech. Je jünger die Kinder sind, um so ungünstiger wirken die angeführten Schädlichkeiten ein. Die Verhütung dieser Verkrümmungen ist weit mehr Sache der Erzieher und Eltern als der Ärzte. Vor allen Dingen muß das Kind täglich und stündlich zu Hause und in der Schule nicht nur erinnert werden, die richtige Korperhaltung einzunehmen, sondern auch häufig mittels Drücken auf Schulterblatt, Rippen u. s. w. in die richtige Stellung gebracht werden. Von besonderer Wichtigkeit für die Verhütung der Skoliosen ist die Beschaffung zweckmäßiger Schulbänke, durch die eine richtige Haltung des sitzenden und schreibenden Kindes erstrebt wird. (S. Schulhygieine.) Zur Heilung der seitlichen Rückgratsverkrümmungen sind zweckmäßige und lange Zeit hindurch fortgesetzte gymnastische Übungen ganz unerläßlich (s. Heilgymnastik); bedeutendere Wirbelsäulenkrümmungen sind den orthopäd. Heilanstalten (s. Orthopädie) zuzuweisen, oder erfordern das Tragen genau angepaßter künstlicher Stützapparate, unter denen der Geradehalter von Bouvier, der Bühringsche Apparat, die Nyropsche Maschine und das Gipskorsett am wirksamsten sind. Sehr gute Erfolge sieht man auch von der länger fortgesetzten methodischen Massage der Rückenmuskeln. Auch die für unheilbar erkannten Fülle bedürfen noch einer dauernden ärztlichen und gymnastischen Behandlung und Aufsicht. – Vgl. Schildbach, Die Skoliose (Lpz.1872); Baginsky, Handbuch der Schulhygieine (2. Aufl., Stuttg. 1883); Lorenz, Pathologie und Therapie der seitlichen Rückgratsverkrümmungen (Wien 1886); Hoffa, Lebrbuch der orthopäd. Chirurgie (2. Aufl., Stuttg. 1894).

Schielbrille, s. Brille (Bd. 3, S. 540a).

Schielen (Strabismus), diejenige fehlerhafte Stellung der Augen, bei der nur ein Auge central fixierend auf das Gesichtsobjekt eingestellt ist, während das andere in irgend welcher Richtung an ihm vorbeisieht. Je nachdem in dem die Stellung und Bewegung der Augen regulierenden Muskelapparate oder in den denselben versorgenden Nerven die Ursache der fehlerhaften Stellung (und Bewegung) des Auges liegt, spricht man von einem myopathischen (muskulären, konkomitiercnden) und von einem neuropathischen (paralytischen) S. Das muskuläre S. entsteht ohne Störung des nervösen Apparats dadurch, daß sich in einem bestimmten Augenmuskel, am häufigsten dem innern oder äußern geraden, ein erhöhter Kontraktionszustand entwickelt, infolgedessen das Auge entweder zu stark nach der Nase (Einwärtsschielen, strabismus convergens) oder nach der Schläfe (Auswärtsschielen, strabismus divergens) gestellt ↔ wird. (S. nachstehende Fig. 1 u. 2: a das fixierende, b das schielende Auge.)


Figur 1 und 2:

Nach neuern Forschungen liegen dem S. hauptsächlich Anomalien der Refraktion zu Grunde, nämlich dem Einwärtsschielen die Hyperopie (s. d., Übersichtigkeit), dem Auswärtsschielen die Myopie (Kurzsichtigkeit, s. d.). Alle Momente, die das Zusammenwirken beider Augen dauernd oder vorübergehend stören, wie ungleiche Sehschärfe oder Refraktion der beiden Augen, Entzündungen und Residuen derselben, begünstigen die Entwicklung des S. Durch den Gebrauch geeigneter Brillen und Erleichterung des binokularen Sehaktes ist daher in vielen Fällen das S. auf unblutige Weise zu beseitigen, um so mehr, als im Anfange seiner Entwicklung das S. meistens ein periodisches ist, d. h. nur bei gewissen Anstrengungen der Augen hervortritt, und erst allmählich durch eine gewisse Verkürzung des betreffenden Muskels konstant wird.

Bei alledem ist die operative Behandlung des S. noch immer unentbehrlich. Angeregt wurde dieselbe von L. Stromeyer, zum erstenmal 1839 von Dieffenbach ausgeführt, besonders entwickelt indessen von A. von Graefe, nachdem die ursprüngliche Methode Dieffenbachs und seiner Zeitgenossen zu vielen Mißerfolgen, namentlich zu Sekundärschielen (s. d.), Veranlassung gegeben hatte und die Schieloperation wieder zu verdrängen drohte. Die Operation besteht darin, daß der Ansatz eines Muskels von dem Augapfel losgelöst wird und entweder weiter nach hinten, entfernter vom Hornhautrande (Rücklagerung) oder weiter nach vorn, näher an die Hornhaut (Vorlagerung) zum Anheilen gebracht wird.

Beim paralytischen S. besteht zunächst eine Lähmung eines Augenmuskels, die rheumatischen Ursprungs oder von einer Störung der Augenmuskelnerven oder ihrer Centralorgane bedingt sein kann. Anfangs tritt die falsche Stellung des Auges nur bei solchen Blickrichtungen ein, in denen die Thätigkeit des gelähmten Muskels in Anspruch genommen wird; allmählich aber entwickelt sich eine Kontraktion des Antagonisten und dann ist S. in allen Blickrichtungen, wenn auch in verschiedenem Grade, vorhanden. Hier ist auch durch eine Schieloperation nur ein teilweiser Erfolg zu erzielen.


Figur 3:

Frisch entstandenes, daher namentlich das paralytische S. ist fast immer mit störendem Doppelsehen verknüpft. Wenn z. B. in vorstehender Fig. 3 das linke Auge den Punkt A fixiert, das rechte nach ein-

Anmerkung: Fortgesetzt auf Seite 428.