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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Schießpulver
mit Pulver von anderer Zusammensetzung gemacht
worden; so brachten die rhein. - westfäl. Pulver-
fabriken das 1886 von I. Gaens erfundene Am-
moniak-Salpeter-Pulver unter dem Namen
Geschützpulver 0/86 in den Handel. Es besteht
aus 48 Teilen Kalisalpeter, 38 Teilen Ammoniak-
! ^"ii.....),
Z ^............40 min
Fig. 4.
40 tnrn............^- i
Fig. 5.
salpeter und 12 Teilen Kohle. Erheblich weniger
Nauch liefernd, als das alte Schwarzpulver, über-
traf es dasselbe bedeutend an Treibwirkung in den
Geschützrohren; aber es ist ziemlich stark hygro-
skopisch und konnte sich gegen die neuern Sorten
rauchschwachen S. nicht behaupten. Zu reinen
Sprengzwecken wird entweder das gewöhnliche Ge-
schützpulver benutzt, oder man fertigt ein besonderes
Spreng- oder Minenpulver mit großen, runden,
stark polierten Körnern von vermindertem Schwefel-
gehalt, wodurch dasselbe gegen die Einwirkung der
Feuchtigkeit widerstandsfähiger gemacht wird.
Nach Debus verläuft die Explosion des S. etwa
im Sinne folgender Gleichung:
ISKNO- -l- 210 4- 53 ---13002 4- 300 ^ 16N
-^- 51^00., -j- X2804 ^- 2X.8.2,
d. b. auf Kosten des im Salpeter enthaltenen Sauer-
stoffs verbrennt der Kohlenstoff zu Kohlensäure und
Kohlenoxyd, der Schwefel zu Schwefelsäure, die
sich ebenso wie ein Teil der Kohlensäure mit dem
Kalium des Salpeters zu einem Salz (Kalium-
sulfat und Kaliumcarbonat) vereinigt. Der Stick-
stoff des Salpeters wird als solcher frei, ein Teil
des Schwefels erscheint im Rückstand als Schwefel-
kalium. Neben Kohlensäure, Kohlenoxyd und Stick-
stoff entstehen als gasförmige Produkte noch in ge-
ringer Menge Sumpfgas, Wasserstoff und Schwefel-
wasserstoff. 1 3 Pulver liefert etwa 0,50 3 feste und
0,44 F gasförmige Produkte.
Von dem in einem Feuerrohr sich beim Schießen
erzeugenden Rückstände wird der größte Teil durch
die Gewalt der Gase aus dem Rohr geschleudert.
Was zurückbleibt, wird bei feuchtem Wetter schlei-
mig, bei trocknem verhärtet es und bildet die Pul-
verkruste. Der Rückstand erschwert das Laden und
macht ein häufiges Reinigen des Rohrs nötig.
Nach Verthelot erzielt 1 kF Kriegspulver bei der
Explosion220-2851 auf 0" und Atmosphärendruck
reduziertes Gas und entwickelt 619-640 Wärme-
einheiten. Als relative Stärke errechnet Verthelot
137 für S. im Vergleich mit 472 für Schießbaum-
wolle und 937 für Nitroglycerin. Bunsen hat die
Gasspannung, die bei der Verbrennung des S. im
geschlossenen Raum erzeugt wird, zu 4373 Atmo-
sphären errechnet, was einer Arbeit von 6740
Meterkilogrammen entsprechen würde. Doch be-
sitzen alle diese Zahlen nicht allgemein anerkannte
Gültigkeit. Verthelot, Nobel, Abel und Vunsen
sind zu sehr verschiedenen Resultaten gelangt. Das
S. tritt seit Erfindung des rauchschwachen Pulvers
mehr und mehr zurück; in absehbarer Zeit wird es
wohl gänzlich von letzterm verdrängt sein.
Die praktische Messung der Kraft des S. geschieht
gewöhnlich durch die Ermittelung der einem Geschoß
unter bestimmten Verhältnissen verliehenen Ge-
schwindigkeit, zu deren Bestimmung man sich des
Chronographen von Leboulengs bedient (s. Chro-
noskop). Eine weniger genaue Ermittelung der
Kraft des S. ergiebt sich aus der dem Geschoß
mitgeteilten Schuhweite; vor Annahme des Lebou-
lenge'schcn Apparates war indes zur Ermittelung
der Kraftäußerung des aus den Fabriken abzuneh-
menden Pulvers ausschließlich ein besonders hier-
für konstruierter Pulver-Probiermörser in Gebrauch,
welcher eine bronzene Kugel mittels nicht bedeuten-
der Ladungen fortschleuderte; die dabei erreichten
Schußweiten mußten sich innerhalb bestimmter,
nicht sehr weit gestreckter Grenzen halten, wenn das
S. die Abnahmeprobe bestehen sollte.
Die Gefährlichkeit, die dem S. als leichtentzünd-
lichem Stoff von bedeutender Kraftentwicklung
innewohnt, der nachteilige Einfluß, den die Feuchtig-
keit der Luft und die Erschütterungen beim Trans-
port auf seine Beschaffenheit üben, veranlassen zu
Vorsichtsmaßregeln bei der Aufbewahrung, der Ver-
arbeitung und dem Transport des S. (s. Pulver-
transporte). Fabriken für Kriegspulver sind in der
Regel Staatsinstitute; sie liegen nach Möglichkeit
isoliert und sind so gebaut, daß die einzelnen Ar-
beitslokale räumlich getrennt und meist noch mit
besondern Schutzwällen umgeben sind, um der Fort-
pflanzung einer etwaigen Explosion entgegenzutreten.
Über die dem S. ähnlichen, durch veränderte Wahl
eines oder mehrerer Grundbestandteile abweichen-
den Gemenge s. Explosivstoffe.
Vgl. Rutzky, Theorie der Schießpräparate und
innern Ballistik (Wien 1870); Upmann und von
Meyer, Das S., die Explosivkörper und die Feuer-
werkerei (Braunschw. 1874); Böckmann, Die explo-
siven Stoffe (Wien 1880).
Rauchschwaches S. Die Bestrebungen, an
Stelle des alten schwarzen S. ein anderes zu setzen,
welches neben allen bisherigen guten Eigenschaften
noch diejenige haben sollte, daß es mit möglichst
geringer Raucherzeugung verbrenne, sind nicht neu.
Erwähnt seien die Pulver von Designolles, Schultze,
Uchatius und Lenk, aber sie alle, von denen wohl
nur das Lenksche Schieß Wollpulver eine
wirkliche Anwendung im Heerwesen und das
Schultzesche (s. Schultzes Pulver) eine solche als
Iagdpulver erfahren hat, sind nur als Versuche
in geringerm oder größerm Maßstabe zu betrach-
ten, die zuletzt an der zu großen Brisanz der
Pulver in den Feuerwaffen, sowie an der gefahr-
vollen Herstellung und Handhabung scheiterten.
Einen erheblich bedeutendern Fortschritt mchi in
Kriegsbrauchbarkeit als in Rauchlosigkeit zeigte
schon das Braune Pulver und das Pulver 0/86.
Zugegeben werden muß, daß bei all diesen Ver-
suchen die Rauchfreiheit der Pulver nicht in erster
Linie stand; sie wurde erst von einschneidender
Wichtigkeit, als es der Waffentechnik gelungen
war, Repetiergewehre, Mitrailleufen, Revolver-
kanoncn und Schnellfeuerkanonen herzustellen, die
eine bis dahin unerhörte Feuergeschwindigkeit auf-
wiesen. Hm diese Feuergeschwindigkeit, die in
taktischer Beziehung so außerordentlich wichtig ist,
ausnutzen zu können, war die Verwendung eines
rauchfreien Treibmittels unbedingte Voraussetzung,