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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Schreibfehler - Schreibkunst
Tie jetzt glasharten Federn werden durch Erhitzen
in einer rotierenden Trommel blau oder gelb ange-
lassen, d. h. ihre Härte wird vermindert. Viele
Federn kommen in diesen Farben in den Handel,
die grauen unterliegen einem nochmaligen Scheuer-
prozeß. Zuletzt wird der Spalt angebracht. Zwi-
schen zwei senkrecht aneinander abfallenden Stem-
peln wird die Spitze der Feder so auf den untersten
Stempel gelegt, daß sie der Länge nach halb über-
steht. In schneller Abwärtsbewegung des Ober-
stempels wird die überstehende .Hälfte von der an-
dern getrennt und springt infolge schnellen Rück-
gangs des Oberstempels und vermöge der Elasticität
wieder in ihre gerade Stellung zurück. Zum Schutze
gegen Nost werden die Federn meist mit einem Lack,
auch wohl mit einem galvanischen Metallüberzuge
versehen. Goldfedern mit harter Spitze aus
einer Legierung von Platin und Osmium-Iridium
haben den Vorzug, daß sie von der Tinte nicht an-
gegriffen werden. Man unterscheidet Stahlfedern
mit elastischer Spitze, welche bei Grundstrichen der
Druckanwendung bedürfen, und S. mit abgestumpf-
ter Spitze, bei welchen die Grundstriche ohne Truck-
anwendung entstehen. Letztere sind seit neuester
Zeit durch F. Soennccken in Deutsckland zur allge-
meinen Anwendung gekommen. S. aus Metall
wurden schon im 16. Jahrh, in Nürnberg gefertigt,
hatten aber, wie alle spätern Versuche, keinen Er-
folg, bis man gegen Ende der zwanziger Jahre des
19. Jahrh, die Herstellung in England fabrikmäßig
betrieb. Seitdem liefert England den Hauptbedarf
für den Weltmarkt, doch finden sich auch leistungs-
fähige Fabriken in Deutschland (Berlin, Bonn,
Leipzig-Plagwitz), Frankreich und Nordamerika.
Schreibfehler im richterlichen Urteil, s.
OLeiHlktio LLutsiitiao.
Schreibkrampf oder Mogigraphie (^liei-
I-03M8INU8, OrapIioZpÄZmuZ), die krampfhaften
schnellenden Bewegungen der Finger oder der Hand,
die nur dann eintreten, wenn die Hand die Stel-
lung wie beim Schreiben einnimmt, also beim Er-
fassen der Feder. Betrifft der Krampf vorzugsweise
die Beugemuskeln der Finger, so wird der die Fe-
der haltende Daumen krampfhaft gegen den Zeige-
und Mittelfinger angedrückt und die ganze Hand
beim Schreiben klauenartig zusammengeballt. In
andern Fällen, wenn vorwiegend die Streckmuskeln
der Finger vom Krampf ergriffen werden, öffnen
sich plötzlich bei jedem Versuche zu fchreiben die
Finger, so daß dem Schreibenden die Feder ent-
fällt; mitunter sind auch die Vorderarmmuskeln am
S. beteiligt, wodurch die Hand mitten im schreiben
plötzlich über das Papier hinweggeschnellt oder in
unregelmäßigster Weise daraus hin und her gezerrt
wird. Ähnliche Zustände sind beobachtet worden bei
manchen andern Beschäftigungen (bei der Schuh-
macherarbeit, beim Melken, beim Klavier- und Violin-
spielen). Der S. beruht auf einer krankhaften Er-
regung der zu den Muskeln der Finger tretenden
Nervenfasern, kommt viel häufiger bei Männern
als bei Frauen vor, namentlich bei solchen, die viel
schreiben (Schreiber, Beamte, Lehrer, Kaufleute) und
macht in hartnäckigen Fällen das Schreiben ganz
unmöglich. Die Ursachen sind häufig Überanstren-
gung beim Schreiben, unzweckmäßige Schreibmetho-
den, falsche Haltung der Feder, der Gebrauch zu
barter Federn; Thatsache ist wenigstens, daß die
Krankheit erst seit der Einführung der Stahlfedern
beobachtet worden ist. Auch werden nervöse Indi-
viduen ganz besonders von dem Leiden befallen.
Der S. ist ein äußerst lästiges, in vielen Fällen
schwer zu beseitigendes Übel. In frischen Fällen
vermögen zeitweiliges völliges Aufgeben des Schrei-
bens, der Gebrauch von guten weichen Federn, von
passenden dicken Federhaltern, eine geeignete Ver-
besserung der Schreibmethode die Krankheit zu be-
seitigen, während bei längerm Bestehen nur von der
konsequenten, monatelangen Anwendung der Mas-
sage und des galvanischen Stroms Erleichterung zu
erwarten ist. Neuerdings hat Nußbaum einen sekr
zweckmäßigen Apparat gegen den S. angegeben,
der mit gespreizten Fingern festgehalten wird und
die Führung des Federhalters erleichtert. - Vgl.
Haupt, Der S. mit Rücksicht auf Pathologie und
Therapie (Wiesb. 1860); Nußbaum, Einfache und
erfolgreiche Behandlung des S. (Münch. 1882).
Schreibkunft, im eigentlichen Sinne die Fertig-
keit, Gedanken durch sichtbare Zeichen dauernden
Ausdruck zu geben, hat ihren Ursprung in der sagen-
haften Vorzeit. (S. Schrift.) In älterer Zeit schrieb
man auf Stein, Thon, Metall, Leder, Holz, später
auf Papyrus, Wachstafeln, Thon, dann auf Per-
gament, seit dem 13. bis 14. Jahrh, meist auf Papier.
Je nach dem Material wurden die Schriftzcichcn mit
scharfen Instrumenten eingehauen, eingeritzt oder mit
Pinseln und Schreibrohr farbig aufgetragen. Seit
dem frühen Mittelalter bildeten Federkiele das Haupt-
schreibwerkzeug, sind aber im 19. Jahrh, durch Stahl-
federn verdrängt worden. (S. Schreibfedcrn.) Tie
Lehre von den Schriftarten der Vorzeit nennt man
Paläographie (s. d.). Einen höhern Grad der S. bil-
det die Schönschreibkunst oder Kalligraphie.
Sie bedient sich meist der Zierschriften, bei denen es
hauptfächlich auf ästhetische Wirkung ankommt, und
erfordert besondere Geschicklichkeit. Hierher gehört
auch die Schriftmalerei, die Ausschmückung ein-
zelner Buchstaben mit Ornamenten und Bildern
<s. Miniaturen). Die Mikrographie, d. i. die
Darstellung ganz kleiner, mit bloßem Auge kaum
lesbarer Schrift, aus der man allerhand Figuren,
felbst Porträte bildete, ist eine Spielerei, ebenso die
bis zur Unkenntlichkeit getriebene Überladung der
Großbuchstaben mit Schnörkeln, die im 16. und
17. Jahrh, aufkam. Die Stenographie (s. d.) bedient
sich sehr kurzer Zeichen, und die Geheimschrift be-
steht aus der Anwendung besonders verabredeter
(geheimer) Zeichen. (S. Chiffrieren, Chiffrierkunst.)
Die S. fand seit dem 15. Jahrh, in den west-
europ. Ländern die sorgfältigste Pflege. Obenan
steht Italien, das die reinen lat. Antiquaformen des
10. Jahrh, aufnahm. Frankreich, England und Hol-
land fowie Spanien und Portugal folgten dem Bei-
spiel Italiens, indem sie die aus der geläufigen
Darstellung der eckigen got. Buchschrift entstandenen
spitzen Vuchstabenformen verliehen und zu der rund-
lichen lat. Sckrift übergingen, in gleicher Weise, wie
sie die eckige Druckschrift mit der einfachern und deut-
lichern lat. Druckschrift vertauschten. Auf Deutsck-
land blieb diese Entwicklung der Schrift ohne wesent-
lichen Einfluß bis ins 18. Jahrh., in welchem die
Antiqua die Oberhand zu gewinnen begann, sedoch
wieder zurückgedrängt wurde. Die im 19. Jahrh,
von den Brüdern Grimm u. a. in Deutschland an-
geregten Bestrebungen, durch Annahme der Antiqua-
schrift eine Einheitlichkeit mit dieser in fast allen
Kulturländern gebräuchlichen Schrift herbeizuführen,
sind bisher nicht durchgedrungen. - Vgl. Bauern-
feind, Vollkommene Wiederherstellung der E.Mürnb.