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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Sicilien (Insel)

verbreitet. Aber erst die Griechen traten erobernd, Kolonien gründend und civilisatorisch auf, zunächst auf der Ost-, später an der Süd- und Nordküste. 735 gründete angeblich Theokles aus Athen mit Euböern von Chalcis die Kolonie Naxus an der Mündung des jetzigen Alcantara. Dann wurde 734 (alle ältern Gründungsdaten können höchstens angenähert gelten) Syrakus von Doriern aus Korinth, 732 Messana-Zankle (Messina) von Chalcis und Kyme, 730 Leontini und Catana von Theokles, 728 Megara-Hybläa (am Busen von Agosta) von Megara, 690 Gela (Terranova) von Rhodus und Kreta aus, 664 Acrä (Palazzolo) und (vielleicht) Henna (Castrogiovanni) von Syrakus, 648 Himera (bei Termini) von Messana, 644 Casmenä (Scicli südwestlich von Modica), 628 Selinus von Megara-Hybläa, 599 Camarina (südlich von Vittoria) von Syrakus, 582 Akragas oder Agrigentum (Girgenti) von Gela aus angelegt. Der Nordosten geriet so unter chalkidischen, der Süden unter dor. Einfluß. Die Sikeler und Sikaner wurden zum Teil den Griechen, den Sikelioten, zinspflichtig und bebauten ihre Äcker als Halbfreie, während in den Städten der griech. Adel als Grundbesitzer (in Syrakus Gamoren genannt) herrschte. Andere Teile der ältern Bevölkerung zogen sich in das bergige Innere zurück. Die Phöniker wichen an die Westküste, wo sie Panormos (Palermo), Soloeis (Solanto), Motye (Isola di San Pantaleo) u. a. hielten. Aber um die Mitte des 6. Jahrh. v. Chr. stockte die Hellenisierung der Insel und des Westens überhaupt, wohl infolge des engern Bündnisses, in welches die Italiker mit den Karthagern getreten waren. Gleichzeitig erschütterten Verfassungskämpfe die griech. Kolonien. Um 500 herrschten in den bedeutendsten Städten Tyrannen, von denen Gelon von Syrakus und Theron von Agrigent, verschwägert und verbündet, die griech. Herrschaft vor dem ihr drohenden Untergange bewahrten, als gleichzeitig mit dem zweiten Perserkriege die Karthager, wahrscheinlich im Einverständnis mit Xerxes, über die Hellenen des Westens herfielen. Die Schlacht bei Himera 480 rettete nicht bloß diese Städte, sondern das ganze Hellenentum S.s vor dem Barbarentum der Karthager. Es begann die kurze Blütezeit, nur getrübt durch die Vernichtung der chalkidischen Städte der Ostküste durch Gelon und Hiero I. Doch Verfassungskämpfe der einzelnen Stadtgemeinden, deren wachsende Demokratisierung, dazu der sich stets geltend machende Gegensatz dorischer und ionisch-achäischer Städte mußten eine Katastrophe herbeiführen; der große athenische Feldzug gegen Syrakus (415-413) beschleunigte sie noch.

Nach der Niederlage Athens strebte Syrakus als erste griech. Seemacht nach der Herrschaft über ganz S. und über Unteritalien. Die Karthager brachen von ihren alten westl. Besitzungen nach dem Osten vor. Selinus und Himera wurden 409 zerstört, 406 Agrigent genommen, 405 Gela und Camarina besetzt und tributpflichtig gemacht, 396 Messana geschleift. Diese Ereignisse brachten Dionysius I. zur Herrschaft von Syrakus (s. d.). An die Geschichte dieser Stadt knüpfen sich fortan die Geschicke von ganz S., auch nach der Invasion des Epirotenkönigs Pyrrhus und nach dem ersten Punischen Kriege. Nach Roms Sieg 241 teilten Rom und Syrakus die Herrschaft, wobei freilich Rom den Löwenanteil erhielt. Im zweiten Punischen Kriege wurde sodann 212 auch Syrakus und 210 Agrigent von den Römern erobert. Die ganze Insel war nun eine römische Provinz, unter einem Prätor, später Proprätor, sie zerfiel in die zwei Quästuren von Lilybäum und Syrakus. Anfänglich suchten die Römer den während der langen Kriege heruntergekommenen Ackerbau S.s zu heben, aber nur um die Insel desto mehr ausbeuten zu können. Die von den Karthagern entlehnte Plantagenwirtschaft machte S. zwar zur Kornkammer Italiens, aber auch zum Schauplatz der Sklavenkriege (s. d.), die den Wohlstand der Insel arg schädigten. S. kam unter den röm. Statthaltern immer mehr herunter. M. Ämilius Lepidus (82) wurde noch durch Verres (s. d.) überboten, der (73-71) die Insel sogar ihrer kostbarsten Statuen und Bildwerke beraubte. Auch die Bürgerkriege zwischen Sextus Pompejus und Octavianus beschleunigten den Verfall, so daß Octavian als Kaiser der Insel durch Kolonien, Gründung und Wiederherstellung von Städten aufhelfen mußte. Doch die Kraft des Landes blieb gebrochen. Das Christentum scheint von Rom aus nach S. gekommen zu sein.

Seit Augustus' Reichsreform (27 v. Chr.) bildete die Insel S. die erste der zehn senatorischen Provinzen, dann nach der Einteilung Diocletians eine Provinz der Diöcese Italien. 395 n. Chr. wurde sie bei der Reichsteilung zum Weströmischen Reiche geschlagen. Des Westgoten Alarich Versuch, nach S. überzusetzen, scheiterte nur an dem Untergang seiner Schiffe im sicil. Sunde (410). Der Vandale Genserich belagerte von Afrika aus 440 Palermo und eroberte Lilybäum (Marsala). Der Ostgote Theodorich bemächtigte sich 493 der ganzen Insel. Zwar wurde sie 535 durch Belisar dem Byzantinischen Reiche einverleibt und Kaiser Constans II. verlegte sogar die Residenz des Ostreichs 663 nach Syrakus, wurde aber 668 hier ermordet, worauf Araber 669 die Stadt plünderten. Danach landeten 827 die Sarazenen, vom byzant. Statthalter Euphemius herbeigerufen, unter Ased ibn Forrât bei Mazzara; 831 fiel Palermo in ihre Hände, das von nun an die Hauptstadt der Insel wurde und blieb. Die Sarazenen breiteten sich inzwischen immer mehr aus, und 878 bezwang Ibrahim ibn Ahmed auch Syrakus. Die Christen behaupteten sich zuletzt nur noch in der Nordostecke der Insel, wo jedoch 901 Taormina und endlich 965 auch Rametta (südwestlich von Messina) genommen wurde.

Obschon seit 878 die ganze Insel im Besitz der Sarazenen war, gelangte sie doch zu keinem wirklichen Frieden, da der Gegensatz zwischen den Arabern und den afrik. Berbern, aus welchen die Eroberer bestanden, fortwährend zu blutigen Fehden unter denselben führte. Dazu kam noch der Wechsel der Dynastien. Zuerst herrschten die Aglabiden von Kairwan (Tunis). Dann wurde S. unter den Fâtimiden Ägyptens ein selbständiges Emirat. Später pflanzte sich von Afrika, wo die Ziriten zur Herrschaft gelangt waren, der blutige Kampf zwischen den Sunniten und Schiiten nach der Insel herüber, und der Aufstand verschiedener Städte beschleunigte den Untergang der mohammed. Herrschaft. Doch hatte sich der Wohlstand der Insel während derselben bedeutend gehoben. Ackerbau, Industrie und Handel waren von neuem erblüht, so daß, als im 11. Jahrh. die Normannen (s. d.) S. eroberten, diese die reichste Beute fanden. 1061 schritt Robert Guiscard, Herzog von Apulien, mit seinem Bruder Roger zur Eroberung der Insel, nachdem Ibn Thimna von Syrakus schon einmal um ihre Hilfe