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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Siegfried (in der deutschen Heldensage) - Siegfried (Karl)
Siegfried, althochdeutsch Sigufrid, in der
nordischen Fassung Sigurd (d. i. Siegwart), die
leuchtendste Heroengestalt der deutschen Heldensage.
Or stand ursprünglich im Mittelpunkt eines My-
thus, ein von finstern Mächten zerstörtes Licht-
wesen; doch ist dieser Kern dnrch die Verbindung
mit histor. Sagen verdunkelt und nur noch an-
nähernd zu erschließen. Nach Karl Lachmanns
grundlegenden Forschungen ist nach der nordischen
und deutschen Überlieferung der Nibelungensage
der Siegfriedmythus folgender:
S. ist der (^ohn Eigmunds, aus dem von Odin
selbst abstammenden Geschlecht der Welsunge, aus-
gezeichnet durch leuchtende Augen und unglaubliche
Kraft. Ihn erzog ein weiser und kunstreicher Zwerg,
Regin (d. i. Ratgeber). Der schmiedete ihm ein
Schwert, mit dem S. einen Amboß spalten konnte.
So reizte ihn Negin, der Nibelungen Hort (Schatz)
zu erwerben. Diesen hatten drei Götter aus der Tiefe
des Wassers dem Zwerge Andwari geraubt, um
Buße für den erschlagenen Otter zu zahlen; der Be-
raubte, dem jene nicht einmal einen wunderbaren
Ring ließen, der den Schatz neu geschaffen hätte,
verfluchte diesen Ring. Die Götter traf der Fluch
nicht, weil sie den ganzen Schatz sofort an Otters
Vater und Brüder gaben: aber in diesem Geschlecht
trug er Frucht. Otters beide Brüder töteten den
Vater; Regin wurde von dem andern Bruder, Fafnir
genannt, verdrängt, der in Gestalt eines Drachen
(Lindwurms) sein Gold bewachte. Durch den jungen
S. hoffte Regin es zu gewinnen; S. aber erschlug
beide. Durch das Drachenblut, wovon er trank,
wurde seine Kraft gemehrt und sein Leib geschützt
vor Wunden. Durch das Gold und zumal durch
den Ring wurde er unermeßlich reich. Die Tarn-
kappe gab ihm die Fähigkeit, seine Gestalt in die
eines andern zu verwandeln. Trotzdem aber war
er durch den Besitz des unheilvollen Goldes in der
Knechtschaft der Nibelungen und dem Verderben ge-
weiht. Umsonst verlobte er sich mit der kriegerischen
Walküre oder Königstochter Vrünhild (doch ist S.s
einstige Verlobung mit Vrünhild die zweifelhafteste
Stelle der Eagenkonstruktion); auf den Befehl des
Nibelungenkönigs und in seiner durch die Tarnkappe
angenommenen Gestalt ritt S. durch die Flamme,
die sie schützend umloderte, gab ihr den Ring aus
dem Schatze und brachte dadurch auch sie in die
Gewalt derNachtdämoncn; sie ward des Nibelungen
Weib. S. selbst nahm ein anderes Weib, Kriemhild
(nach der altnord. Fassung Gudrun), die Schwester
der Nibelungen. Vrünhild rühmte sich des tapfersten
und würdigsten Gemahls, dem S. habe weichen
müssen. Da entdeckte ihr Kriemhild gereizt den Be-
trug: der Ring, den sie am Finger trage, sei aus dem
Nibelungenhort; der sie gewonnen, sei S., nicht Gün-
ther. Vrünhild, die sich nun erinnerte, daß sie an dem
siegenden Freier die leuchtenden Welsungenaugen er-
kannt habe, lähtS., der für offenen Angriff unbesieg-
bar ist, im Schlafe durch Hagano (Hagen) ermorden
und tötet sich selbst. Der Schatz aber fällt, nachdem
alle, die an ihm teil hatten, vernichtet sind, an seine
ursprünglichen Herren zurück, die ihn in den Rhein
versenken.
Diesem einfachen, noch durchaus heidn. und
mytholog. Charakter kommt die Sage bei allen Ab-
weichungen am nächsten in den ältern nordischen
Quellen, unter denen die Lieder der alten Edda
obenan steben. Die jüngere Edda berichtet von ihr
nur beiläufig, ausführlicher die im 13. Jahrh, ab-
gefaßte prosaische Völsungasaga, zu der die spätere
Nornagestsaga und Anspielungen in verschiedenen
Skaldengedichten ergänzend hinzutreten. Aber schon
die ältesten nordischen Lieder weisen unverkennbar
auf verlorene noch ältere deutsche zurück. Die Sage
von S. hat in Deutschland ihr eigentliches Leben
gehabt, und es ist lediglich Schuld der zufälligen
Überlieferung, daß wir sie hier in ihren ältesten
Phasen nicht beobachten können. Histor. Elemente
mischten sich dem Siegfriedmytbus vielleicht schon
aus den Thaten des Arminius (s. d.) bei, dessen Ver-
wandte fast sämtlich ihre Namen mit Segi (Sieg)
beginnen, was auf einen allerdings mehrdeutigen
Zusammenhang der geschichtlichen Überlieferung
mit der Eiegfriedsage hinweist. (Vgl. Iellinghaus,
Arminius und S., Kiel 1891.) Späterhin wird
diese besonders von den Franken am Niederrbein
gepflegt und verschmilzt wohl noch im 5. Jahrh,
mit der Sage von dem Untergange des burgund.
Königs Günther durch die Hunnen (437); dadurch
werden die Nibelungen des Mythus in burgund.
Könige gewandelt, und zugleich tritt Verknüpfung
mit dem hunn. Attila und durch diesen wiederum
mit der Dietrichsage ein. So gewaltigem Sagen-
komplex entsprangen dann unter fortdauernden
Wandlungen die Lieder, aus denen im 12. Jahrh,
das Nibelungenlied (s. d.) erwuchs. Aber so wenig
alle erhaltenen ältern nordischen Quellen zusammen
den Sagenkreis von S. erschöpft hatten, so wenig
war das im Nibelungenliede geschehen. Vielmehr
bestand neben ihm noch eine bedeutende Anzahl in
besondern Liedern fortlebender Sagenabschnitte, die
teilweise wieder den Weg in die nordische Litteratur
fanden und in der zumeist auf deutschen Quellen
beruhenden Thidrekssaga erhalten wurden. In
Deutschland selbst hat die cyklische Tendenz, die
S. sich kämpfend mit Dietrich von Bern wollte
messen lassen (so im "Rosengarten", "Biterolf und
Dietleib" u. a.), die Sage verwildert. Die Ju-
gend des Helden, aber märchenhaft und bänkel-
sängerisch, berichtet das in der erhaltenen Form erst
dem 10. Jahrh, angehörende Lied vom "Hürnen
Seyfrid" (hg. von Golther in den "Halleschen Neu-
drucken", Nr. 81-82; erneuert von Simrock im "Klei-
nen Heldenbuch", Etuttg. und Tüb. 1844). Was
jetzt noch von der Siegfriedsage im deutschen Volks-,
munoe lebt, ist größtenteils von den Gebrüdern
Grimm in den "Kinder- und Hausmärchen" gesam-
melt worden. Es gehören dahin z. B. das Märchen
vom "Dornröschen", in dem die schlafende Brunhild
deutlich zu erkennen ist; die Märchen von den "Zwei
Brüdern", von dem "Jungen Riesen", namentlich
"Der König vom goldnen Berge", wo der Erwerb
des Schatzes wie in der Sage berichtet wird u. s. w.
Reichhaltige Zusammenstellungen und Nachweisun-
gen über das Stoffliche der Siegfriedsage giebt
W. Grimm, "Die deutsche Heldensage" (3. Aufl.,
Gütersl. 1889); Rahmann, "Die deutsche Helden-
sage und ihre Heimat" (2 Bde., Hannov. 1857-58).
Von den Deutungen der Sage ist die mythische, die
S. für einen Tagesheroen hält, der durch die Waber-
lohe der Morgenröte dringend die Sonne befreit,
aber mit ihr wieder in die Gewalt der Nachtdämonen
gerät, die befriedigendste. - Vgl. Golther, Studien
zur german. Sagengeschichte (Münch. 1888); Heinzel,
Über die Nibclungensage (Wien 1885).
Siegfried, Karl, prot. Theolog, geb. 22. Jan.
1830 in Magdeburg, studierte in Halle und Bonn,
wurde 1858 Gymnasiallehrer in Guben, 1860 in