Schnellsuche:

Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

Diese Seite ist noch nicht korrigiert worden und enthält Fehler.

1005
Sittenfeld - Sittlichkeitsvereine
beide im got. Stil, in dem neuern Stadtteil nach
dem Bahnhof hin das Rcgierungsgebäude, bischöfl.
Palast an der Place d'Armes und das nene Gymna-
sium mit Naturalien- und Münzkabinett. Außer-
dem besitzt E. ein Kapuzinerklostcr und eine evang.
Kapelle, hauyterwerbsquellen sind die Ausbeutung
von Gips- und Anthracitgrubcn, Marmor- und
Vausteinbrüchen,Strohflechterci, Tabaksfabrikation,
Obst-, Weinbau (mit Traubenkur) und Handel mit
Wein. Nördlich von S. die Trümmer der frühern
bischöfl. Burg Tourbillon (1294 erbaut, 1788 durch
Feuer zerstört); südlich das schloß Valeria, einst
ein rom. Kastell, setzt Priesterseminar, mit der roman.
Kirche Notre-Dame de Valere (9. bis 13. Iabrh.) mit
merkwürdigen Säulenkapitälen, Bildern und ge-
schnitzten Chorstühlen. In dem frühern Kalendfalc
das neu gegründete Altertumsmuseum. Unterhalb
Valeria liegt das Schloß Majoria, bis 1788 Re-
sidenz der Bischöfe, jetzt zum Teil Kaserne. Das
Klima der Umgebung ist so mild (Iabrestemperatur
10° 0.), daß außer vorzüglichem Wein und Obst
Feigen, Mandeln, Maulbeeren und an den Felsen
von Tourbillon sogar die amerik. Feigcndistel
(Opunticl. vu^ariZ ^'om'iie/.) gedeihen.
Sittenfeld, Konrad, Schriftsteller unter dem
Pseudonym Konrad Alberti, geb. 9. Juli 1862
in Vreslau, studierte in Vreslau und Berlin Ge-
schichte und Litteratur, war längere Zeit Schauspie-
ler, studierte wieder in Berlin und widmete sich dann
ausschließlich schriftstellerischer Thätigkeit. S.s so-
ciale Romane und Novellen, die auf dem Boden des
modernen Naturalismus stehen, stoßen zwar häusig
ab durch Cynismen, sind aber glatt und knapp ge-
schrieben und gehören zu den bessern Erzeugnissen
der modernen realistischen Erzähluugskunst, z.V.
die Novellen "Riesen und Zwerge" (2. Aufl., Lpz.
1L89), "Plebs" (ebd. 1887), "Federspiel" (ebd. 1890),
die Romane "Wer ist der Stärkere?" (ebd. 1888),
"Die Alten und die Jungen" (ebd. 1889), "Das
Recht aufLiebe" (ebd. 1890; 2. Aufl. 1891), "Schröter
und Compagnie" (ebd. 1892), "Mode" (ebd. 1893),
"Maschinen" (ebd. 1894), "Fahrende Frau" (ebd.
1895). S. schrieb ferner mehrere Dramen ("Brot",
sociales Schauspiel, 1888, "Ein Vorurteil", 1893),
Lustspiele ("Bluff", 1893, "Die Französin", 1891),
Epigramme ("Grobe Keile auf grobe Klötze", 1893),
kultur- und litterargeschichtliche Schriften.
Sittenlehre, f. Ethik.
Sittenpolizei, Gesamtheit der polizeilichen
Mahregeln, die gegen öffentliche Unsitte und An-
reizuna. zur Unsittlickkeit gerichtet sind, und die zur
Ausführung dieser Maßregeln bestellten amtlichen
Organe. Die S. beschränkt sich gegenwärtig in
den deutschen Staaten auf Mahregeln gegen die
Trunksucht, geschlechtliche Ausschweifungen, Glücks-
spiele, Tierquälerei, und solche zum Schutze der
Sonn- und Festtagsfeier. Die Bekämpfung der
Trunksucht geschieht durch Beschränkung der Gast-
wirtschaften, Einrichtung sog. Polizeistunden (s. d.),
Strafandrohungen gegen Wirte in betreff der Auf-
nahme schulpflichtiger Kinder in ihren Lokalen und
Bestrafung solcher Perfonen, welche sich durch den
Trunk unfähig machen, diejenigen zu unterbalten,
zu deren Unterhalt sie verpflichtet sind (Neichsstraf-
gesetzbuch §. 361^, sowie zahlreiche Polizeivorschrif-
ten in den Einzelstaaten). Gegen geschlechtliche Aus-
schweifungen richten sich mehrfache Vorschriften des
Reichsstrafgesetzbuchs, nämlich ߧ. 183, 184, 174,
179, 182, 160, 361". Außerdem ist in einzelnen
Staaten der Konkubinat(s.d.), sofern dadurch öffent-
liches L'lrgernis erregt wird, verboten; ferner gehören
dierber auch die Vorschriften gegen öffentliche Tanz-
belustigungen. Gegen das Glücksspiel richtet sich
das reichsgesetzliche Verbot der Duldung von öffent-
lichen Spielbanken, sowie verschiedene strafrechtliche
Vorschriften (Reichsstrafgesetzbuch §ß. 284 - 286,
3615)' gegen Tierquälerei die Vorschrift im Reichs-
strafgesetzbuch ß. 360", sowie polizeiliche Straf-
bestimmungen in Württemberg, Baden,.Hessen, Sach-
sen ', zum Schutz der Sonntagsfeier bestehen ebenfalls
Polizeivorschriften in den Einzelstaaten mit der Straf-
drohung des §. 366^ des Reichsstrafgefetzbuchs.
Gegen <groben Unfug" hat, ohne nähere Bestim-
mung, das Rcichsstrafgesetzbuch (§. 360, Nr. 11)
Maßregeln getroffen. - Vgl. R. von Mohl, Die
Polizeiwisscnschaft, Bd. 2 (3. Aufl., Tüb. 1866).
Sitter, rechter Zufluß der Thür in der Schweiz,
entstebt aus zwei Bachen am Nordostabfall der
Sentisgruppe beim Wcihbad, 3 km südöstlich von
Appcnzell, und mündet, nachdem sie links den
Urnäsckbach aufgenommen, 42,5 kni lang, bei
Bischofszell. Die S. ist ein wildes Vergwasser,
weder schiffbar noch flößbar.
Sittewald, Philander von, s. Moscherosch.
Sit tidi terra. Isvis (lat.), Inschrift auf Grab-
steinen, s. Bestattung der Toten (Bd. 2, S. 888 a).
Sittiche (8itwcwao), die langschwänzigen Papa-
geien, im Gegensatz zu den kurzschwanzigen (?3it-
tacin^o). Sie wechseln von etwa Sperlings- bis
Hausbabngröße. Die Hauptunterscheidungsmerk-
male sind: ein schlanker langgestreckter Körper mit
mehr oder minder langem, stufigem Schwanz und
langen spitzen Flügeln. Im übrigen sind sie unter-
einander sehr verschieden. Wissenschaftlichen Wert
bat die Unterscheidung der S. und kurzschwanzigen
Papageien nicht, doch kommt die erstere Bezeich-
nung im Handel viel vor und beide können als die
bedeutsamste Kennzeichnung zweier großen Papa"
geiengruppen gelten. (S. auch Papageien.)
Sittingbourne (spr. -born), Stadt in der engl.
Grafscbaft Kent, Station der Eisenbahn London-
Chatham-Tover, die hier nach Sheerneß abzweigt,
bat (1891) 8302 E., Ziegeleien, Papier-, Korn- und
Ölmühlen.
Sittlichkeitsverbrechen und Sittlichkeits-
vergchen, strafbare Handlungen, welche durch un-
erlaubte Befriedigung des Geschlechtstriebes, An-
reiznng der Sinnlichkeit, Vermittelung unerlaubten
Geschlechtsverkehrs, Verletzung der Schamhaftigkeit
begangen werden. Onanie, auch gemeinschaftlich
begangen, wird nicht bestrast. Im übrigen wird
das Sittlichkeitverbrechen teils von einer Person,
an einer andern oder an einem Tier begangen, wie
die Notzucht, die Sodomie, teils von zwei Per-
sonen gemeinschaftlich, wie der Ehebruch, die Pä-
derastie, die Blutschande. Doch sind auch in diesem
Falle nicht immer beide Personen, wennschon bei
einer gemeinschaftlichen unsittlichen Handlung be-
teiligt, strafbar, z. V. wenn der eine Teil noch
nicht strafmündig ist. Aus naheliegenden Gründen
bleiben Verwandte und Verschwägerte absteigender
Linie wegen Blutschande straflos, wenn sie noch
nicht das 18. Lebensjahr erreicht haben, ebenso das
noch nicht 16 I. alte Mädchen, welches zum Bei-
schlaf verführt ist. (S< auch Unzucht.)
Sittlichkeitsvereine, Deutsche, Vereine,
die gegen die Unsittlichkeit in allen Ständen, die
Prostitution, die Unzucht in Schriften und Bildern
<^