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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

Schlagworte auf dieser Seite: Socinische Kautel; Socinus; Sociologie

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Socinische Kautel - Sociologie

weiter entwickelt haben. Die S. werden als Vorläufer der Rationalisten angesehen. Allerdings erkennen sie die Notwendigkeit einer übernatürlichen Offenbarung, die in der Heiligen Schrift niedergelegt sei, an, beschränken aber nicht allein die Inspiration derselben auf das religiös Wesentliche in ihr, sondern räumen auch der Vernunft eine kritische Stellung ein, ohne freilich das Verhältnis von Schrift und Vernunft zu klarem Ausdruck zu bringen. Am schärfsten ist ihr Gegensatz gegen die herrschenden Kirchen in den Lehren von der Dreieinigkeit, der Person und dem Werke Christi. Erstere verwerfen sie ganz als schrift- und vernunftwidrig; in Christus erkennen sie einen wirklichen, aber vom Heiligen Geiste erzeugten und im Himmel von Gott selbst übernatürlich belehrten Menschen, an dessen göttlicher Verehrung sie übrigens festhalten, dessen erlöserische Thätigkeit nicht durch Zurechnung seines Verdienstes, sondern vermittelst moralischer Einwirkung erfolgt. Sie selbst nennen sich Unitarier. (S. Antitrinitarier.)

Vgl. Trechsel, Die prot. Antitrinitarier (Heidelb. 1839-44); Fock, Der Socinianismus (2 Bde., Kiel 1847); Ferencz, Kleiner Unitarierspiegel (Wien 1879); Harnack, Lehrbuch der Dogmengeschichte, Bd. 3 (3. Aufl., Freib. i. Br. 1894); Sembrzycki, Die poln. Reformierten und Unitarier in Preußen (Königsb. 1893).

Socinische Kautel (Cautela Socini), s. Pflichtteil.

Socinus, Lälius und Faustus, s. Socinianer.

Sociologie, Gesellschaftswissenschaft, die Lehre von der Gesellschaft der Menschen als einer Vereinigung der einzelnen Individuen zwecks Durchführung verschiedenartiger Zwecke. Der Mensch ist seiner ganzen physischen und moralischen Natur nach zum Zusammenleben und Zusammenwirken mit andern bestimmt. Isoliert würde er vielleicht notdürftig nach Art der Wilden seine Existenz fristen können, aber geistig und moralisch auf der Stufe der Wildheit stehen bleiben. Sind die menschlichen Vereinigungen auch vielfach auf Macht und Unterwerfung aufgebaut worden, so haben sie doch auch dann eine gewiss qesellschaftliche Ordnung und damit auch die Möglichkeit von Kulturfortschritten erzeugt, durch welche allmählich auch die ursprünglich Bedrückten und Ausgebeuteten zu bessern Lebenslagen und schließlich zur Freiheit und gesellschaftlichen Selbständigkeit geführt wurden. Eine ordnende Zwangsgewalt bleibt für den Bestand der Gesellschaft unentbehrlich. Ihr Träger ist der Staat, durch den die Gesellschaft nach außen festen Abschluß und im Innern festen Halt für ihre einzelnen Teile erhält. Außerdem ist der Staat das Organ, durch das die Gesellschaft als Ganzes gleichsam auf sich selbst zurückwirkt, zur Förderung ihrer allgemeinen Interessen und ihrer Kulturentwicklung.

Die staatliche Thätigkeit bildet also einen Teil des Gesellschaftslebens, erschöpft dasselbe aber keineswegs. Die Individuen wirken innerhalb der Staatsordnung noch auf die mannigfaltigste Weise aufeinander ein und unterhalten zu einander noch wichtige engere Beziehungen. Sie folgen selbsterzeugten Sitten und Gewohnheiten, bilden besondere Gemeinschaften unter sich, von denen die Familien und Geschlechter einerseits und die kirchlichen Vereinigungen andererseits besonders hervorzuheben sind; vor allem aber vollzieht sich der wirtschaftliche Prozeß und die dadurch bedingte Verteilung der Güter zwar auf gewissen, vom Staate gegebenen und geschützten Grundlagen, aber im einzelnen doch unabhängig von seiner Mitwirkung.

Durch die wirtschaftlichen Einflüsse und vor allem durch die Verteilung der Güter entstehen innerhalb der Gesellschaft besondere, von der staatlichen Gliederung unabhängige Schichtungen, Abhängigkeitsverhältnisse und Zusammenhänge. In erstern kann man sogar von einem Gegensatze zwischen Gesellschaft und Staat sprechen. Derselbe ist allerdings bis zur Gegenwart dadurch verdeckt worden, daß die ökonomisch herrschenden Klassen zugleich auch rechtlich oder thatsächlich die Staatsgewalt in Händen hatten. In der neuesten Zeit dagegen wird ihnen diese Stellung ernstlich streitig gemacht, nicht nur von den Parteigängern der Socialdemokratie (s. d.), sondern auch von denjenigen Socialpolitikern, welche den Staat über die gesellschaftlichen, durch die Besitzverschiedenheit bedingten Parteien stellen wollen und ihm die Aufgabe zuweisen, die socialen Gegensätze auf Grundlage der bestehenden Rechtsordnung nach Möglichkeit zu mildern (s. Socialpolitik). Auch insofern kann von einem Gegensatz zwischen Staat und Gesellschaft gesprochen werden, als die gesellschaftlichen, namentlich die wirtschaftlichen Beziehungen über die Grenzen des einzelnen Staates hinausgehen und daher die Entstehung kosmopolit. Anschauungen begünstigen.

Vielfach wird auch der Begriff der Gesellschaft in ganz allgemeinem Sinne, ohne Beziehung auf einen Staat, als menschliche Gesellschaft überhaupt genommen; dann ist er gleichbedeutend mit der Menschheit als einem sich geschichtlich entwickelnden, besondern Gesetzen folgenden Ganzen und S. bedeutet dann die Lehre von den typischen Erscheinungen und den Entwicklungsgesetzen der Menschheit im ganzen. Während die polit. Geschichte wesentlich das Individuelle in den menschlichen Dingen darstellt und namentlich das Handeln der einzelnen bedeutenden und leitenden Individualitäten verfolgt, sucht die S. die allgemeinen Gesetzmäßigkeiten zu entdecken, die das Dauernde in dem Wechsel der Einzelerscheinungen bilden, und die Ziele zu erforschen, auf welche die erkannten oder vermuteten Entwicklungen gerichtet sind. Derartige Versuche sind, nachdem die theol. Weltanschauung ihren vorherrschenden Einfluß verloren hat, schon mehrfach und von verschiedenen Gesichtspunkten aus unternommen worden, so von Vico, Lessing, Herder, Condorcet, Hegel. Auch die Lehre Saint-Simons war wesentlich S. oder Geschichtsphilosophie, begründet auf der Idee der Entwicklung oder des Fortschritts. Besondern Einfluß aber übte A. Comte, ursprünglich ebenfalls Saint-Simonist, auf die neuere Gestaltung der S. aus. Für ihn bildete sie die höchste Stufe in der von ihm aufgestellten Skala der Wissenschaften, und ihre Aufgabe soll sein, die Erscheinungen des Menschenlebens ebenso positiv wissenschaftlich zu beherrschen, wie der Astronom die Planetenbewegung überschaut. Einen immerhin beachtenswerten, wenn auch unzulänglichen Versuch, Gesetze aus dem empirischen geschichtlichen Material abzuleiten, hat Buckle in seiner "Geschichte der Civilisation in England" unternommen. Unter den neuesten Arbeiten auf dem Gebiete der S. sind besonders die Schriften von Herbert Spencer zu nennen, der allerdings vielfach in Widerspruch mit Comte tritt, aber die positiv-exakte Methode streng befolgt, indem er zuerst die sociologischen Thatsachen mit großem Fleiße sammelt und von ihnen aus durch Induktion zu Verallgemeinerungen und Gesetzen zu gelangen sucht. Auf andere Weise, nämlich mittels Ausfüh-^[folgende Seite]