Schnellsuche:
Info: Zur Zeit wird der Volltextindex aktualisiert. Sie erhalten daher bei Suchen nicht die volle Anzahl an Treffern. Die Aktualisierung dauert typischerweise wenige Minuten.

Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

228

Stadt

an der Abwanderung der ländlichen und kleinstädtischen Bevölkerung in die größern Orte (s. Binnenwanderungen, Bd. 17) namentlich Leute im kräftigen, arbeitsfähigen Alter beteiligt sind. Über die Einteilung der S. s. Bevölkerung.

Jener Wanderungszug nach den S. ist für die Gegenwart von außerordentlicher Bedeutung geworden, denn er bildet die allein durchschlagende Ursache für die gewaltige Vermehrung der städtischen Bevölkerung während der letzten Jahrzehnte. In dem Zeitraum 1885‒90 nahmen im Deutschen Reiche die Mittelstädte um 17,29, die Großstädte um 17,79 Proz. zu; hiervon entfallen nur 5,34 und 5,86 Proz. auf den natürlichen Zuwachs durch Überschuß der Geburten über die Sterbefälle, dagegen 11,95 und 11,93 Proz. auf den Gewinn durch die Zuwanderung. Die S. von über 20000 E. hatten 1871‒75 einen Zuwachs von 3,06, in den folgenden Jahrfünften von 2,39, 2,24, 2,87 und (1890‒95) von 2,20 Proz. zu verzeichnen. Ähnliche Verhältnisse zeigen die übrigen Kulturländer.

Dieser «Zug nach der S.», wie er in dem starken Anwachsen unserer Großstädte zum Ausdruck kommt, ist eine durchaus moderne Erscheinung. Abgesehen von der auf ganz eigenartige sociale und wirtschaftliche Ursachen zurückzuführenden Bevölkerungsentwicklung der Stadtrepubliken im klassischen Griechenland und der S. Rom zur Zeit des Kaiserreichs, hatte nur das spätere Mittelalter, insbesondere das 14. und 15. Jahrh., den heutigen ähnliche Verhältnisse aufzuweisen, insofern auch damals ein stetes Abströmen des ländlichen Bevölkerungsüberschusses in die S. erfolgte. Indessen reicht die Bedeutung dieses Vorgangs an die neuzeitliche Entwicklung nicht heran. Selbst die hervorragendsten deutschen S. des spätern Mittelalters sind an Einwohnerzahl weit kleiner gewesen, als man bis vor kurzem anzunehmen geneigt war. Berühmte Handelsplätze, wie Nürnberg, Straßburg und Basel, waren gegen Ende des 15. Jahrh. bescheidene Mittelstädte von 15000 bis 20000 E. Unter überaus günstigen wirtschaftlichen Verhältnissen haben die deutschen S. allerdings während des 16. Jahrh. bedeutend zugenommen; aber es ist als feststehend anzusehen, daß kurz vor Ausbruch des Dreißigjährigen Krieges keine der damaligen S. über 60000 E. gehabt hat. Großstädte im modernen Sinne gab es damals nicht. Bekanntlich wurde durch jenen Krieg die kulturelle Entwicklung Deutschlands jäh unterbrochen und die Bevölkerung in E. und Land stark verringert. Wie hierin während des 18. Jahrh. eine allmähliche Besserung Platz griff, läßt sich bei dem Mangel an jeder sichern statist. Grundlage mehr vermuten als im einzelnen nachweisen.

Erst seit dem Beginn des 19. Jahrh. gestattet die damals begründete amtliche Statistik genauere Feststellungen über die Volkszahl in S. und Land. Vergleichbare Angaben reichen aber nicht hinter die Mitte des 19. Jahrh. zurück. Über die Verschiebung der städtischen und ländlichen Bevölkerung des Deutschen Reichs s. Bevölkerung. In Preußen betrug der Anteil der in den Stadtgemeinden lebenden Einwohner 1849: 20,52, 1858: 29,61, 1804: 31,10, 1871: 32,33, 1875: 34,18, 1880: 35,59, 1885: 37,27, 1890: 39,35 und 1895: 40,73 Proz.; in Frankreich betrug die Volkszahl aller Gemeinden mit mehr als 2000 E. 1846: 24,42, 1851: 25,52, 1856: 27,31, 1861: 28,86, 1866: 30,46, 1872: 31,06, 1876: 32,44, 1881: 34,76, 1886: 35,95 und 1891: 37,4 Proz. der Gesamtbevölkerung; bei gleichbleibender Zunahme dürfte die städtische Bevölkerung 1920 die Stärke der ländlichen erreichen. In Österreich beherbergten die städtischen Wohnplätze (von 2000 und mehr E.) 1843 kaum den fünften Teil, 1890 aber bereits ein Drittel der ganzen Bevölkerung des Staates. In England machte die städtische Bevölkerung schon 1850 die Hälfte, gegenwärtig dagegen drei Viertel der Gesamtheit aus. Eine besonders eigenartige Entwicklung nahmen die Vereinigten Staaten von Amerika. Daselbst gestalteten sich die Verhältnisse folgendermaßen:

^[Leerzeile]

^[Tabellenanfang]

Jahre Stadtbevölkerung Personen / Prozent Landbevölkerung Personen / Prozent Gesamtbevölkerung Personen / Prozent

1840 1453994 / 8,52 15615459 / 91,48 17069453 / 100

1890 18235670 / 29,12 44386580 / 70,88 62622250 / 100

^[Tabellenende]

^[Leerzeile]

Hier ist also, dank der außerordentlich starken überseeischen Einwanderung, nicht nur eine beispiellose Zunahme der städtischen, sondern auch eine sehr starke Zunahme der ländlichen Bevölkerung erfolgt.

Allgemein zeigt sich, daß die größern S. verhältnismäßig weit stärker zunehmen als die kleinern, und daß namentlich die sog. Landstädte unter dem Einfluß der modernen wirtschaftlichen Entwicklung vielfach stark zurückgeblieben sind.

Für die europ. Kulturstaaten sind die Ursachen der hier angedeuteten Verschiebung, sofern dieselbe auf dem Zuzug vom Lande in die S. beruhen, in erster Linie auf die günstigere wirtschaftliche und sociale Lage der groß- und kleingewerblichen Arbeiterklassen in den S. gegenüber derjenigen der landwirtschaftlichen Bevölkerung auf dem platten Lande zurückzuführen, ein Gegensatz, welcher durch die kritische Lage des landwirtschaftlichen Gewerbes neuerdings erheblich verschärft worden ist. Während sich in den S. die Nachteile der Bevölkerungsanhäufung in Gestalt der Arbeitslosigkeit und der Wohnungsnot mehr und mehr als sociale Probleme geltend machen, mangelt es in der Landwirtschaft immer fühlbarer an tüchtigen Arbeitern, welche letztere durch den Zug nach den großstädtischen und industriellen Bezirken dem Lande gegenwärtig in einem Maße entzogen werden, das den thatsächlichen Bedürfnissen der Industrie längst nicht mehr entspricht. Abgesehen hiervon wird man es aber als erfreulich betrachten dürfen, daß unter unsern modernen Rechts- und Kulturverhältnissen das Aufsuchen der günstigern Lebensbedingungen so außerordentlich erleichtert worden ist und durch eine engere Mischung des städtischen und ländlichen Elements und der verschiedenen Stammesangehörigen die Vereinheitlichung des Volkscharakters gefördert und das Gefühl der nationalen Zusammengehörigkeit gestärkt wird. - Über Einnahmen und Ausgaben einiger Großstädte s. Gemeindehaushalt. Das starke Anwachsen der großstädtischen Bevölkerung hat der Frage einer planmäßigen Erweiterung der städtischen Bebauungsgebiete eine besondere Bedeutung verlieben (s. Stadterweiterungen).

Geschichtliches. Abgesehen von den Chinesen und andern Völkern des östl. und südl. Asiens waren es die Babylonier, Ägypter, Phönizier und Griechen, die zuerst daheim und in der Fremde S. anlegten. Bei den Babyloniern und Ägyptern dienten sie vorzugsweise als feste Plätze, bei den Phöniziern und Griechen dem Handel, und bezeichnenderweise gingen nur aus diesen die be-^[folgende Seite]