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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Statistik

bruch gethan, zumal da wegen der Masse des allmählich sich ansammelnden Stoffes eine akademische Behandlung derselben nicht mehr möglich war und die Nationalökonomie, das Staats- und Verwaltungsrecht und die Geographie als selbständige Wissenschaften sich loslösten. Übrigens hat noch neuerdings Wappäus (s. d.) den Standpunkt Achenwalls im wesentlichen festzuhalten gesucht. Um so günstiger gestaltete sich die Entwicklung der auf die zahlenmäßige Massenbeobachtung gerichteten Disciplin, da die allmählich sich entwickelnde statist. Sammelthätigkeit der Staaten ein reichhaltiges Material anhäufte. Eine wesentliche Förderung wurde insbesondere der social-physiol. Seite der Massenbeobachtung durch die Arbeiten Quételets (s. d.), namentlich durch dessen 1835 erschienenes Werk "Sur l'homme", zu teil; zugleich lenkte er durch seinen Versuch, die menschlichen Handlungen auf statist. Naturgesetze zurückzuführen (Gesetze der großen Zahl), die Aufmerksamkeit weiterer Kreise auf dieses Gebiet und stellte die Moralstatistik (s. d.) auf längere Zeit in den Vordergrund des wissenschaftlichen Interesses. Ein weiterer Ausbau der mathem.-theoretischen Seite der Bevölkerungsstatistik erfolgte unter anderm durch Laplace, Fourier, Moser, Hermann und neuerdings besonders durch Becker, Knapp, Zeuner und Lexis. Angesichts der Thatsache, daß die zahlenmäßige Beobachtung von Massenerscheinungen bald nicht mehr auf das staatliche und gesellschaftliche Leben beschränkt blieb, sondern auch auf andere Gebiete, namentlich auf Naturwissenschaften, Zoologie, Botanik, Meteorologie, Astronomie und Medizin Anwendung fand, gelangte man dazu, die S. als eigenartige Forschungsmethode in das Gebiet der Logik zu verweisen. Als solche hat die S. die Aufgabe, Massenerscheinungen auf Grund von Zählungsergebnissen zu beurteilen, und ist insofern eine Hilfsmethode der Induktion (Sigwart). Auf der andern Seite aber wird an der Stellung der S. als Wissenschaft von den Erscheinungen des staatlichen und socialen Lebens festgehalten, die auch wohl als Demographie (s. d.) bezeichnet wird. Je nach den Objekten, welche Gegenstand der statist. Untersuchung sind, unterscheidet man verschiedene Zweige der S. (S. Bevölkerung, Ehestatistik, Geburtsstatistik, Sterblichkeitsstatistik, Berufsstatistik, Forststatistik, Gewerbestatistik, Handelsstatistik, Kriminalstatistik, Moralstatistik, Unfallstatistik.)

Die Sammlung und tabellarische Ordnung des statist. Materials ist im wesentlichen die Sache öffentlicher Behörden (amtliche S.), wie ja auch der unmittelbare Zweck dieser Erhebungen nicht ein wissenschaftlicher, sondern ein praktisch-administrativer ist. Auf einigen Gebieten sind allerdings die von privater Seite veranstalteten Erhebungen (Privatstatistik) unentbehrlich, indem dieselben nicht nur die amtlichen Bestrebungen zu ergänzen, sondern bisweilen auch ausschließlich einen Erfolg zu sichern vermögen.

Gewisse statist. Feststellungen, wie Volkszählungen und Vermögensaufnahmen, finden sich schon in den Staaten des Altertums, und je mannigfaltiger sich die staatliche Aufgabe in der neuern Kulturentwicklung gestaltete, um so mehr stellte sich das Bedürfnis einer quantitativen Kenntnis der Hauptelemente des Staatslebens heraus. Doch wurden die Ergebnisse der statist. Erhebungen anfangs in den meisten Staaten nicht veröffentlicht, sondern sogar sorgfältig geheimgehalten. Die erste Organisation der amtlichen S. in moderner Form geschah in Schweden, wo 1756 eine "Tabellenkommission" für die Aufstellung von jährlichen Nachweisen über die Bewegung der Bevölkerung eingesetzt wurde. In Frankreich wurde 1796 ein Statistisches Bureau gegründet, das indes beim Sturz des Kaiserreichs einging und erst 1834 durch eine Centralstelle ersetzt wurde. In Preußen trat ein Statistisches Bureau 1805 ins Leben, jedoch nur auf kurze Zeit. Es wurde 1810 unter Hoffmann erneuert und gelangte unter Ernst Engels (s. d.) Leitung (1860-82) zu seiner vollen Entwicklung. Das kaiserl. Statistische Amt (s. d.) wurde unter Becker 1872 gegründet. Ähnliche Anstalten sind im Laufe des 19. Jahrh. in allen Kulturstaaten entstanden, wenn auch nicht immer als Centralstellen, da in einigen Ländern, z. B. in England, die Hauptzweige der S. von verschiedenen Bureaus bearbeitet werden. Den statist. Bureaus stehen in mehrern Ländern noch Centralkommissionen, aus höhern Beamten und Gelehrten zusammengesetzt, zur Seite. Außer den Staaten haben auch die meisten deutschen Groß- und selbst einige Mittelstädte statist. Ämter errichtet. Die internationalen statistischen Kongresse (der erste 1853 in Brüssel, die folgenden in Paris 1855, Wien 1857, London 1860, Berlin 1863, Florenz 1866, Haag 1869, Petersburg 1872 und der letzte 1876 in Budapest) haben versucht durchzusetzen, daß die statist. Erhebungen in den verschiedenen Staaten nach einem möglichst einheitlichen Plane erfolgen; sie steckten aber ihre Ziele zu weit, nahmen zu wenig Rücksicht auf nationale Eigentümlichkeiten und hatten daher keine großen praktischen Erfolge. Der 1879 nach Rom eingeladene Kongreß kam nicht zu stande, und erst 1885 ward in London wieder ein Internationales Statistisches Institut gegründet, jedoch nur als Privatverein, während zu den frühern Kongressen amtliche Delegierte entsendet wurden. Dieses Institut sucht die internationale S. durch periodische Versammlungen (zuletzt 1895 in Bern, 1897 in Petersburg) und Herausgabe statist. Veröffentlichungen zu fördern. Auch die seit 1878 wiederholt (zuletzt 1894 in Budapest) abgehaltenen internationalen Kongresse für Hygieine und Demographie dürfen in gewisser Beziehung als private Fortsetzung der frühern statist. Kongresse angesehen werden.

Die amtlichen statist. Veröffentlichungen bestehen zunächst aus den aus dem Material gewonnenen Tabellenwerken, die ihrerseits den Rohstoff für weitere Verarbeitung bilden. So erscheinen in Deutschland jährlich mehrere Bände der "S. des Deutschen Reichs" nebst "Vierteljahrsheften (früher Monatsheften) zur S. des Deutschen Reichs", ferner die "Preußische S." in zwanglosen Heften und mehrere ähnliche Publikationen der übrigen Einzelstaaten und der städtischen Ämter. In Frankreich giebt das Centralbureau eine "Statistique générale de la France" heraus; außerdem werden auch von seiten verschiedener Ministerien regelmäßige Veröffentlichungen veranstaltet. In England liefert der "Registrar general" das bevölkerungsstatist., das Bureau des Board of trade das wirtschaftsstatist. Material. In Österreich ist das Hauptquellenwerk die von der statist. Centralkommission herausgegebene "Österreichische S.". Die ital. Direktion der Allgemeinen S. liefert reichhaltiges bevölkerungsstatist. Material; daneben erscheinen auch zahlreiche Ver-^[folgende Seite]