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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

Schlagworte auf dieser Seite: Stickereifachschulen; Stickertressen; Stickfluß; Stickgas; Stickhauser Fehnkanal; Stickhusten; Stickmaschine

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Stickereifachschulen - Stickmaschine

erhaben zu liegen (Schattenlöcher). Das Restloch oder Schnürloch, zu dessen Herstellung man sich eines besondern Werkzeugs, des Nestloch- oder Schnürlochstechers, bedient, gehört zur sog. englischen S., die ganz durchbrochen oder licht ist und bei der die Stiche so dicht aneinander liegen, daß sie das Aussehen eines feinen Schnürchens erhalten (Cordonnierstich). Im Gegensatz zu letzterer steht die französische S., bei der Blumen und Blätter hoch und dicht gearbeitet werden.

Die Kunst des Stickens, insbesondere die Goldstickerei, soll von den Phrygiern erfunden worden sein; doch findet man sie bei allen Kulturvölkern schon seit den frühesten Zeiten in Gebrauch. Zu Homers Zeiten standen die Frauen Sidons in dem Rufe, geschickte Stickerinnen zu sein. Bei den Griechen galt Pallas Athene als die Erfinderin dieser Kunst; doch steht fest, daß dieselbe durch die Perser nach Griechenland gelangte. Durch Attalus III., König von Pergamon, gest. 133 v. Chr., wurden die Römer mit der Goldstickerei bekannt; erst unter den byzant. Kaisern war die Silberstickerei üblich. Berühmt waren gegen Ende des 10. Jahrh. die englischen, von Benediktinermönchen gefertigten S. (Opus anglicanum). Von den deutschen Klöstern gewann St. Gallen, St. Emmeran in Regensburg, diejenige am Rhein und an der Donau bald hohen Ruhm. Doch blieb bis ins 12. Jahrh. der Einfluß der Byzantiner und Sarazenen bemerkbar. Im Mittelalter diente die Stickkunst vorzugsweise der Kirche, indem sie die Paramente auf das reichste ausstattete. Die Nonnenklöster beherbergten die besten Werkstätten, bis gegen Ende des 13. Jahrh. die S. ein bürgerliches Gewerbe wurde. Die höchste Blüte erlangte sie in Burgund unter Herzog Philipp dem Guten. In weiterer Ausbildung wendete sie sich der Reliefstickerei zu, indem sie Watte unterlegte und ihre Figuren bildnerisch zu formen suchte. Das 16. Jahrh. kam von der Figurenstickerei ab und wendete neben der Applikationsstickerei, welche es mit feinem Farbensinne pflegte, die Perlen- und Schnurstickerei mit Vorliebe an. Es waren nun vorzugsweise weltliche Zwecke, Gewänder, später Möbelstoffe, die mit S. geziert wurden. Die letztern kamen im 18. Jahrh. in großartigster Weise zur Verwendung, so daß ganze Zimmereinrichtungen in Stickkunst ausgeführt wurden, ebenso wie man sie zur Dekoration der Kirchen verwendete. Die Leinenstickerei, früher vielfach für kirchliche Zwecke verwendet, wurde nun vorzugsweise eine Hauskunst, indem teils in Kreuzstich, teils in Plattstich, teils farbig (blau, rot, schwarz), teils weiß auf weiß (mit Leinen, Seide, Bändern, Borten oder Schnüren) zierliche Ornamente geschaffen wurden. Zu Anfang unsers Jahrhunderts hatte die Stickkunst einen tiefen Stand erreicht. Dank der kunstgewerblichen Bewegung seit den sechziger Jahren sind aber alle alten Techniken wieder aufgenommen worden und werden in umfassender Weise sowohl für kirchliche als profane Zwecke geübt. Die S. in Musselin (Weißstickerei) wird in der Schweiz und in Sachsen in großer Ausdehnung fabrikmäßig betrieben, wobei man sich teils der Handarbeit, teils der Stickmaschine (s. d.) bedient. Die Maschinenstickerei tritt überall da mit Vorteil an die Stelle der Handstickerei, wo es sich um die Massenproduktion gleichartiger Erzeugnisse handelt und wo demnach die künstlerischen Forderungen mehr zurückstehen.

Vgl. Peter Quentel, Musterbuch für Ornamente und Stickmuster (1527-29; neue Ausg., Lpz. 1882); Joh. Sibmacher, Neues Stick- und Spitzenmusterbuch (1604; neue Ausg. in 60 photolithogr. Blättern, Berl. 1881); Bock, Geschichte der liturgischen Gewänder des Mittelalters (3 Bde., Bonn 1856-71); Lay und Fischbach, Südslaw. Ornamente (mit 20 Chromolithographien, Esseg und Hanau 1880); Muster altdeutscher Leinenstickerei (hg. von Jul. Lessing u. a., 4 Hefte, zum Teil in 9. Aufl., Berl. 1888-91); Fischbach und Puslky, Ornamente der Hausindustrie Ungarns (Budapest 1879); Stassoff, L'ornement national russe (Petersb. 1872); Lipperheide, Muster altital. Leinenstickerei (1. u. 2. Sammlung und Neue Folge, 2 Bde., Berl. 1882-92); Emilie Bach, Muster stilvoller Handarbeiten (2 Tle., Wien 1881); Kick, Preisgekrönte Stickereiarbeiten (Stuttg. 1890 fg.); Hermine Steffahny, Stickereimuster (Lpz. 1892 fg.); L. de Farcy, La broderie du XIe siècle jusqu'a nos jours (mit 180 Tafeln, Par. 1892); Delabar, Allgemeiner Bericht über die Pariser Weltausstellung von 1867: die Weißstickerei in der Schweiz; die Weißstickerei in Württemberg (St. Gallen 1869); Göldy, Bericht an den hohen Bundesrat der Schweizerischen Eidgenossenschaft über die Stickereiindustrie auf der internationalen Ausstellung in Philadelphia 1876 (Winterth. 1877); Jahresberichte der Handels- und Gewerbekammer zu Planen im Königreich Sachsen.

Stickereifachschulen, s. Kunststickereifachschulen.

Stickertressen, s. Bortenweberei.

Stickfluß, s. Lungenödem und Bronchialkatarrh.

Stickgas, s. Stickstoff.

Stickhauser Fehnkanal, s. Tabelle beim Artikel Fehn- und Moorkolonien (Bd. 6, S. 629).

Stickhusten, s. Keuchhusten.

Stickmaschine, Einrichtung zur mechan. Herstellung von Stickerei (s. d.). Man unterscheidet zwei Systeme von S., je nach der mit denselben hauptsächlich erzeugten Stichart: die Plattstichstickmaschinen und die Kettenstichstickmaschinen oder Tambouriermaschinen. Bei den Plattstichstickmaschinen wird die Leistungsfähigkeit durch die große Zahl der gleichzeitig nach demselben Muster hergestellten Einzelstickereien, bei den Tambouriermaschinen durch die hohe Arbeitsgeschwindigkeit bedingt.

Die erste brauchbare Plattstichstickmaschine erfand Josua Heilmann in Mülhausen im Elsaß 1829. Diese Maschinen, deren schematischer Querschnitt in Fig. 1 auf Tafel: Stickmaschinen gegeben ist, während Fig. 11 die äußere Ansicht der Maschine zeigt, beruhen auf der unmittelbaren Nachahmung der Handarbeit; doch findet nicht das Fortsetzen der Nadeln von Stichpunkt zu Stichpunkt statt, sondern die entsprechende Einstellung des Stoffes in die fest bleibende Laufbahn der Nadeln. Der Stoff ist hierbei auf einem senkrecht stehenden ausbalancierten Rahmen aufgespannt, der in seiner Ebene allseitig verschiebbar ist. Die dem zu stickenden Muster entsprechende Verschiebung des Rahmens erfolgt mittels eines Pantographen oder Storchschnabels in der Weise, daß ein Stift an dem lungern Arm desselben auf eine Schablone, die das meist sechsfach vergrößerte Muster darstellt, und zwar auf die Endpunkte des jedem Stickfaden entsprechenden Schraffierstrichs aufgesetzt wird, während der kürzere Arm die auf das wirkliche Maß des Stickfadens reduzierte Bewegung auf den Rahmen überträgt. Wie Fig. 1 der genannten Tafel ersehen läßt, sind zu beiden Seiten des in dem Rahmen R mittels der Spann-^[folgende Seite]