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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Straßburg (im Elsaß)

der Kaiser-Wilhelms-Universität, für 12,8 Mill. M. errichtet (aus Reichsmitteln, aus dem Anteil Elsaß-Lothringens an den Reichskassenscheinen, aus den Zinsen dieses Fonds und aus Landes-, Bezirks- und städtischen Mitteln), liegen zum Teil vor dem ehemaligen Fischerthor und zum Teil (die mediz. Bauten) beim Bürgerspital. Die erste Stelle unter ihnen nimmt das Allgemeine Universitäts-(Kollegien-) Gebäude ein, 1878-84 nach den Plänen von Otto Warth-Karlsruhe in den Formen der ital. Frührenaissance ausgeführt und mit Bildhauerarbeit reich geziert. Die Hauptvorderseite (125 m) liegt in einer Entfernung von etwa 800 m der des Kaiserpalastes genau gegenüber. Hinter dem Universitätshauptbau liegen die Gebäude des Chemischen, des Physikalischen und des Botanischen Instituts sowie der Sternwarte, die aus einem Kuppelbau für den Refraktor (mit dem größten Instrument dieser Art in Deutschland, Objektivöffnung 487 mm), dem Meridianbau (mit zwei Kuppeln) und dem Wohnhaus des Direktors besteht. In der Nähe das Geologische, Mineralogische, Zoologische und Pharmazeutische Institut. Die zweite Gruppe der Universitätsneubauten, nächst dem Bürgerspital, umfaßt die Institute für Experimentalphysiologie, das Anatomische und Pathologische, das Physiologisch-Chemische Institut, die Psychiatrische Klinik, die Geburtshilfliche und Gynäkologische Klinik, das Pharmakologische Institut, die Chirurgische und die Augenklinik. Im nordwestl. Stadterweiterungsgebiet liegt der 1883 eröffnete Hauptbahnhof, mit einem Kostenaufwand von 23 Mill. M. erbaut; in der Eintrittshalle zwei Fresken von Knackfuß. Dem Kaiserpalast gegenüber liegen die gleichfalls in ital. Frührenaissancestil ausgeführten Gebäude des Landesausschusses und der 1895 bezogenen Universitäts- und Landesbibliothek. Unweit davon das neue Hauptpostgebäude (im Bau).

Verwaltung. Die Stadt wird verwaltet von einem Bürgermeister (Unterstaatssekretär z. D. Otto Back, 20 000 M.) mit 6 Beigeordneten und einem Polizeidirektor; der Gemeinderat besteht aus 36 Mitgliedern. Das Stadtgebiet ist in je vier Kantone intra und extra muros und acht Polizeireviere eingeteilt. Die städtische Feuerwehr, deren "Ordnungen" im 18. Jahrh. mehrfach andern Städten zum Muster dienten, zählt 375 Mann (233 intra, 142 extra muros). Das städtische Wasserwerk ist 1879 eröffnet; die Entwässerungsanlagen haben eine Länge von 35 km. Die Schwemmkanalisation für das innere Stadtgebiet ist in Angriff genommen. Die 1840 eröffnete Gasanstalt (Compagnie L'Union des gaz, Société anonyme) lieferte 1896/97: 7,099 Mill. cbm Gas. Elektrische Beleuchtung (privates Elektricitätswerk) besteht in der Bahnhofsanlage, auf dem Bahnhofsplatz, im Theater, in gewerblichen Anlagen, Gasthäusern und Geschäften. Die Halle des alten Bahnhofs ist in eine Markthalle umgewandelt; eine kleinere befindet sich im Erdgeschoß der Großen Metzig, eine Gewerbehalle im alten Bahnhof. Das städtische Schlachthaus ist bedeutend erweitert. 1896/97 betrugen die Einnahmen (Ist) 6 872 029 M., darunter 769 367 M. Einkünfte aus städtischem Vermögen, die Ausgaben (ohne Rückstände) 7 788 707 M., darunter für Sicherheitszwecke 346 939 M., für Unterricht 911 390 M., Armen- und Krankenpflege 662 16 M. Die Kosten der offenen Armenpflege, die in getrennter Verwaltung ausgeübt wird, betrugen 1896/97 einschließlich des städtischen Zuschusses 324 871 M.

Behörden. S. ist Sitz des kaiserl. Statthalters, der obersten Landesbehörden für Elsaß-Lothringen, der Bezirksbehörden für den Bezirk Unterelsaß, der Kreisbehörden für den Landkreis S. (für den Stadtkreis werden die Befugnisse des Kreisdirektors durch den Bezirkspräsidenten, die des Kreistags durch den Gemeinderat ausgeübt), eines Landgerichts (Oberlandesgericht Colmar) mit einer Kammer für Handelssachen und 15 Amtsgerichten (Benfeld, Bischweiler, Brumath, Erstein, Hagenau, Hochfelden, Illkirch, Lauterburg, Niederbronn, Schiltigheim, S., Sulz und Wald, Truchtersheim, Weißenburg, Wörth), eines Amtsgerichts, des Landesversicherungsamtes, der Oberpostdirektion für die Bezirke Ober- und Unterelsaß, eines Hauptsteueramtes, Gewerbegerichts, kath. Bischofs, des Oberkonsistoriums und des Direktoriums der Kirche augsburg. Bekenntnisses, eines Konsistoriums der reform. Kirche, des israel. Konsistoriums für den Bezirk Unterelsaß sowie des Generalkommandos des 15. Armeekorps, der Kommandos der 30. und 31. Division, der 60., 61. und 85. Infanterie-, 31. Kavallerie-, 15. Feld-, 4. Fußartilleriebrigade, eines Gouvernements, einer Kommandantur, der 3. Ingenieur-, 5. Festungs- und 4. Artilleriedepotinspektion, einer Fortifikation, Artilleriewerkstatt, eines Artillerie- und Traindepots, Bezirkskommandos, einer Reichsbankhauptstelle und Handelskammer.

Unterrichts- und Bildungswesen. Die Universität wurde im 16. Jahrh. als Akademie mit einer philos. Fakultät aus den obern Klassen des seit 1538 bestehenden Gymnasiums von dem Magistrat errichtet und 1621 unter dem Privilegium Ferdinands II. zu einer reichsstädtischen Universität mit vier Fakultäten erweitert, die im 17. und 18. Jahrh. in erster Reihe stand und auch unter franz. Herrschaft deutsch blieb. Infolge der Französischen Revolution beseitigt, erstand sie 1802 als Académie protestante wieder, wurde aber 1808 in eine franz. Akademie verwandelt. Durch Stiftungsurkunde vom 28. April 1872 wurden die einzelnen Fachschulen und Fakultäten aufgehoben und ihre Rechte auf die neu gegründete Kaiser-Wilhelms-Universität übertragen; sie hat als fünfte Fakultät eine mathematische und naturwissenschaftliche, ferner 133 Professoren und Docenten und im Winter 1896/97: 1013, Sommer 1897: 1016 (darunter etwa 557 Elsaß-Lothringer) Studierende sowie 41 Seminare, Kliniken, wissenschaftliche und kunstwissenschaftliche Institute, einen botan. Garten, eine Sternwarte u. a. Das Vermögen des St. Thomasstifts, welches aus dem frühern Kollegiatkapitel der Thomaskirche herstammt, ist ausschließlich kirchlichen und Unterrichtszwecken gewidmet. Unter der Verwaltung des Thomasstifts steht das Theologische Studienstift von St. Wilhelm (Collegium Wilhelmitanum), 1543 als Internat für evang. Theologen gestiftet. Ferner bestehen ein bischöfl. Priesterseminar für kath. Geistliche, ein Lyceum, evang. und bischöfl. kath. Gymnasium, eine Realschule bei St. Johann, neue Realschule, Lehrer-, Lehrerinnenseminar, Präparandenschule (im Vorort Neudorf), 1 höhere Mädchenschule, 12 private höhere Mädchenschulen und Pensionate, darunter mehrere von kath. Orden geleitete, drei Mittelschulen, eine staatliche technische Winterschule für Wasser-, Wege-, Wiesen- und Hochbau, Hufbeschlagschule, Kunstgewerbeschule, gewerbliche Fortbildungsschule, Militärvorbereitungsanstalt, Handelsschule, polytechnisches Privatinstitut und zwei private Taub-[folgende Seite]