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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Straßburg (im Elsaß)

fabrik und war durch Straßen mit den übrigen Orten des Landes verbunden. 357 n. Chr. errang Julian unweit S. (bei Hausbergen) einen Sieg über die sieben im Elsaß ansässig gewordenen Stammeskönige der Alamannen. Die Alamannen, welche 496 unter die frank. Könige kamen, setzten sich auch im Gebiet des zerstörten Argentoratum fest und drängten die kelt. Urbewohner wie die Römer zurück. An der Stelle der röm. Militärstation erwuchs eine fränk.-alamann. Ackerstadt; auf den Trümmern des Castrums erhob sich eine Burg (urbs), unweit der Stadt eine königl. Pfalz (Königshöfen). Im Vertrag von Mersen kam S. endgültig an das Ostfränkische (Deutsche) Reich. Das gegen Mitte des 12. Jahrh. abgefaßte erste Stadtrecht zeigt das Gemeinwesen als einen ausgedehnten Fronhof. Der Sieg, welchen die Bürger über den Bischof Walter von Geroldseck 1262 (bei Oberhausbergen nächst S.) errangen, besiegelte die Unabhängigkeit der Stadt. Die Zünfte erlangten 1334 das Übergewicht im Stadtregiment. Zwistigkeiten im Gefolge der durch den Schwarzen Tod veranlaßten Judenverbrennung (1349) hatten eine für den Adel günstige Änderung des Rats zur Folge, in dem die Stände der "Ritter und Knechte", der Bürger und der Handwerker jetzt durch 11, 17 und 28 Mitglieder vertreten waren, welche Zusammensetzung bis 1419 bestand. Der Mysticismus fand in S. breiten Boden, und an der humanistischen Bewegung nahm die Stadt, in welcher die erste Buchdruckerpresse aufgestellt worden war, regsten Anteil. Nach mannigfachen Wandlungen hatte die Verfassung in dem "Schwörbrief" von 1482 die von nun an bleibende Ordnung erhalten: der Rat, an dessen Spitze ein für ein Jahr gewählter bürgerlicher "Ammeister" und vier in der Amtsführung vierteljährlich abwechselnde adlige "Stättmeister" standen, war aus je einem Vertreter der 20 Zünfte und 10 den Geschlechtern entnommenen "Konstoflern" (Constabularii) gebildet. Das 16. Jahrh. sah die Stadt auf der Höhe freireichsstädtischen Glanzes. Der weisen Staatskunst des Stättmeisters Jak. Sturm von Sturmeck verdankte die Stadt in erster Reihe die würdige Wahrung ihrer Stellung unter oft sehr schwierigen Umständen (unter anderm einen billigen Frieden mit dem Kaiser nach der Niederlage des Schmalkaldischen Bundes, dem S. beigetreten war) und ihren Einfluß auf die religiösen und polit. Verhältnisse im Reich. Auf Sturms Anregung erwuchs auch seiner Vaterstadt S. eine Pflegestätte der Wissenschaft. Auf Grund seiner Reunionspolitik ließ Ludwig XIV. S. mitten im Frieden 30. Sept. 1681 besetzen, und im Frieden zu Ryswijk wurde es an Frankreich abgetreten. Die Stadt genoß eine Scheinselbständigkeit, welche ihr eine Sonderstellung im Staate einräumte, die sie beim Ausbruch der Französischen Revolution vergeblich zu wahren suchte. Aus der "königlichen freien Stadt" wurde der Hauptort des Departements Niederrhein, und die eigentliche Französierung machte nun wesentlichere Fortschritte. 1814 und 1815 wurde S. von den Verbündeten eingeschlossen. 1870 begann die von Generallieutenant von Werder geleitete Belagerung, deren Ausgangspunkt das Dorf Schiltigheim im Norden der Stadt bildete, am 13., die Beschießung am 18. Aug. Die Ausfälle der Belagerten am 16. Aug. und 2. Sept. wurden zurückgeschlagen. Am 11./12. Sept. war die dritte Parallele dicht vor den Lünetten 52 und 53 (vor dem damaligen Steinthor) fertig, welche beide am 21. und 22. Sept. besetzt wurden. Das Brescheschießen hatte begonnen, und die Vorbereitungen zum Sturm waren getroffen, als der Festungskommandant General Uhrich am 27. Sept., nachmittags 5 Uhr, die weiße Fahne auf dem Münsterturm aufheißen ließ. Über 17 000 Mann streckten die Waffen; 1200 Bronzegeschütze, 12 000 Chassepotgewehre, 1800 Pferde u. s. w. wurden erbeutet. Während der Belagerung waren deutscherseits von der Artillerie etwa 193 000 Schuß abgegeben worden. 448 Gebäude lagen in Trümmer, darunter die Neukirche, mit welcher die wertvolle Stadtbibliothek zu Grunde ging. Mit Hilfe der reichen Entschädigungen seitens des Staates (40 Mill. M.) wurde das Zerstörte wieder aufgebaut. Für die untergegangene Stadtbibliothek erhielt die Stadt vom Reich eine Entschädigung, welche Mitte der achtziger Jahre einschließlich Zinsen auf über 500 000 M. angewachsen und zur Errichtung eines Kunstmuseums bestimmt war, zum Teil dem 1887 eröffneten Kunstgewerbemuseum zu gute kam. Die Haltung des Maires und Gemeinderats veranlaßte 1873 die Amtsenthebung derselben, deren Befugnisse durch einen Regierungskommissar wahrgenommen wurden. Die Ausbildung des Gemeindeschulwesens, die Anlage der Straßenbahn und der Wasserleitung, die Stadterweiterung fallen in die folgenden Jahre, bis 1886 die Wahl eines neuen Gemeinderats gestattet wurde, die deutschfreundlich ausfiel. Durch landesherrliche Verfügung des Statthalters wurde ein Bürgermeister ernannt.

Die Gründung des Bistums S. reicht zurück in die Merowingerzeit. Bis zur Französischen Revolution lag ein Drittel des Gebietes desselben jenseit des Rheins, während Teile des Elsasses im Norden und Süden zu den Bistümern Speyer und Basel gehörten. Das Bistum S. umfaßte damals 1270 qm, seine Einkünfte beliefen sich auf über 500 000 Livres, sein Oberhirt führte den Titel eines Fürstbischofs und Landgrafen des Elsasses und war für die rechtsrhein. Teile des Bistums bis zu jenem Zeitpunkt Deutscher Reichsstand. Seines Hohen Stifts wegen, dessen Mitglieder (seit 1687 zwei Drittel Deutsche, ein Drittel Franzosen) eine strenge Ahnenprobe zu bestehen hatten, bezeichnete der Volksmund S. als "das edelste" der neun am Rhein gelegenen Bistümer. Die linksrhein. Besitzungen wurden in der Revolution als Nationalgut eingezogen, die rechtsrheinischen (165 qkm) kamen 1803 als Fürstentum Ettenheim an Baden. Bis 1802 unterstand der Bischof von S. dem Erzbischof von Mainz, dann bis 1874 dem Erzbischof von Besançon. Seitdem ist das Bistum exemt und dem päpstl. Stuhl unmittelbar unterstellt; es umfaßt die Bezirke Unter- und Oberelsaß mit 8287 qkm Flächenraum, 57 Dekanaten und 700 Pfarreien.

Litteratur. Die Chroniken der deutschen Städte. 8. u. 9. Bd.: S. (hg. von J. Hegel, 2 Bde., Lpz. 1870-71); La chronique de J. J. Mayer (Straßb. 1873); Neuhaus, Der Friede zu Ryswijk und die Abtretung von S. an Frankreich (Freib. i. Br. 1874); Wagner, Geschichte der Belagerung von S. (3 Bde., Berl. 1874-78); Schmoller, S.s Blüte im 13. Jahrh. (Straßb. 1875); ders., S. zur Zeit der Zunftkämpfe (ebd. 1875); Kraus, Straßburger Münsterbüchlein (ebd. 1877); Schickele, L'état de l'église d'Alsace l'avant 1a Revolution. I. Le diocese des Strasbourg (Colmar und Straßb. 1877); Glöckler, Geschichte des Bistums S. (2 Bde., Straßb. 1879-80); Urkunden und Akten der Stadt S. (1. bis 3. Abteil., ebd. 1879