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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

Schlagworte auf dieser Seite: Taubstumme Blinde; Taubstummenanstalten

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Taubstumme Blinde - Taubstummenanstalten

geführt wird, erhält der Taube durch das Auge nur Vorstellungen vom Sinnlichen und ist dadurch lediglich auf Sinnliches hingewiesen.

Der ungebildete Taubstumme denkt nicht, wie der Hörende, in Worten, in Begriffen, sondern nur in Anschauungen und Bildern. Ein klares abstraktes Denken ist ihm unmöglich. Aus diesem Grunde stellte man diese Unglücklichen in frühern Zeiten in gleiche Reihe mit den Blödsinnigen und hielt sie für bildungsunfähig. Auch in sittlicher Beziehung steht der ungebildete Taubstumme auf sehr niedriger Stufe, zumal wenn er in einer Umgebung aufgewachsen ist, die sich wenig um ihn gekümmert oder wohl gar zum Bösen Anleitung gegeben hat. Um sich verständlich zu machen, bedient er sich der Gebärdensprache. (S. Gebärden.) Obgleich dieselbe (namentlich in Frankreich) sehr vervollkommnet worden, so kann sie doch nie die hörbare Sprache ersetzen; aber sie ist wichtig als das erste Bildungsmittel des Taubstummen. Eine höhere Ausbildung des Taubstummen wird jedoch nur durch das Wort möqlich, nur dadurch kann Geist und Herz in ähnlicher Weise wie bei den Hörenden veredelt werden. Es ist dies die schöne, aber schwere Aufgabe des Taubstummenunterrichts (s. d.), dessen Resultate besonders bei befähigten Taubstummen wahrhaft bewundernswert sind. Nicht nur, daß viele dieser gebildeten Taubstummen sich als geschickte Handwerker und Künstler auszeichnen, einzelne unter ihnen sind sogar schriftstellerisch thätig gewesen, wie der verstorbene Karl Teuscher in Leipzig und Otto Kruse in Altona. Gelangen auch nur wenige auf eine solche Stufe geistiger Ausbildung, so gelingt es doch bei den meisten, daß sie wenigstens der Hauptvorteile der Sprache teilhaftig werden. Freilich klingt das Sprechen vieler dieser Armen gewöhnlich rauh und monoton und beleidigt das an modulierte Sprache gewöhnte Ohr. Die Zahl der Taubstummen läßt sich nicht genau angeben; man rechnet im allgemeinen 1 Taubstummen auf 1400 Menschen, also 700 auf 1 Mill. Demnach müßten auf der ganzen Erde etwa 1 Mill. Taubstumme sein, wovon auf Europa 220 000, auf Deutschland etwa 30 000 kämen. In gebirgigen Gegenden kommt die Taubstummheit häufiger als in den mehr ebenen vor. Die männlichen Taubstummen verhalten sich zu den weiblichen wie 4:3; die bildungsfähigen zur Gesamtzahl wie 3:10. - Vgl. Hartmann, Taubheit und Taubstummenbildung (Stuttg.1880); Schmaltz, Die Taubstummen im Königreich Sachsen (Lpz.1884); Mygind, Taubstummheit (Berl. 1894).

Für Taubstumme gelten die rechtlichen Vorschriften wie für Taube (s. Taubheit) und Stumme. Besonders vorgeschrieben ist im Deutschen Strafgesetzbuch §. 58, daß ein angeklagter Taubstummer, welcher die zur Erkenntnis der Strafbarkeit einer von ihm begangenen Handlung erforderliche Einsicht nicht besaß, freizusprechen ist. Im schwurgerichtlichen Verfahren ist deshalb eine besondere Frage zu stellen.

Taubstumme Blinde, Personen, die in früher Jugend, vor dem schulpflichtigen Alter, taub und blind geworden sind. Da sie somit von den fünf Sinnen des Menschen nur auf drei (Fühlen, Riechen, Schmecken) beschränkt sind, so nennt man sie auch Dreisinnige. Auf etwa 1 Mill. Menschen wird ein taubstummer Blinder gerechnet. In neuerer Zeit ist es gelungen, auch ihnen die Kenntnis des Lesens (durch Betastenlassen allgemein gebrauchter Dinge, wie Messer, Gabel, Löffel, Schlüssel, auf denen die Benennung in Blindenschrift angebracht ist) und der Fingersprache (wobei sie die Hände des mit ihnen Sprechenden anfassen) beizubringen, sowie sie in den Stand zu setzen, ein Handwerk (Drechslerei, Korbmacherei, Bürstenbinderei) zu betreiben. Der bekannteste Fall ist die taubstummblinde Amerikanerin Laura Bridgman (1829-89), die in der Blindenanstalt zu Boston lesen und schreiben lernte. Andere Fälle kamen vor in Lausanne, Dresden (Jahresbericht der dortigen Blindenanstalt von 1861) und an andern Orten Deutschlands. - Vgl. Charles Dickens, American notes (Lond. 1842; betrifft die Laura Bridgman); Stötzner, Altes und Neues aus dem Gebiet der Heilpädagogik (Lpz. 1868); Jerusalem, Laura Bridgman. Eine psychol. Studie (Wien 1890).

Taubstummenanstalten, Unterrichtsanstalten für Taubstumme. Sie entstanden erst in der zweiten Hälfte des 18. Jahrh. Das Altertum erzählt nichts von Versuchen, die Taubstummen zu bilden. Auch die Kirche nahm sich ihrer nicht an, da der heil. Augustinus den Satz aufgestellt hatte: "Von Geburt aus Taubstumme können niemals Glauben empfangen, Glauben haben; denn der Glaube kommt aus der Predigt, aus dem, was man hört; sie können weder lesen noch schreiben lernen." So betrachtete man die Taubstummen mit stummer Scheu als von Gott Gezeichnete. Erst im 16. Jahrh. begannen einzelne Männer sich ihrer Ausbildung zu widmen. Freilich ward solche Hilfe nur wenigen zu teil und erstreckte sich auch da nur auf den Unterricht in mechan. Fertigkeiten und die Elemente der Sprache. Als erster Taubstummenlehrer ist Pedro Ponce de Leon (gest. 1584), ein span. Benediktinermönch, anzusehen, der vier Taubstumme in Schrift und Sprache unterrichtete. Seine Lehrweise ward von Juan Pablo Bonet in einer 1620 erschienenen Schrift dargestellt. Gleichzeitig mit Bonet wird Ramirez de Carrion als Taubstummenlehrer genannt. In England nahmen sich John Bulwer, John Wallis und Will. Holder, in Holland der aus der Schweiz gebürtige Arzt Joh. Konr. Amman, in Deutschland Agricola, Karger, Schulze, Raphel, Lasius, Arnoldi, in Frankreich Deschamps und Pereira mit Wort und That der Taubstummen an. Aber erst in der zweiten Hälfte des 18. Jahrh. entstanden die ersten T. Der Abbé de l'Epée (s. d.) und in Deutschland Samuel Heinicke (s. d.) stellten es sich zur Lebensaufgabe, einen planmäßigen, auf wissenschaftliche Principien gegründeten Unterricht der Taubstummen durchzuführen, und eröffneten zu diesem Zwecke die ersten Erziehungsanstalten. 1760 begründete de l'Epée, zunächst aus eigenen Mitteln, eine Taubstummenanstalt zu Paris, die 1791 zur Staatsanstalt erhoben wurde; 1778 verlegte Heinicke auf Veranlassung des Kurfürsten Friedrich August von Sachsen seine in Eppendorf bei Hamburg bestehende Privatanstalt für Taubstumme nach Leipzig. Bald nachher entstanden die Anstalten zu Wien, Berlin und Prag.

Gegenwärtig finden sich in fast allen kultivierten Ländern Europas T. In Deutschland giebt es (1895) 97 Anstalten mit 6550 Schülern, welche in 647 Klassen von 609 Lehrern und 71 Lehrerinnen unterrichtet werden. Immerhin wachsen noch 1000 Kinder ohne entsprechenden Unterricht auf. Österreich-Ungarn hat 29 Anstalten mit 1861 Schülern, etwa 5000 bleiben ohne Unterricht. In der Schweiz giebt es 15, in Luxemburg 1, in Frankreich 69, in Italien 35, in Spanien 7, in Portugal 2, in Belgien 11, in den Niederlanden 3, in Großbritannien und Irland 36,