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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

Schlagworte auf dieser Seite: Taubstummenunterricht

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Taubstummenunterricht

Dänemark 4, Schweden 18, Norwegen 9, Rußland 14 Anstalten. Von den Balkanländern hat nur Serbien eine. Im Orient werden heute noch die Taubstummen oft zu geheimen Diensten im Harem verwendet. In den Vereinigten Staaten von Amerika befinden sich 76 Anstalten, in Canada 7, in Brasilien 1, in Argentinien 1. Am besten ist im Königreich Sachsen, in den Großherzogtümern Weimar und Oldenburg, in den Herzogtümern Coburg-Gotha, Anhalt, Braunschweig und Meiningen, in den preuß. Provinzen Hannover und Schleswig-Holstein und in Dänemark für taubstumme Schulkinder gesorgt. (S. Taubstummenunterricht.) - Vgl. Kalender für die Taubstummenlehrer Deutschlands, hg von Reuschert (Langensalza 1895): Radomski, Statistische Nachrichten über die T. Deutschlands und deren Lehrkurse (Posen 1897); Organ der Taubstummen in Deutschland, hg. von J. Vatter (Friedberg 1855 fg.); Walther, Geschichte des Taubstummenbildungswesens (Bielef. und Lpz. 1882).

Taubstummenunterricht. Da den Taubstummen das Organ fehlt, durch welches der Seele vorzugsweise Ideen und Kenntnisse zugeführt werden, so hat das Auge das Ohr zu ersetzen und infolge davon muß der T. andere Wege einschlagen als der hörender Kinder. Der nächste Zweck des T. ist, den Taubstummen dahin zu bringen, daß er andere versteht und sich ihnen verständlich machen kann. Hiermit geht Hand in Hand die Weckung und Übung der geistigen Kräfte, die Aneignung von Kenntnissen und Fertigkeiten. Die Hauptsache bei dem T. sind mithin die Mittel, wodurch der Taubstummenlehrer und die Taubstummen sich gegenseitig verständlich machen, und deren Aneignung. Solche Mittel sind: 1) Die natürliche Zeichen- oder Gebärdensprache, die ein Gemeingut der Menschen, aber bei dem auf sie beschränkten Taubstummen besonders ausgebildet ist. Dieses Verständigungsmittel ist bei dem ersten T. unentbehrlich, indem dasselbe den anfänglichen Verkehr der Taubstummen unter sich und mit dem Lehrer allein möglich macht. 2) Die künstliche oder methodische Zeichen- oder Gebärdensprache, die aber mehr und mehr verschwindet. 3) Die Finger- oder Handsprache hat noch weniger Wert als die künstliche Zeichensprache und ist fast ganz außer Gebrauch. (S. Fingersprache.) 4) Die Schriftsprache ist ein Hauptmittel des T. 5) Die Tonsprache oder Lautsprache. Sie erfordert sowohl von seiten des Lehrers als des Schülers einen großen Zeitaufwand, große Anstrengung und viel Geduld; aber einmal erlernt, ist die Möglichkeit zu jedem fernern Unterricht im Verhältnis zu den Schwierigkeiten des bisherigen so leicht geworden, daß sie als Zweck des Unterrichts angesehen werden muß. Der Taubstumme gelangt dadurch in den Besitz der Sprache und wird so für das bürgerliche Leben brauchbar gemacht. Indem er sprechen lernt, wird er zugleich in der Kunst des Ablesens vom Munde geübt. Er lernt durch aufmerksames Beobachten der Bewegungen der Lippen, der Zunge und zum Teil der Gesichtszüge nicht nur einzelne Worte, sondern zusammenhängende Sätze den mit ihm Sprechenden vom Munde abzusehen. Die genannten Unterrichtsmittel werden nun vorzüglich nach zwei voneinander abweichenden Hauptansichten beim T. benutzt.

Außer der von beiden für gleich wichtig gehaltenen Schriftsprache hält die eine von ihnen, die deutsche von Samuel Heinicke (s. d.) begründete Schule, das laute Sprechen für das wichtigste Mittel zur Bildung der Taubstummen, während die andere, die von Ch. M. de l'Epée (s. d.) gegründete Schule, die Gebärdensprache für die Muttersprache derselben ansieht und sich daher beim Unterricht vorzugsweise auf sie beschränkt. Der ersten folgen alle deutschen Anstalten, und auch im Auslande findet sie mehr und mehr Anerkennung, so daß jetzt auch in Frankreich und Italien, in England und Nordamerika die Artikulationsmethode zur Geltung kommt und die Taubstummenlehrer-Kongresse zu Paris (1878) und Mailand (1880) sich mit großer Mehrheit für dieselbe ausgesprochen haben. Der Schweizer J. K. Amman (s. d.) zuerst lehrte die Taubstummen dadurch sprechen, daß er sie daran gewöhnte, auf die bei jedem einzelnen Laut veränderte Stellung der Organe des Mundes zu achten, sie mit dem Gesicht aufzufassen und vor dem Spiegel nachzuahmen. Während er einen Ton vorsprach, ließ er des Taubstummen Hand an seine Kehle halten, um die zitternde Bewegung zu bemerken, welche darin entstand, wenn er den Ton von sich gab. Bei dem Nachahmen dieses Tons ließ er dann die Hand an die eigene Kehle legen und gelangte so zum Aussprechen von Tönen, welche ein Taubstummer durch das bloße Nachahmen der mit dem Gesicht aufgefaßten Mundstellungen nicht würde haben hervorbringen können. Heinicke hat später diese Methode sehr vervollkommnet. Derselbe verwarf zwar die Gebärdensprache nicht ganz, sondern fand in ihr ein brauchbares Mittel beim ersten Unterricht, das aber mehr und mehr in den Hintergrund tritt, je weiter der Schüler in der Lautsprache vordringt. Beim gegenwärtigen Unterricht der Taubstummen sucht man zunächst mit Hilfe der Augen und des Gefühls eine möglichst reine Artikulation zu erzielen und dem Schüler die größtmöglichste Fertigkeit im Ablesen vom Munde zu geben. Je besser dies gelingt, desto mehr wird die gesamte Bildung des Taubstummen gefördert. Als Ziel des Sprachunterrichts gilt es, den Zögling dahin zu bringen, daß er sowohl mündlich wie schriftlich seine Gedanken in einfacher, aber korrekter Form ausdrücken kann. Wie in der Volksschule, so werden auch in der Taubstummenschule die Kinder außer dem Anschauungs- und Sprachunterricht in Naturgeschichte, Heimat- und Vaterlandskunde, biblischer Geschichte, Religion, im Lesen, Schreiben, Zeichnen, Rechnen u. s. w. unterrichtet, wenn auch nicht in derselben Ausdehnung. In den meisten Anstalten wird auch Handfertigkeitsunterricht mit Erfolg erteilt. Besondere Vorbildungsanstalten für Taubstummenlehrer giebt es nicht. Die sich dem Taubstummenbildungswesen widmenden Volksschullehrer bilden sich in den Anstalten selbst für ihren Beruf weiter aus. In Preußen müssen sie sich seit 1878 einer speciellern Prüfung unterziehen. - Vgl. Heil, Der Taubstumme und seine Bildung (3. Aufl., Hildburgh. 1880); Schöttle, Lehrbuch der Taubstummenbildung (Tüb. 1874); Vatter, Die Taubstummenpflege (Gotha 1891); Walther, Handbuch der Taubstummenbildung (Berl. 1895); Organ der Taubstummenanstalten, hg. von Vatter, früher von Matthias (Friedberg 1855); Blätter für Taubstummenbildung, hg. von Walther und Töpler (Berl. 1887 fg.); Hephata. Ein Wochenblatt zur Unterhaltung und Belehrung für Taubstumme (Osterburg 1890 fg.). Lehr- und Sprachbücher für Taubstumme schrieben besonders Hill, Köbrich, Körting, Küppers, Arnold, Vatter, Rößler, Danger, Walther, Weißweiler u. a.