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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

Schlagworte auf dieser Seite: Technische Reichsanstalt; Technische Staatsprüfungen; Technisches Bureau; Technisches Unterrichtswesen

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Technische Reichsanstalt - Technisches Unterrichtswesen

Technische Reichsanstalt, s. Physikalisch-Technische Reichsanstalt.

Technisches Bureau, s. Eisenbahnbehörden (Bd. 17).

Technische Staatsprüfungen, Prüfungen, die die Befähigung zur Anstellung als technischer Staatsbeamter erteilen. Die preuß. Bestimmungen von 1895, mit denen die der andern deutschen Staaten in den Hauptzügen übereinstimmen, fordern für die Staatsprüfung das Reifezeugnis eines Gymnasiums, Realgymnasiums oder einer Oberrealschule, vierjähriges Studium auf einer Technischen Hochschule und dreijährige praktische Ausbildung. Letztere wird im allgemeinen nach der Studienzeit, nur bei Maschineningenieuren teilweise vor derselben gewonnen. Die Prüfung wird vor besondern, aus Technikern und Professoren bestehenden Prüfungsämtern in drei Teilen abgelegt: eine Vorprüfung während der Studienzeit, eine erste Hauptprüfung am Schlüsse der Studienzeit, eine zweite Hauptprüfung nach Beendigung der praktischen Ausbildung. Die Prüfungen sind verschieden für Hoch-, Ingenieur- und Maschinenbau. In der Vorprüfung werden hauptsächlich die allgemeinern theoretischen Fächer geprüft; den Hauptprüfungen fällt der Nachweis der besondern Fachbildung zu. Das Bestehen der ersten Hauptprüfung verleiht den in den Staatsdienst tretenden Beamten die Bezeichnung Regierungsbauführer, das der zweiten den Titel Regierungsbaumeister.

Technisches Unterrichtswesen, die Gesamtheit aller Lehreinrichtungen zur Erlernung technischen Wissens. Am weitesten zurück reicht das T. U. in Frankreich. Die Fürsorge Colberts für die Entwicklung franz. Kunst und franz. Kunstgewerbes führte 1662 zur Errichtung einer königl. Möbelmanufaktur unter Lebruns Leitung, welche Werkstätten für Holz- und Metallarbeit, Textilindustrie, Uhrmacher- und Goldschmiedekunst mit den Ateliers hervorragender Künstler, deren Entwürfe in jenen Werkstätten ausgeführt wurden, vereinigte. Mit dieser Anstalt war eine Zeichenschule verbunden. Vorübergehend aufgehoben, besteht die Zeichenschule noch heute. 1740 wurde von dem Architekten Blondel zu Paris die erste Baugewerkenschule ins Leben gerufen, und dieser folgten bald Zeichenschulen in vielen franz. Städten, 1766 eine vom Blumenmaler Bachelier gegründete unentgeltliche Zeichenschule für Gewerbtreibende in Paris, die noch jetzt als École nationale des arts décoratifs besteht. Wenn schon an diesen Anstalten mit Rücksicht auf die Bedürfnisse des technischen Zeichnens Geometrie und Perspektive, an der Baugewerkenschule auch Mechanik und Physik gepflegt wurden, so gelangten die im 18. Jahrh. sich schnell entwickelnden exakten Wissenschaften zu höherer Geltung an der für Ausbildung der Straßen- und Brückenbaubeamten bestimmten École des ponts et chaussées, die aus dem 1716 gegründeten Bureau der Staatsingenieure 1747 hervorgegangen ist und 1775 staatlich als Schule organisiert wurde; ferner an der für Bergbeamte bestimmten École des mines, die 1778 gegründet, 1783 erweitert wurde; vorzüglich aber an den militär.-technischen Bildungsanstalten. Die franz. Revolution führte, nachdem sich 1793 eine Zeit lang aller Unterricht aufgelöst hatte, zu einer völligen Neugestaltung des Bildungswesens. In den Mittelpunkt des vorzüglich von Monge organisierten höhern technischen Unterrichts trat die École polytechnique (s. Polytechnische Schule), neben welcher die oben genannten höhern Schulen in neuer Organisation wieder auflebten. Dazu trat das Conservatoire nationale des arts et métiers (s. d.), mit welchem im Laufe der Zeit gewerbliche Schulen verschiedenen Charakters verbunden wurden, und an der zur Ausbildung von Lehrern bestimmten École normale wurden die exakten Wissenschaften durch eine Reihe der glänzendsten Namen vertreten. Den Hochschulen der franz. Technik schließt, sich seit 1829 die für Civilingenieure bestimmte École centrale des arts et manufactures an und die in derselben Zeit ausgebildete Schule für die Beamten der vom Staate betriebenen Tabak- und Pulverfabrikation, die École des manufactures de l'Etat. - In die Zeit der ersten Organisation des höhern T. U. in Frankreich fällt auch die Gründung technischer Mittelschulen. Eine vom Herzog Larochefoucauld-Liancourt begründete Schule wurde 1803 von Napoleon I. als École des arts et métiers organisiert und 1806 nach Châlons-sur-Marne verlegt, wo sie noch besteht. Die gleichbenannte Lehranstalt zu Angers wurde bald danach, die zu Aix 1843 begründet. Zu diesen drei höhern Gewerbeschulen trat seit 1826 die private Schule La Martinière zu Lyon und seit 1846 das ebenfalls private Institut Nivet zu Nantes, denen sich seit 1870 noch eine Anzahl derartiger Schulen in franz. Provinzialstädten anschließen. - Auf die drei staatlichen Gewerbeschulen, die bei der Aufnahme höhere Ansprüche an die Fähigkeiten ihrer Schüler stellen, bereiten eine Anzahl Schulen und Unterrichtskurse vor, welche an die Volksschule anschließen, die allgemeine Bildung fördern, aber zugleich die Schüler in Laboratorium und Werkstatt beschäftigen oder in die kaufmännische Thätigkeit einführen. Diese seit 1833 bestehenden, aber früher vernachlässigten höhern Volksschulen und Ergänzungsschulen sind ebenso wie die seit 1870 von Salicis angeregten Handarbeitsschulen (École manuelle d'apprentissage) durch die Gesetze von 1880 und 1886 in das Erziehungssystem Frankreichs organisch eingefügt worden. Neben ihnen sorgen Abend- und Sonntagsschulen sowie Lehrwerkstätten für die niedere technische Bildung, und Fachlehrer für diese gewerblichen und kaufmännischen Schulen bildet das seit 1865 bestehende Seminar zu Cluny (École normale de l'enseignement spécial).

In Deutschland wurden im Laufe des 18. Jahrh. mehrfach Schulen gegründet, die unmittelbar für die gewerbliche oder kaufmännische Thätigkeit vorbereiten sollten. Aber, abgesehen von den Bergschulen, überwog in diesen Anstalten sehr bald die Aufgabe, die allgemeine Bildung zu fördern, sie entwickelten sich zu Realschulen und Realgymnasien und schieden somit aus dem T. U. aus; nur das 1745 unter Herzog Karl I. vom Abt Jerusalem gegründete Collegium Carolinum zu Braunschweig erhielt sich dem T. U. und gestaltete sich zur dortigen Technischen Hochschule um. - Auch der zweite Anlauf zur Entwicklung des T. U. in Deutschland, der durch die Schöpfung der Gewerbeschulen 1821 bezeichnet wird, nahm wenigstens in dem führenden Staate einen ähnlichen Verlauf. Die mächtige Anregung zur Fürsorge der Regierungen für die technische Ausbildung, die von der Erfindung und Verbreitung der Spinnmaschine und der Dampfmaschine ausging und durch Frankreichs Beispiel befördert, durch die Kriegserschöpfung ver-^[folgende Seite]