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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Traditionell - Tragant

die Dekretalen als Autoritäten für die Entscheidung streitiger Fragen hinzu.

Die Unfehlbarkeit der Kirche vertrat sonach den in den meisten Fällen überdies unmöglichen histor. Nachweis apostolischen Ursprungs. Erst im Streite gegen den Protestantismus versuchte man, die T. als mündlich überliefertes Gotteswort der Heiligen Schrift ebenbürtig zur Seite zu stellen. Indessen hat es niemals gelingen wollen, diese T. auf einen klaren Begriff zu bringen. Der zu Trient gemachte Vorschlag einer vollständigen Kodifikation aller in der Kirche aufbewahrten T. wurde zurückgewiesen, um künftigen kirchlichen Entscheidungen, für die man ebenfalls auf die T. sich berufen mußte, nicht den Weg zu verlegen. Dafür unterschied die kath. Dogmatik zwischen traditiones divinae, apostolicae und ecclestiasticae, von denen nur die beiden ersten dem aufgestellten strengern Begriffe entsprechen, schwankte aber bis auf den heutigen Tag über die Einreihung der kath. Dogmen und Bräuche unter die eine oder andere Kategorie. Auch die Unterscheidung von traditiones universales und particulares, perpetuae und temporariae war vielfach eine willkürliche. Gegenüber den unabweisbaren Zeugnissen der Geschichte für den spätern Ursprung vieler der wichtigsten kath. Lehren und Bräuche ließ die Berufung aus die "kirchliche" T. immer einen Ausweg offen, dessen entschlossene Betretung aber die ganze Traditionstheorie, sofern sie noch neben dem Satze von der Unfehlbarkeit der Kirche aufgestellt wurde, im Grunde überflüssig macht, namentlich nachdem durch die Proklamierung der Unfehlbarkeit des Papstes (s. Infallibilität) ohne Konzil die Mittel, die Ansicht der unfehlbaren Kirche zum Ausdruck zu bringen, im hohen Grade vereinfacht sind. Schon die kath. Dogmatiker Staudenmaier und Möhler waren dazu zurückgekehrt, den Traditionsbegriff überhaupt als die stetige Leitung der Kirche durch den göttlichen Geist, also als eine unfehlbar vollkommene Entwicklung des kirchlichen Bewußtseins, die alle Irrtümer und Mißgriffe ausschließt, zu fassen. Der ältere Protestantismus richtete seine Polemik besonders gegen den tridentinischen Begriff der T. als eines ungeschriebenen Gotteswortes neben der Heiligen Schrift und zeigte nicht nur die Unwahrscheinlichkeit und Unerweislichkeit einer unversehrten Bewahrung desselben durch die Jahrhunderte, sondern lieferte auch für zahlreiche angeblich göttliche und apostolische T. den Nachweis ihres jüngern Ursprungs , wogegen er nicht nur die histor. Zeugnisse der Kirchenväter (traditio historica), namentlich die auf Entstehung und Sammlung der biblischen Bücher bezüglichen, sondern auch die Schriftauslegungen der Väter (traditio exegetica) und die in den alten Bekenntnissen und Zeugnissen der Väter niedergelegte dogmatische Überlieferung (traditio dogmatica), letztere freilich auch nur als richtige Auslegung des echten Schriftsinns in Ehren hielt. Während aber der Katholicismus nach seinem weitern Begriffe von der T. die Heilige Schrift selbst als Bestandteil derselben betrachtete und das Ansehen der Bibel mit Augustinus aus das Ansehen der Kirche begründete, lehnte der Protestantismus diese Ansicht beharrlich ab, hob die Heilige Schrift als allein zuverlässige Quelle des "Wortes Gottes" auf den Schild und behauptete, daß sie der Ergänzung und Erläuterung durch die T. nicht bedürftig, noch weniger ihr ein- oder unterzuordnen sei.

In dem Maße, als man protestantischerseits anfing, die menschliche Entstehung der biblischen Bücher anzuerkennen und sie als erstes Glied in der Reihe kirchlicher Litteraturprodukte zu betrachten, schien auch der Gegensatz von Schrift und T. seine Schärfe zu verlieren. Dennoch blieb auch so noch eine principielle Differenz, da der kath. Begriff einer unfehlbaren Kirche und die unbedingte Autorität derselben gegenüber dem Einzelnen mit der Forderung der prot. Wissenschaft, die kirchliche Entwicklung als eine echt menschlich-geschichtliche, also niemals absolut vollkommene zu betrachten, in einem unversöhnlichen Gegensatze steht. Die moderne prot. Orthodoxie hat dagegen nicht nur für das Schriftwort, sondern auch für die Kirchenlehre die Anerkennung unbedingter, also göttlicher Autorität wieder beansprucht. - Vgl. H. Holtzmann, Kanon und T. (Ludwigsb. 1859).

Traditionell (frz.), durch Tradition überkommen, herkömmlich.

Traditio puellae (lat.), s. Ehe.

Traditores, s. Lapsi.

Traducianer (vom lat. tradux, Absenker, Ableger), im Unterschied von den Kreatianern (s. d.) diejenigen, welche die Lehre, daß die menschlichen Seelen ebenso wie die Körper auf dem Wege der physischen Zeugung entstanden seien, verteidigen.

Trafalgar, ein Sandsteinvorgebirge in der span. Provinz Sevilla, am 100-260 m hohen Felsufer des Atlantischen Meers, zwischen der Straße von Gibraltar und Cadiz, ist besonders durch die Seeschlacht bei T.vom 21. Okt. 1805 berühmt. Die franz. Flotte unter Admiral Villeneuve war mit der spanischen unter Admiral Gravina vereinigt im Hafen zu Cadiz vor Anker gegangen. Nun segelte auch Nelson vor Cadiz und lockte die feindliche Flotte durch einen scheinbaren Rückzug aus dem Hafen heraus. In zwei Kolonnen segelte seine 27 Linienschiffe starke Flotte gegen die französisch-spanische von 33 Schiffen, die eine 15 km lange Linie bildeten und bei Annäherung der Engländer sich in einen Halbkreis ordneten. Allein Nelson durchbrach die feindliche Linie an zwei Punkten. Auf Pistolenschußweite lagen die Schiffe aneinander, mehrere wurden geentert, andere in den Grund gebohrt. Nach drei Stunden war der Kampf geendet. Villeneuve wurde gefangen, Gravina starb an seinen Wunden; 19 Schiffe waren verloren. Nelson selbst fiel in der Schlacht. Nach seinem Tode übernahm Admiral Collingwood den Oberbefehl. Nur 10 Schiffe blieben von der Flotte, die Napoleon I. in sechs Jahren geschaffen hatte.

Trafik (ital.), Handlung, Verkaufsgeschäft, Verschleiß, in Österreich namentlich für die Tabakverkaufsstellen gebräuchlich.

Trafoi, Dorf im Gerichtsbezirk Glurns der österr. Bezirkshauptmannschaft Meran in Tirol, zur Gemeinde Stilfs gehörig, am Trafoier Bach, an der Straße über das Stilfser Joch, hat (1890) 102 E.

Traft, s. Holztransportwesen.

Tragant (lat. Tragacantha oder Gummi Tragacanthae), der erhärtete Schleimsaft verschiedener Arten von Astragalus (s. d.). Er fließt entweder freiwillig aus dem Holz oder wird durch Einschnitte oder Stiche am untern Teil des Stämmchens zum Fließen gebracht, erhärtet in 3-4 Tagen und bildet nach der Art der Austrittsöffnung band- oder blätterartige Stücke (der Smyrnaer oder Blättertragant, die beste und teuerste Sorte), oder wurm-, oder faden-, oder nudelförmige gewundene Körper