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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Turners Gelb - Turnier
deutschen Turnfeste zu leiten. Die Kreisvertreter
sind die Leiter der Kreise und die Vermittler des
Verkehrs zwiscken denselben und dem Ausschuß der
deutschen T. iunerbalb der Grenzen des Grund'
gesetzes der T. und der Beschlüsse der Turntage.
Grundsätzlich sind bei allen Versammlungen die Er-
örterungen polit. fragen ausgeschlossen. Nach der
Statistik vom 1. Jan.' 18l)7 besteht die T. in M-j
Orten aus 5782 Vereinen niit 578 2W Angehörigen.
Das Vereinsorgan ist die 1856 begründete "Deutsche
Turnzeitung" (Leipzig). 781 Vereine stehen noch
außerhalb der Deutschen T. Eine besondere Orga-
nisation ist der "Arbeiter-Turnerbund Deutschlands",
der, 1893 in Gera begründet, 1895 in Magdeburg
ein Vundesturnen abhielt und etwa 13000 Mit-
glieder zählt. Die "Arbeiter-Turn-Zeitung" er-
scheint in Leipzig. Seit 1897 baben auch die Akade-
mischen Turnvereine des V. ^. (s. Turnvereine, aka-
demische) den Namen T. angenommen. - Vgl. Goetz,
Handbuch der Deutschen T. (5. Ausg., Hof 18W).
Turners Gelb, s. Bleiorychlorid.
Turnfeste, Deut s ch e, s. Turnen.
Turnheim, srüber Naine von Dornhan (s. d.).
Turnhout lspr. törnhant), Etadt^in der belg.
Provinz Antwerpen, an den Linien T.-Tilburg der
Belg. Ccntralbalm und Herenthals-T. der Staats-
bahn, durch Vicinalbahnen mit Antwerpen, Aren-
donck und Moll, und durch Kanal init Hasselt und
Llntwerpen verbunden, hat(1891) 19350(5., bedeu-
tende Fabrikation vonZwillich,Leinwand,Tuchen und
Spielkarten, Färberei, Gerberei sowie Blutegelzucht.
Dampftrambabnen fübren nach Antwerpen und nack
Arendonck. Das alte Schloß dient jetzt dem Gericht.
Bei T. siegten 22. Jan. 1597 Moritz von Oranien
über die Spanier und 27. Okt. 1789 die belg. Pa-
trioten nnter van der Mersch über die Österreicher.
Türnich, prensi. Torf, s. Bd. 17.
InrnioiÄas, s. Lanshübncheil.
Turnier, iin Mittelalter übliches kriegerisches
Kampfspiel, das nicht allein bei festlichen Gelegen-
heiten an fürstl. Höfen, sondern auch sonst von zu-
sammenkommenden Rittern viel banfiger veran-
staltet wurde, als man früber anzunebmen geneigt
war. Die T. baben ibren Ursprung unzweifelbaft
in den Waffen- und Reiterspielen der Alten, welche
die Ritter durch neu eingefüllte Ordnnngen, Regeln
und Gebräuche zu einem schönen Feste gestalteten,
an dem auch die Damen großen Anteil hatten, vor
denen die Ritter ibre Gewandtheit zeigen, sich An-
seben, Ruhm, Ehrenstellen, die angebetete Dame
und irdische Güter erringen tonnten. Der erste, der
Turniergesetze niedergeschrieben und die Verfeine-
rung der altenKampfspiele herbeigeführt hat, war
der Franzose Gottfried von Preuilly (gest. 1066).
In Deutschland wird zuerst 1127 ein T. (toi-iit^-
inontuin) erwäbnt, das zu Würzburg gebalten
wurde. Das T. war seinem eigentlichen Zwecke
nach nur eine Ubnng in den Waffen während des
Friedens, namentlich der Ritter. Es sollte die Kör-
perkraft stäblen, die Gewandtbeit im Gebrauche der
Wafsen weiter ausbilden und wie unsere heutigen
Manöver für den Krieg vorbereiten. Spater
kamen zwar anch Fußtämpfe auf, dock blieben die
Kämpfe zu Pferde immer die Hauptfacke. Anfangs
wurden T. nur von einzelnen Fürsten und Herren
bei besondern Gelegenheiten veranstaltet; später
bildeten sicb sog. Turniergefellsckaften, die
zu bestimmten Zeiten diese Kampfspiele abhielten.
In Frankreich waren die T. zahlreicher als in
Deutschland. Zur Teilnahme an den T. wurden
Einladungen versandt, jedoch nur Ritter zugelassen,
die eine gewisse, in einzelnen Ländern und zu ver-
schiedenen Zeiten besonders festgesetzte Anzahl von
Ahnen ausweisen konnten. Die Turnierfähigkeit
der einzelnen Ritter wurde durch den Herold mit-
tels einer befonders vorzunehmenden Wappen- und
Helmfchau untersucht. Zu dieser Schau wurden auf
einem besonders bestimmten Platze Schild nnd
Helm eines jeden zum T. gekommenen 'Ritters auf-
gestellt. Öffentlicher Aufruf durch den Herold, der
die aufgestellten Schilde und Helme geprüft hatte,
entschied dann über die Unbescholtenhcit der Ritter-
würde der Einzelnen. Diese Aufstellung der Schilde
und Helme zur Feststellung der Turnierfähigkeit ist
der Grund für die Bildung der Wappen, wie sie noch
gegenwärtig bestehen. Vor Beginn der T. wurden
durch die Herolde die allgemeinen Gesetze und spe-
ciellen Bestimmuugen vorgetragen und die Waffen
der Kämpfenden untersucht. Der Platz, wo das
Kampfspiel abgehalten wurde, hieß Turnierplatz;
die Einfriedigung nannte man Schranken. Die
Auffeher des Kampfplatzes hießen Micswärtel,
deren Pflicht hauptsächlich darin bestand, die Käm-
pfenden in den Grenzen des Spiels zu halten und,
falls sie sich ernstlich angriffen, Frieden zu stiften
und die Gefährdeten zu fchützen. Au den Seiten
der Schranken waren Tribünen errichtet, teils für
Damen, deren eine gewöhnlich die Preise an die
Sieger verteilte, teils für die Zuschauer und die nicht
teilnehmenden Ritter. Die Waffen bei dem T. be-
standen in der Lanze und dem Schilde. Der Kampf
war wieder sebr verschieden, z. B. über eine Schranke;
aber allgemein durfte der Stoß nur nach dem Kopfe
oder der Brust geführt werden. In den verschiedenen
Arten suchte man entweder den Gegner aus dem
Sattel zu hebeu oder den Spieß zu zerstoßen, oder
auch die besonders konstruierte Tartsche des Geg-
ners abfliegen zu lassen. Öffnete einer das Visier,
so war der Kampf beendigt. Außer dem Kampfe
mit der Lanze war auch der Fußkampf gebräuchlich,
aber seltener; hier wurden Schwert und Streitart
gebraucht. Später arteten die T. vielfach aus. Aber
schou iu früher Zeit mußten viele Ritter bei diesem
im Gegensatz zum Buhurt (s. d.) immerbin gefähr-
lichen Spiele mit dem Tode büßen, und es erfolgten
Verbote gegen die T. von geistlichen und weltlichen
Fürsten. Papst Innocenz II. verbot sogar das ehr-
liche Begräbnis der in einem T. gefallenen Ritter.
Allein die T. dauerten fort, namentlich in Frank-
reich, wo erst der ans eine im T. erbaltene Wnnde
erfolgte Tod Heinrichs II. eine Abnahme dieser
Spiele berbeiführte. Der letzte allgemeine Turnier-
Hof wurde in Deutschland von der rhein. Ritterschaft
1487 nach Worms gelegt. An die Stelle der früher
maßgebenden vier Turniergesellschaften, Bayern,
Schwaben, Franken und an: Rhein, traten einzelne
Fürsten, welche das T. an ihren Höfen pflegten.
Dnrcb die schnell beliebt werdenden Ringelrennen
oder Karussells (s. d.) und die Entwicklung der Feuer-
waffen verschwanden allmählich die T. In Deutsch-
land brachte sie Kaiser Maximilian I. auf kurze Zeit
zu neuer Blüte (vgl. Frcydal, Des Kaisers Maxi-
milian I. T. und Mummcreien, hg. von Leitner,
Wien 1880-82, mit 255 Heliogravüren). - Vgl.
Sckultz, Das höfische Leben (2 Bde., Lpz. 1880);
Niedner, Das deutsche T. im 12. und 13. Jahrh.
! (Berl. 1881). Von den Turnierbüchern ist noch zu
! nennen: Turnierbuch Herzog Wilhelms IV. von