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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Unfallverhütung - Unfallverhütungsvorschriften
Pflichtigen Gewerbe erfolgten Unfälle beziebt. Eine
wertvolle Ausbeute liefern schon jetzt die "Rech-
nungsergebnisse der Verufsgenossenschaften", die in
den "Amtlichen Nachrichten des Reichsversicherungs-
.?mlcs" veröffentlicht werden. Das bis jetzt vor-
liegende Material bezieht sich auf die Rechnungs-
jahre 1886 bis einschließlich 1895. In letzterm Iabre
betrug die Zahl der auf Grund der Unfallversiche-
rungsgesetze versicherten Personen 18357000. Von
ihnen trugen310139 Verletznngen davon, und zwar
ballen 75527 Verletzungen eine Erwerbsunfähigkeit
von mehr, und 231612 eine folche von weniger als
13 Wochen zur Folge. Letztere Zahl ist übrigens in
Wirklichkeit etwas größer, da diefe nicht auf Grund
des Unfall-, sondern des Krankenversicheruugsge-
setzcs zu entschädigenden Verletzten bisher noch nicht
völlig zutreffend ermittelt werden konnten. Unter
Aussonderung der Verletzten mit Erwerbsunfähig-
keit von mehr als 13 Wochen les sind dies die
schwerern, auf Grund des Uufallversicherungsge-
ietzes zu entschädigenden Unfälle) liefert die bis-
herige Statistik folgendes Vild:
Jahre
1886
1887
1888
1889
1890
1891
1892
1893
1894
1895
Ver-
sich ertc
3 725.313
4121537
10 343 678
13 374 566
13 619 750
18 015 286
18 014 280
18118 850
18191747
18 389 468
Verletzte
! Auf 1000 Versicherte
! tommen
über-
haupt
100159
115 579
138 057
174 874
200 001
225 337
236 263
264130
282 982
310139
darunter
Verletzte
darunter
Schwer-
über-
Schwer-
verletzte
haupt
verletzte
10 540
27,6
2,9
17102
28,0
4,1
21236
13,3
2,5
31449
13,1
2,3
42 038
14,7
3,1
51209
12,5

55 654
13,1
3^1
62 729
14,6
3,5
69 619
15,5
3,8
75 527
16,8
4,1
Die in diesen Verhältniszahlen zum Ausdruck
kommende Unfallgefahr hat sich im Laufe der Jahre
sehr verschieden gestaltet, und zwar, wie auch die Zahl
der Versicherten erkennen läßt, in allererster Linie
deshalb, weil der Kreis der in die Unfallversicherung
aufgenommeuen Betriebe während der I.1886-91
ganz erheblich erweitert worden ist. (S. Unfallver-
sicherung.) So bat allein der Umstand, das; 1888
zum erstenmal die bei den landwirtschaftlichen Ve-
rufsgenossenschaften versicherten Personen mit in
Rechnung gezogen worden sind, die durchschnittliche
allgemeine Unfallgefahr um die Hälfte vermindert.
Die Gefährlichkeit der einzelnen Betriebsarten ist
venn auch eine sehr verfchiedene. Während 1895 bei
den landwirtschaftlichen Berufsgenossenschaften auf
1000 Versicherte nur 6,56 Verletzte entfielen, betrug
der Promillesatz bei den gewerblichen Berufsgenossell-
schaften 37,9. Zu den hervorragend gefährlichen Be-
triebszweigen gehören die Hütten- und Eisen- und
Walzwerke, Bergbaubetriebe, Gas- und Wasser-
werte, Brauerei- und Mälzereibetriebe und die
Speditions-, Speicherei- und Keltereigewerbe, alle
mit mehr als 50 Verletzten überhaupt auf 1000
Versicherte im I. 1895; zu den wenig gefährlichen
zählen Tabak-, Seiden-, Tertil-, Bekleidungsindu-
strie und das Bnchdrnckergewerbe mit weniger oder
wenig mehr als 10 Promille Verletzten im I.1895.
Unter sämtlichen Schwerverletzten dieses Jahres be-
fanden sich 1351 Personen mit dauernder völliger
Erwerbsunfähigkeit und 5857 Getötete. Ansführ-
licheres Material zur U. als die säbrlichen Nach-
weise der Berufsgenossenschaften ist den besondern
Bearbeitungen zu entnehmen, welche seitens des
Reichsversicherungsamtes bezüglich der Ergebnisse
der U. der gewerblichen Berufsgenossenschaftcn für
1887 und der landwirtschaftlichen für 1891 vor-
genommen worden sind. Es bandelt sich bei beiden
Sondcrcrbebuugen hauptfächlick um Feststellungen
über die Art der Verletzungen sowie über Hergang
und Ursachen der Unfälle, um daraufhin geeignete
Maßnahmen für die Zwecke der Unfallverhütungen
Neffen zu können.
In gleicher Ausführlichkeit wie diese deutsche U.
ist, wenn auch mit Beschränkung auf einen erbeblick
Neinern Beobachtungskreis, die ö st er r e i cb i s ch e U.
der dortigen staatlichen Unfallvcrsicherungsanstalten
ausgebildet. Alle übrigen Länder besitzen eine all-
gemeine U. noch nicht, sondern nur mebr oder min-
der eingehende Epecialstatistiken über gewisse Be-
triebszweige (Bergwerke, Eisenbahnen u. s. w.).
Litteratur. E. Grüner, N6I.111368 8tHti8t.iliu63
1 eiHtit's liux 9.83ui'aiice8 8ocilüo8 (Par.1893); Artikel
Unfallstatistik im "Handwörterbuch der Staats-
wissenschaften"; Heimann, Die Ergebnisse der berufs-
genossenschaftlichen Unfallversicherung (Berl. 1897).
Unfallverhütung, die Gesamtheit der Bestre-
bungen, die die in industriellen Betrieben beschäftig-
ten Arbeiter möglichst vor Unfällen ls. d.) zu schützen
sucht. Dieser Zweck wird durch zweierlei Maß-
nahmenerreicht; erstens durch technische Sicherheits-
vorrichtungcn (s.d.), zweitens durch zweckentsprechende
Vorschriften für die Arbeiter. Die U. ist im Deut-
schen Reiche gesetzlich geregelt (s. Unfallverhütungs-
vorschriftcn). - Im weitern Sinne geboren hierher
auch iene Vorkehrungen, die bei einmal entstandenen
Unfällen die schlimmen folgen durch rechtzeitige
Hilfe, die den Verunglückten gebracht wird, zu ver-
büten suchen, z. B. die Sanitätswachen und neuer-
dings die Unfallstationen (s. d.) in großen Städten.
- Vgl. "Zeitschrift für Gewerbehygieine, U. und
Arbeiterwohlfahrtseinrichtungen" (Wien 1894 fg.).
gesetz von: 6. Juli 1881 angeordnet, sind zur Durch-
führung der Unfallversicherung von den Berufs-
genossenschaftcn zu erlassen (ß. 16). Sie bezwecken
nicht nur, das Leben und die Gesundheit des Arbei-
ters durch Schutzvorkebrungen vor Unfällen zu be-
wahren, sondern es soll auch dadurch eine finanzielle
Entlastung der Genossenschaften herbeigeführt wer-
den durch Verhütung entschädigungspflichtiger Un-
fälle. Die U. sind von der Genosscnschaftsversamm-
lnng, also im Wege der Selbstverwaltung, festzusetzen,
sind znr Begutachtung und Beratung 3 Vertretern
der Arbeiter vorzulegen, unterliegen aber der Geneh-
migung des Landes- oder des Reichsversicherungs-
amtcs. Die Durchführung wird durch besondere Be-
amte, die Beauftragten (s. d.) der Berufsgenossen-
schaften, kontrolliert <§. 82). Von der Befugnis
MM Erlaß von U. haben bisher 55, d. i. 93 Proz.
aller industriellen, dagegen erst wenige landwirt-
schaftliche Bcrufsgenossenschaften Gebrauch gemacht.
Mittels Rundschreibens vom 30. Inni 1895 hat
das Rcichsversicherungsamt daher einen Entwurf
von Normalunfallverhütungsvorfchriften für land-
mld forstwirtschaftliche Betriebe veröffentlicht, und
den Erlaß solcher U. dringend empfohlen. Auch
der Verband der deutschen Verufsgenossenschaften
bat Normalunfallverhütungsvorschriften für indu-
strielle Betriebe ausgearbeitet, die auf dem zehn-
ten Berufsgenossenschaftstage 1896 angenommen
wurden. Für Nicktbefolgnng der U. seitens der
Unternehmer sind Znschläge zu den von ibnen zn