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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Unfallrente - Unfallstatistik
Unfallrente, die auf Grund der Unfallversiche-
rung is. d.) an deir durch Unfall ls. d." verletzten
Versicherten oder dessen Hinterbliebene zu gewüb-
rende Entschädigung. Sie kann nur beansprucht
werden, wenn der Verletzte vor Eintritt des Unfalls
(wenigstens noch teilweise) erwerbsfäbig war, und
richtet sich nach dem durchschnittlichen ^abresarbeits-
verdienst des Versicherten, für dessen Berechnung
die verschiedenen Unfallversickerungsgesetze beson-
dere Normen anfftellen. Meist ist der Iudividual-
lohn bis zu einer gewissen Höbe, bei der land- und
forstwirtschaftlichen Unfallversicherung dagegen nur
der Durckschnittslobn am Besckäftignngsort maß-
gebend.
DieU. ist dem Verletzten vom Beginn der 14. Woche
uach Eintritt des Unfalls zu gewäbren und richtet
sich nach dein Grade seiner Erwerbsunfähigkeit' bei
voWändiger Erwerbsunfäbigteit beträgt sie 66 Proz.
desJahresarbeitsverdienstes (sog.Vollrente", bei teil-
weiser Erwerbsunfähigkeit einen prozentualen Teil
dieser Vollrente. Von den Hinterbliebenen eines in-
folge des Unfalls verstorbenen Versickerten erhalten
:'. die Witwe bis zu ihrem Tode oder bis zur Wieder-
Verheiratung 20 Proz. des Iabresarbeitsverdienstes
<schreitet sie zu einer neuen Ebe, so wird sie mit einer
einmaligen Auszahlung von 60 Proz. abgefunden"',
!>. daneben sedes Hinterbliebene >tind lbis zilnl zurück-
gelegten 15. Vebcnsjabre), wenn es nur vaterlos
wird, 15 Proz., wenn es auch mutterlos ist oder wird,
20 Proz.; c. Ascendenten, deren einziger Ernabrer
der Verunglückte war, bis zu ibrem Tode oder bis
zum Wegfall der Bedürftigkeit 2<> Proz.', die näbern
schließen die entferntern aus. Bei Konkurrenz baben
Nitwe imd linder vor Ascendenten den Vorzug.
Die Reuten zu n und d dürfen znsammen 60 Proz.
nickt überschreiten, sonst tritt eine Kürzung bis zn
diesem Betrage ein. Ist die Ebe erst nach dem Un-
fall geschlossen, so bat die Witwe keinen Renten-
anspruch. Ausländer, die das Reichsgebiet dauernd
verlassen, töuuen mit dem Dreifachen der Iabres-
rente abgefnnden werden, ^and- und forstwirtsckaft-
licben Arbeitern und dereu Hinterbliebenen kann die
Rente auch in Naturalleistungen gewährt werden,
deren Wert nach Durchschnittspreisen von der untern
Verwaltungsbehörde festzustellen ist.
Vorsätzliche Hcrbeifübrung des Unfalls sckließt
den Rentenanfpruch aus. Derselbe verjabrt, wenn
er nicht binnen zwei Iabren geltend gemackt wird,
es sei denn, daß die Unfallfolgen erst nach Ablauf
dieser /lrist bervortreten, oder daß der Berecbtigte
unverschuldet an der Geltendmackung seines An-
spruchs verbindert war. Die Feststellung der U.
erfolgt aufl^rund der obligatorischen Unfallsanzeige
des Ünternebmers und der sich darau sckließenden,
ortspolizeilicken Uufalluutersuchuug, in der Regel
von Amts wegen, durch die Organe der Berufsge-
nossenschaften l^s. d.); gegen deren ^eststellungsbesckeid
gebt das Rechtsmittel der Berufung an das Unfall-
schiedsgerickt, und gegen dessen Entsckeidung der
Rekurs an das Reicksversickerungsamt ls. d.). Die
Auszahluug derU. erfolgt inonatlick im voraus durch
die Post auf Gruud eines Berecktigungsausweises.
Sofern fich die für die Aufstellung der U. maß-
gebenden Umstände ini Laufe der Zeit wesentlick
ändern, kann, in den formen des für die Feststel-
lung vorgeschriebenen VerfabrenS, eine Erböbung,
iNtinderung oder Aufhebung der U. stattfinden.
Die U. kann mit rechtlicker -^^irkung weder ver-
pfändet noch auf Dritte übertragen, und nur für
Alimentenforderungen der Ehefrau und der ehe-
! licken linder oder des crfatzbcrechtigten Armen-
verbandes gepfändet werden; auch .Kompensation
des Rentenansprnchs durch etwaige Gegeuforderun-
^ gen der Berufsgenossenschaft ist unzulässig.
Konkurriert die U. mit der Invalidenrente ss. d.)
, oder Altersrente ls. d.), so ruht der Ansprnck auf
die letztere, solange und soweit die U. mit der andern
zusammen den Betrag von 415) M. übersteigt.
Statistik. 1885 - 95 zahlten die gewerblichen
und die landwirtschaftlichen Berufsgenossenschaften:
! Renten an Verletzte 120737 257 und 29 974 798 M.,
! an Hinterbliebene 37 715 473 und 4833 380 M.,
Entschädigungen au Angebörige in Krankenhäusern
Verpflegter, Abfindung an wiederverheiratete Wit-
wen u. s. w. 7 747051 und 848250 M. - Vgl. Hei-
mann, Die Ergebnisse der berufsgenossenschaftlichen
Unfallversickernng (Berl. 1897). <Vgl. auch die
Zablen in: Artikel Umlageverfabren.)
Unfallstationen, Elnrichtuugen, die der ersten
Hilfeleistung bei Unfällen dienen und bei Masfen-
unfällen ani Unfallorte selbst sofort eingreifen können.
Die U. sind nock bedeutender Entwickluug fähig.
U. siud 10 in Berlin von einigen Berufsgenosseu-
sckaften erricktet worden. Sie entbalten eine Verband-
stätte mit ärztlickem Tages- und Nacktdienst und
eine stationäre Klinik. Im 1.1896 wurden 16063
^ /"alle bebandelt gegenüber^ 1800 im I. 1895.
<S. auch ^anitätswacbe."
! Unfallstatistik zielt ans die /seststellung der Zahl,
Ursacken ilnd folgen, von Unfällen ab. Die frühern
Erbebungen erstreckten sich nur auf die Todesfälle;
erst E. Engel, der Direktor des preusi. Statistischen
Bureaus fübrte 1868 in Preußen eine umfassende,
eigentlicke U. ein, die mittels besonderer Zählkarten
^ aufgenommen wurde und ausführlicke Angaben über
alle wesentlicken Unistände des Unfalls, bei den
nickttödlichen namentlick auch über die Frage der
dauernden oder vorübergehenden Erwerbsunfähig-
keit lieferte. Seit 1874 sind in mehrern Bänden des
! Quellenwerks "Preuß. Statistik" lzuerstim28.Baude)
Verösfentlickungen auf (^>rund dieser Erbebungen er-
! folgt. Ein reickes, nnmittelbar mit der Arbeiterver-
sickerung zusammenhängendes Material ist ferner
l für den .'"ireis der Bergwerksarbeiter schon seit vielen
^. Iabren durch die >inappsckaftskassen geliefert (vgl.
^ '^eitsckrift für Berg -, Hütten - und Salinenwesen).
! Auck aus andern Staaten, z. B. aus Österreich, liegen
solcke Publikationen vor. Ein anderes, bereits weit
ausgebildetes Spezialgebiet der U. bieten die Eisen-
babnen dar, und namentlich enthält die im Reichs-
^ eisenbabnamt bearbeitete "Statistik der im Betriebe
befindlicken Eisenbahnen Deutschlands" ausführliche
i Angaben über diesen Gegenstand. Auch die privaten
Unfallversickernngsinstitutc habeu statist. libersich-
teu uack ibren Erfabrungen mitgeteilt. Eine Art
Probestatistit für alle zur Unfallversicherimg heran-
! znziebenden Industriezweige wurde bei der Vor-
! bereitung des Unfallversicheruugsgesetzes im ganzen
i Deutscken ))ieich in der '^eit vom I.Äug. bis 30.3iov.
! 1881 ausgenonimen llnd, von Th. Bödiker bearbeitet,
^ als Ergänzungsbeft zur "Statistik des Deutscken
Reicks" <Bd. 5,3, Berl. 1882) veröffentlicht.
Eine ganz neue Peri ode für die deuts ch e U. begaun
nüt dem Inkrafttreten der Reichsgesetze betreffend
die Unfallversicherung, infolge deren im Laufe der
j Zeit ein ebenso reickes wie zuverlässiges Material
! zur U. angesammelt werden wird, das sich allerdings
i nur auf die in der Berufsthätigkeit der versicherungs-