Schnellsuche:

Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

135

Uruguay

Innern des Landes ist die Sommerwärme sowohl wie die mittlere Jahrestemperatur höher als an der Küste. Die absoluten Extreme der Temperatur waren in Montevideo binnen 10 Jahren +41,6 und 0,6°. Gegen das Innere zu werden die Schwankungen stärker sein. In der wärmern Jahreshälfte herrschen Regen vor. In Montevideo fallen 1110 mm Regen im Jahre. Gegen das Innere nimmt die Regenmenge ab. Schnee kommt nur auf den höhern Teilen des Innern vor. Heftige Winde, die Pamperos, meist Südwestwinde, kommen von Argentinien herüber, meist im Oktober bis Januar. An der Küste sind Südoststürme bisweilen lästig. Der Nordwind bringt schwüle Hitze, der Südwind ist kühl und trocken. Die Flora schließt sich teils an das südlichste Brasilien, teils aber und in höherm Grade an die argentin. Provinz Entre Rios (s. d.) an, und hat in seinem Südteil die weiten Graslandschaften der Pampas. Die Fauna ist die für die flachen, waldarmen Teile des gemäßigten Südamerika charakteristische. Affen kommen nicht mehr so weit südlich vor; Nagetiere, namentlich Chinchillen, Opossums, Gürteltiere, Pampashirsche sind häufig, Fledermäuse nur sparsam, ebenso Raubtiere. Die amerik. Strauße erreichen auf dem Lande und die Pinguine an der Küste ihre Nordgrenze. Zahlreiche Herden von halbwilden Rindern und Pferden durchschwärmen die Pampas.

Bevölkerung und Erwerbszweige. Die Bevölkerung betrug (1895) 787 491, oder mit Berücksichtigung der bei der Zählung wahrscheinlich entgangenen 825 000 E. Unter den im Auslande Geborenen sind Franzosen, Spanier, Italiener, Argentinier, Brasilianer sehr zahlreich, Deutsche und Engländer sind nur spärlich vertreten. Die große Masse der Einheimischen, span. und portug. Ursprungs, ist durchgängig mit dem Blute der Guarani, Charruas und anderer Indianerstämme gemischt; Indianer ungemischten Blutes scheinen nicht mehr vorzukommen. Ein Viertel der Gesamtbevölkerung kommt auf Montevideo (s. d.). Sonst wohnt die Bevölkerung meist auf zerstreut liegenden Landgütern (estancias) und Höfen. Außer der Hauptstadt giebt es nur noch 4 Städte und 20 Flecken von dorfähnlichem Ansehen. Die bedeutendern Orte, wie Maldonado, Union, Paysandú, Colonia, Independencia liegen am La Plata und U. Der Überschuß der Geburten betrug 1895: 18 284. 23,9 Proz. sind außerehelich. Die Zahl der Einwanderer betrug 1890: 21 117, 1895: 9158, die der Auswanderer 19 852 und 6387. Den Hauptzweig der volkswirtschaftlichen Thätigkeit bildet die Viehzucht, namentlich die Rindvieh- und Pferdezucht. 1894 schätzte man den Viehstand auf 5¼ Mill. Stück Hornvieh, 388 000 Pferde, 14 000 Maulesel und 14½ Mill. Schafe. Das ganze Land gleicht einer einzigen großen Weide und ist übersät mit Estancias (Viehzuchthöfen) und Saladillos (Fleischeinsalzstellen), von denen die zu Fray-Bentos (s. d.) die bekannteste ist. Durch die europ. Einwanderer ist auch der Ackerbau wichtig geworden, doch ist eigentlich nur der südl. Küstenstrich mit Mais, Weizen, Halfa bepflanzt. Im ganzen standen 1893: 3685 qkm unter Anbau. Auch Tabak, Oliven und Wein wird gewonnen. Die Fabrikthätigkeit ist gering. Der Handwerksbetrieb ist größtenteils in den Händen der Franzosen, die auch nebst den Italienern als Barkenschiffer und Küstenfahrer thätig sind. Ausfuhr (1889: 25,9, 1896: 30,4 Mill. Pesos) und Einfuhr (36,8 und 25,5 Mill. Pesos) richten sich besonders nach Brasilien, England, Argentinien, Frankreich, Belgien und Deutschland. Ausgeführt werden Ochsenhäute, Pferdehäute, Talg, Fett, Wolle, getrocknetes und gesalzenes Fleisch, Fleischextrakt, Pferde- und Rinderhaare, Knochen, Knochenasche und Hörner; ferner Weizen, Mais, Mehl, Schiffsbrot, Schaf- und Kalbfelle, Achate, Guano, Straußenfedern. Zur Einfuhr kommen namentlich Nahrungsmittel und Getränke, Textilwaren, Rohmaterial und Maschinen. Der Binnenhandel leidet noch unter dem Mangel gebahnter Straßen. Eisenbahnen waren 1895: 1000 km gegen 642 km im J. 1888 in Betrieb, außerdem 306 km im Bau. Der Schiffsverkehr geht fast ausschließlich über Montevideo.

Die Verfassung ist 18. Juli 1830 proklamiert worden. Danach steht ein auf vier Jahre gewählter Präsident an der Spitze, ihm zur Seite ein Vicepräsident (der jedesmalige Senatspräsident) und 5 Minister. Die 19 Senatoren werden je einer für jedes Departamento durch indirekte Wahl, die 69 Repräsentanten im Verhältnis von 1 zu 3000 Köpfen der Bevölkerung direkt von allen, die lesen und schreiben können, gewählt. Ein Komitee tagt zwischen den Sessionen der Kammern. Für die 19 Departamentos bestehen außer dem polit. Präfekten gewählte Verwaltungsbehörden, deren Verhältnis zur Centralregierung wenig geordnet ist. Die Finanzen befinden sich in keinem guten Zustande. Das Budget schließt fast regelmäßig mit einem Deficit ab. Hauptquelle der Einnahmnen bilden die Einfuhrzölle. Die Schuld betrug Juli 1896: 118,48 Mill. Pesos. Neben dem metrischen System sind noch Quintal, Fanega, Legua u. s. w. üblich.

Die bewaffnete Macht besteht aus 4 Schützenbataillonen, 4 Kavallerie- und 1 Artillerieregimentern und zählt 233 Offiziere und 3222 Mann. Die Nationalgarde besteht aus 20 000 Mann, außerdem giebt es 3200 Mann Polizeitruppen. Die Flotte besteht aus einigen Kanonenbooten und Dampfern.

^[Abb.]

Das Wappen ist ein in vier Felder geteilter Schild. Das erste blaue Feld zeigt eine goldene Wage, das zweite silberne eine Citadelle, das dritte silberne ein Roß, das vierte blaue einen Ochsen, als Repräsentanten der Hauptprodukte. Nationalfarben sind Weiß und Blau, die Flagge (s. Tafel: Flaggen der Seestaaten) zeigt vier horizontale blaue Balken in weißem Feld, in der linken obern Ecke eine goldene Sonne im weißen Feld. - 1895 bestanden 523 öffentliche Elementarschulen mit 1013 (753 weiblichen) Lehrkräften, 50 012 Kindern. 21 909 Kinder besuchen Privatschulen. Höhere Lehranstalten (eine Universität) sind in der Hauptstadt. Zahlreich sind die kath. Seminare.