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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Uruguay

Geschichte. Das Gebiet der Republik U. bildete ehemals einen Teil des span. Vicekönigreichs von Buenos-Aires, nämlich die beiden Gobiernos de Montevideo und del U., doch wurde es gewöhnlich unter dem Namen Banda Oriental (Ostseite) zusammengefaßt. Als sich die übrigen südamerik. Kolonien von Spanien lossagten, erklärte 1811 auch Buenos-Aires die Republik. Innere Zerwürfnisse, die bald darauf entstanden, benutzte die portug. Regierung, um die Banda Oriental, nachdem General Lecor Montevideo 19. Jan. 1817 besetzt hatte, unter dem Namen Cisplatinische Provinz 1821 mit Brasilien zu vereinigen. Allein das Volk protestierte gegen die Einverleibung der Provinz in das brasil. Reich und besiegte mit Unterstützung von Buenos-Aires 1825 die brasil. Occupationstruppen, worauf Dom Pedro 10. Dez. an Buenos-Aires den Krieg erklärte. Am 20. Febr. 1828 fand eine entscheidende Schlacht statt, in der die Brasilianer geschlagen wurden, worauf Großbritannien den Frieden 27. Aug. 1828 vermittelte, in dem Montevideo als unabhängiger Staat anerkannt wurde. Ein Kongreß zu Florida beschloß 10. Sept. 1829 ein Staatsgrundgesetz, das 18. Juli 1830 als Verfassung der Republica Oriental del U. beschworen wurde, worauf General Fructuoso Ribera als Präsident auf vier Jahre gewählt ward. Am 1. März 1835 übernahm General Manuel Oribe, unterstützt von Ribera, die Präsidentschaft, wurde jedoch schon im Okt. 1838 von dem letztern gestürzt. Dies legte den Grund zu langdauernden Wirren. Auf der einen Seite stand Ribera, der sich auf die Landbevölkerung, die Gauchos, stützte; auf der andern Seite Oribe, der Repräsentant der großen Grundbesitzer (Estanceros). Riberas Anhänger nannten sich Colorados (Rote), die Anhänger Oribes Blancos (Weiße). Oribe wandte sich 1839 um Hilfe an Rosas (s. d.), den Diktator der Argentinischen Republik, der ihm die erbetene Unterstützung gegen Ribera gewährte und seit Mai 1842 Montevideo blockierte. Ribera, der 6. Dez. 1842 bei Arroyo-Grande von Oribe geschlagen und von der Hauptstadt abgesperrt war, führte den Krieg auf argentin. Gebiet fort, erlitt aber 27. März 1845 durch den argentin. General Urquiza eine entscheidende Niederlage bei India-Muerta, worauf er nach Brasilien ging. Schon im April 1846 kehrte er zurück. Doch erlitt er 27. Jan. 1847 eine Niederlage bei Salto, so daß er den Oberbefehl niederlegen mußte. U. wandte sich nun um Unterstützung an Brasilien und Entre Rios, das sich unter Urquiza eben von der Argentinischen Republik losgesagt hatte. Durch einen Präliminarvertrag vom 29. Mai 1851 wurde zwischen den drei Staaten eine Tripelallianz geschlossen. Urqniza und der brasil. General Herzog Caxias rückten in U. ein und zwangen Oribe im Verein mit einem brasil. Geschwader 2. Sept. die Belagerung von Montevideo aufzuheben, worauf er 3. Okt. bei Las Piedras geschlagen wurde. Am 8. Okt. zog Urquiza in Montevideo ein. Trotzdem setzte Oribes Partei bei der Präsidentenwahl an Stelle von Suarez, der seit 1843 Präsident war, ihren Kandidaten Juan Francisco Giro durch, der 1. März 1852 sein Amt antrat, aber schon 24.Sept. 1853 durch eine Revolution gestürzt wurde. Eine provisorische Triumviralregierung, die Generale Ribera und Lavalleva und Oberst Flores, traten an die Spitze des Staates, und als 13. Jan. 1854 Ribera starb, wurde Venancio Flores 12. März zum Präsidenten der Republik gewählt.

Bald erhob sich innerhalb der Partei der Colorados eine heftige Opposition gegen ihn, und als überdies Oribe im Hafen von Montevideo erschien, verließ Flores 28. Aug. 1855 die Stadt, in der sich eine provisorische Regierung bildete. Hierauf dankte Flores 9. Sept. ab, und der Senatspräsident Manoel Bustamente trat provisorisch an seine Stelle. Die brasil. Regierung zog ihre Truppen aus dem Gebiet von U. zurück; aber sogleich brach 23. Nov. ein Aufstand aus, der mit Mühe unterdrückt wurde. Am 1. März 1856 trat der neu gewählte Präsident Gabriel Antonio Pereira sein Amt an. Der 12. Nov. 1857 erfolgte Tod Oribes gab zu neuer Aufregung Anlaß. Es bildeten sich Haufen von Aufständischen, die unter dem General Cesar Diaz Anfang 1858 sogar die Hauptstadt bedrohten und den General Freire zum provisorischen Präsidenten wählten. Nach einer Niederlage ergab sich das Hauptkorps der Aufrührer 28. Jan. am Rio Nero bei Quinteros, und Diaz, Freire und 24 andere Offiziere wurden 31. Jan. erschossen. Dem Bürgerkriege folgte ein Zustand von Erschöpfung. Am 1. März 1860 wurde Bernardo Prudencio Berro, einer der Hauptführer der Blancos, zum Präsidenten gewählt. Die Ruhe ward jedoch aufs neue gestört, indem General Flores Mitte April 1863 bei Colonia landete und sich durch Zuzug von Colorados verstärkte. Da bei dem Ablauf der Amtsperiode Berros keine Neuwahl zu stande kam, trat 1. März 1861 der seitherige Vicepräsident Atanasio Cruz Aguirre die Präsidentschaft provisorisch an, der sich in kurzem durch Flores von allen Seiten bedroht sah. Der brasil. Gesandte Saraiva suchte einen Waffenstillstand einzuleiten; da aber Aguirre seine Vermittelung zurückwies, verließ er 7. Juli Montevideo und veranlaßte brasil. Schiffe, zu Gunsten von Flores zu intervenieren.

Die Sache verwickelte sich noch mehr, als die Regierung von Paraguay in einer Note vom 30. Aug. 1864 die Intervention Brasiliens für eine Störung des Gleichgewichts der La Plata-Staaten erklärte und bald darauf die Feindseligkeiten eröffnete. Darauf hin ließ Brasilien 12. Okt. Truppen unter General Mena Barreto die Grenze von U. überschreiten und erklärte 16. Okt. die Hafenstädte Salto und Paysandu in Blockadezustand. Am 26. Nov. rückte das Gros der Invasionsarmee in U. ein und besetzte Salto, worauf Flores, unterstützt von der brasil. Flotte, 6. Dez. Paysandu angriff, das er 2. Jan. 1865 eroberte. Bald sah sich Aguirre nur auf Montevideo beschränkt, das seit dem 2. Febr. ebenfalls blockiert wurde, worauf Aguirre 15. Febr. die Präsidentschaft niederlegte, die der Senator Tomas Villalba mit der Zusage übernahm, eine vertragsmäßige Übergabe der Stadt zu vermitteln. Schon 20. Febr. kam so in La Union ein Friedensvertrag zu stande, wonach Flores in Montevideo einzog und eine unumschränkte Herrschaft übte. Am 1. Mai 1865 erfolgte zwischen U., Brasilien und der Argentinischen Republik der Abschluß eines Allianzvertrags gegen Paraguay. Die Paraguaiten verteidigten sich jedoch heldenmütig. Nachdem das Kontingent von U. fast gänzlich aufgerieben und das argentin. Heer 1867 zum Teil zurückgezogen worden war, befanden sich die Brasilianer eigentlich nur noch allein auf dem Kampfplatze. Flores selbst war bereits im Sept. 1866 nach Montevideo zurückgekehrt, wo er 19. Febr. 1868 von vier Blancos ermordet wurde. Der Senat ernannte sofort des Ermordeten Bruder, Don Manoel Flores, zum provisorischen Präsidenten, und die Re-^[folgende Seite]