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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Vatikanische Bibliothek - Vatikanisches Konzil
Zu den Nebengebäuden der Basilika gehörten schon im frühen Mittelalter Wohnungen für den Bischof von Rom (episcopia, zuerst erwähnt unter Papst Symmachus, 498-514), die aber mehr den Charakter eines Absteigequartiers hatten. Erst unter Eugen III. (1145-53) und Nikolaus III. (1277-81) werden größere Bauten erwähnt. Da der lateranische Palast durch die große Feuersbrunst von 1308 zerstört war, verlegten die Päpste nach der Rückkehr aus Avignon ihre Residenz nach dem V. Johann XXIII. verband (etwa 1410) den V. durch einen bedeckten Gang mit der Engelsburg. Nikolaus V. (1447-55) faßte den Plan eines großartigen Neubaues, der die Wohnungen sämtlicher Kardinäle und die Geschäftsräume aller päpstl. Behörden in sich begreifen sollte; doch kam in seiner kurzen Regierungszeit wenig davon zur Ausführung. Sixtus IV. baute dann (1473) die Sixtinische Kapelle, daneben Alexander VI. ein festes Wohnhaus (Torre di Borgia: im Mittelgeschoß die Appartementi Borgia, mit reichem Freskenschmuck, namentlich von Pinturicchio, im Oberstock die Wohnzimmer, stanze, Julius II. mit den berühmten Fresken Raffaels). Auf einem 300 m nördlich von diesen Bauten gelegenen Hügel ließ Innocenz VIII. nach den Plänen Antonio Pollajuolos eine Gartenvilla (il Belvedere) anlegen.
Julius II. hat das Verdienst, wie für die Peterskirche so auch für den Palast großartige Neuschöpfungen geplant und die Ausführung in die Hand Bramantes gelegt zu haben. Dieser verband das Belvedere mit den Bauten Alexanders VI. durch zwei riesige Langbauten, die einen in Terrassen aufsteigenden Garten einschließen sollten; ferner baute er, östlich an die Torre Borgia anschließend, die Hallen (loggie), welche den sog. Hof des heil. Damasus einschließen und deren oberstes Geschoß Raffael und seine Schüler mit reizenden, ornamentalen Wand- und Deckenfresken schmückten. Durch Bramantes Bauten war Form und Ausdehnung des Palastes im wesentlichen gegeben, doch bauten die meisten folgenden Päpste weiter daran. Sixtus V. durchschnitt den großen Garten Bramantes durch den Bibliotheksflügel und erbaute an der Ostseite des Damasushofs den großen, den Petersplatz beherrschenden Palast, in dem noch jetzt der Papst residiert; für das Antikenmuseum erbaute Pius VI., anschließend ans Belvedere, die Sala delle Muse, Sala Rotonda und Sala a croce greca, später Pius VII. den Braccio nuovo (parallel der Bibliothek). So ist der V. mit einer bebauten Fläche von etwa 28000 qm (ausschließlich der großen Höfe und Gärten) der größte Palast der Welt, wenn anch die oft wiederbolte Angabe, daß er 11000 Räume enthalte, eine Fabel ist (in Wahrheit dürfte die Zahl 1000 kaum erreicht werden). - Vgl. Fontana, Templum Vaticanum (Rom 1694):
Platner und Bunsen, Beschreibung Roms, Bd. 2 (Stuttg. 1832); Geymüller, Les projets primitifs pour la basilique de S. Pierre (Par. 1875); Letarouilly und Simil, Le Vatican (2 Bde., ebd. 1882).
Das Vatikanische Museum gebort, was den
Antikenbesift anlangt, zu den ersten Sammtungen
der Welt. Schon Julius II., Leo X. und Paul III.
datten im Belvedere und im Garten des V. antike
Skulpturen aufgestellt; dieselben waren aber in den
Zeiten der Gegenreformation, unter Panl IV. und
Pins V., bis auf einzelne hervorragende Stücke (Lao-
toon, Apollon, fchlafende Ariadne u. dgl.) zerstreut
?dn veischenil worden. Erst Clemens XI V. und !
Pins VI. gründeten 1770-80 die jetzige Antiken- ^
fammlung (Museo Pio-Clelnentino), welche rasch
wuchs und durch den bcrübmten Archäologen E. O.
Viseonti geordnet wurde. Dieselben begründeten
auch die Galleria lapidaria, die größte existierende
Sammlung antiker, besonders röm. Inschriftsteine.
Pins VII. fügte das Museo Chiaramonti und den
Braccio nuovo hinzu, Gregor XVI. das ägypt. und
etrnc>k. Museum, Pius IX. das christl. Museum unter
Leitung G. V.de Rossis; die Bildung einer Samm-
lung mittelalterlicher Kunstwerke und kunstgewerb-
lichen Arbeiten ist zur Zeit im Werke. Die Samm-
lungen nehmen die mittlern Geschosse der großen
Bramanteschen Korridore, ferner den Vraccio nuovo,
das Belvedere und mebrere anfchließende, eigens da-
für erbaute Säle ein. Beschrieben sind die vatikani-
schen Sammlungen von E. Q. Visconti (s. d.) in den
Prachtwerkcn Mnseo Pio-Clementino und Museo
lLhiaramonti; von Platner, Bimsen und Gerhard
im 2. Bande der "Beschreibung Roms"; vgl. auch
Michaelis im "Jahrbuch" des Archäologischen In-
stitnts l1890) und Helbig, Führer durch die öffent-
lichen Sammlungen tlafsischer Altertümer in Rom
(Bd. 1, Lpz. 1891).
Die von PiusVII. gegründete G e m äloegater ie^
bereichert dnrch die 1816 von den Franzosen zurück-
gegebenen Bilder, die diese aus allen Kirchen Roms
zusammengebracht hatten, ist neben der Galerie
Borghese die wichtigste Roms.
Das zuerst unter Damasus I. erwähnte Papst!.
Arcbiv lvnrde aus dem Lateran in den V. verbracht,
wo es I I Zimmer einnimmt. Seine 201(5 Bände
Register, Urtnnden und Akten bilden eine unver-
gleichliche Fundgrube für die Geschichte der ganzen
Welt, namentlich seit 1198; ibre Benutzung wurde
durch ^eo Xlll. anf Veranlassung des Kardinals
Hergenrötber in rühmlichster Weise freigegeben.
Vatikanische Bibliothek, die von Papst Niko-
laus'V. iiii 15)/^abrb. begründete und im Vatikan (s.d.)
aufgestellte öffentliche Bibliothek von 9000 Bänden.
Seine Nachfolger vernachlässigten und zerstreuten
dieselbe; an ibre Stelle trat die von ^irtns IV. ge-
sammelte, welche sich zuerst unter der Sirtinischen
Kapelle befand und unter Sirtus V. in dao von
Domenico Fontana aufgeführte Gebände verbracht
wurde i l^8); sie nabm durch Schenkung und Kauf
eine Reibe anderer Bibliotheken in sich auf, die
Palatina <f. d.) von Heidelberg, die von der Ko'm-
gin Christine von Schweden überwiefene I^6^inoii3i>;
(1690), die von Alerander VII. angekanfte Otto-
1)oni"u^ (I74<'>); sie hat 2<U)00 Handfchriften, dar-
unter etwa 19000 lat., 4000 griech. und 2000orient.,
und etwa 200000 gedruckte Bände. - Vgl. I. (5a-
sini, I^a didliowca. vatic llnu. (Rom 1892); Franc.
Ebrle, Ilistoii^ I>iI,IiotIio<^O Itoin^noi-nin iwn-
titi< nni (Bd. 1, Rmn 1890); M. Faneon, I.a lidi-aii-ie
ä68 pHp63 ä'^vi^iioii (2 Bde., Par. 1884-87).
Vatikanischer Codex "Cotlox Vatk^nns),
s. Bibel II, i;.
Vatikanisches Konzil, das letzte vom 8. Dez.
1809 bis 20. ^tt. 1870 zu Rom abgehaltene öku-
menische Konzil (s. d.), von dem 18. Juli 1870 die
Unfehlbarkeit (f. Infallibilität) des Papstes prokla-
miert wnrde. Diefe Kirchenversammlung wurde
durch die Bulle "/V6t6rni I'atiis)) 29. Juni 1868
vom Papst Pins IX. berufen und anch die griech.
Bifchofe, die Protestanten und andere Nichttatbo-
liten dazu geladen. Verfammlnngsort war der
Vatikan; oaber der Nalltc. Als ^wcck wurde ange-
geben: Reinigung der ^ehre von Irrtümern, Wie-