Schnellsuche:

Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

Diese Seite ist noch nicht korrigiert worden und enthält Fehler.

184
Va tout - Vauban
derherstelluug der Kirckenordnung und Rettung dcr
bürgerlichen Gesellschaft von den sie bedrohenden
Übeln. In der .Hauptsache jedoch handelte es sich
um die Venvirklickung des Lieblingsgedankens
Pins' IX., die Proklamation des Unfehlbarkeits- !
dogmas. Von 1037 Stimmberechtigten waren 704 !
anwesend, die große H^tebrzabl den Päpstl. Wün- >
schen geneigt. Eine Bittschrift an den Papst im
Sinn des neuen Dogmas trug 4l0 Unterschriften,
die Gegenadresse nur )37. Diese Minorität ver-
trat aber die größten Kulturländer der Erde', zu ihr
standen die angcsebensten und gelebrtesten Bischöfe,
unter ihnen auch die deutschen. Die deutschen Bi-
schöfe hatten bereits im Herbst zuvor auf einer Bi-
schofskonferenz zu Fulda sich gegen die Unfehlbar-
keit erklärt, unterstützt von dein banr. Ministerpräsi-
denten Fürsten >^benlobe, der sicb vergeblich bemübt
batte, die Negierungen zu diplomat. Schritten zu
bewegen. Bevor aber die Opposition in Rom sich
organisiert hatte, waren schon die Kommissionen
gewählt, und die Jesuiten siegten auch hier. Ebenso
i'chloß die dem Konzil auferlegte Geschäftsordnung
die freie Beratung aus. Es war verboten, in Nom
etwas drucken zu lassen; Abänderungsvorschläge
ließen die Kommissionen unberücksichtigt', schließliä)
surfte nur ohne Debatte mit Ja und Nein (Mccl
oder iion i^acet) gestimmt werden. Die neue Ver-
tündiguugsformel lautete: "Der Papst verordnet
unter Zustimmung des Konzils."
Das Konzil hatte nur vier öffeutliche Sitzungen,
davon waren zwei rein äußerlicher Natur; in der
dritten, 21. April 1870, wurden die neuen Glau-
bensgefetzc angenommen und in der vienen, 18. Juli,
feierlich verkündet. Es bandelte fick um vier Punkte:
um die Verdammung des modernen Unglaubens
als Rationalismus, Pantheismus, Materialis-
mus und Atheismus; ferner um die kirchliche Dis-
ciplin, weiter um den päpstl. Primat, und erst zuletzt,
<;. März, wurde die Vorlage wegen der Unfehlbarkeit
eingeschoben. Bei der Abstimmung, 13. Juli, erschie-
nen nur 001 Väter zur Abstimmung, sieben Kardi-
näle, unter denen .^obenlohe und Antonelli, fehl-
len; 88 stimmten mit Nein, 02 mit bedingtem Ja.
Zwei Tage später beschwor eine Depntation den
Papst fußfällig um Zurückziehung der Vorlage. Am
17. Juli verließ sodaun die Minorität Rom unter
Zurücklassung eines Protestes; 18. Juli hörte man
nur 2 N0ii Mll 0t, dagegen 533 placet.
Zwei Monate später besetzten die Italiener Rom,
womit die weltlicke Herrschaft des Papstes aufhörte.
Am 20. Okt. 1870 wurde das Konzil vertagt. Am
<"0. Aug. 1870 erklärten die meisten deutschen Bischöfe
<mf einer Konferenz in Fulda iu einem.Hirtenbrief
dem Volke, daß die neuen Glaubensgefetze stets ge-
glaubt worden seien; als der letzte der Oppositions-
bifcböfe unterwarf sich Hefele (s. d.) iu Rottenburg.
Nach Annabme des Dogmas erhob sieb die alttatb. Be-
weguug <s. Alttatbolicisnlus), und es folgte der sog.
Kulturkampf ls. d.). - Vgl. Iauus <I. von Döl-
linger), Der Papst und das Konzil l^pz. 180l>; neu
bearbeitet von I. Friedrich, Münch. 1892); Röm.
Briefe vom Konzil lvon Quirinus sDöllinger^,
Münch. 1870); Friedberg, Sammluug der Akten-
stücke u. s. w. (Tüb. 1871 fg.); Friedrick, 1d)cnm6nt^
:ui illu^ti^ndinn concilinin V^ticannln (Nördl.
1871); ders., Tagebuch. Während des V.K. geführt
4ebd. 1871; 2. Aufl. 1873); derf., Gefchichte des V. K.
i2 Bde., Bonn 1877-83); Frommann, Geschichte
und Kritik des V. K. lGotba1873); Gladstone, ^,<>
Vatican deci^68 (Lond. 1874); ders., Vaticg.ni8in
(ebd. 1875); Manning, I>u6 8toi^ ot' tlio V3,tk-3n
councii (ebd. 1877; dentsch Berl. 1877).
Va. tout (frz., fpr. wa tu), bei .Vasardspielen:
"es gilt alles" (auf das Spiel gefetzte Geld).
Vattel, Emerich von, Publizist, geb. 25. April
1714 zu Couvet iin Fürstentmn Neuchätel, studierte
zu Basel und Genf Pbilofophie nach Leibniz und
Wolf, tanl 1742 nach Berlin, 1743 nach Dresden
und wurde 174!) sächs. Gesandter iu Bern. 1758
als Gehcimrat nach Dresden zurückberufen, starb er
auf einer Reife zu Neuckätel 2.^. Dez. 1707. V. ist
berühmt geworden durch sein Werk "Droit^ äo8
MN8, ON P1'itt('ii)08 (16 1", loi N^tU1'6i1ft <1j>p1it1N^
^ 1^ coiiclnit" <;t uux M'Hii08 äe" n^tion8 et cle^
8(juv6i'ain8)) lzuerst 2 Bde., Neuchätel 1758; ver-
mehrt und mit einer biogr. Notiz über V., 2 Bde.,
Amsterd. 1775; deutfch von Schuliu, Nürnb. 17lZ0;
Atitail 1771 u. s. w.; neue Ausg., 3 Bde., Par. 1803),
worin er die Aufklärung gegen die Politik des Patri-
monialstaates vertritt. Ferner schrieb er "(^iL8twii8
<i" äi'oit II^tUI'61 6t 0d861'V"tis>U8 8U1' 16 tillit^ (IN
<Ii'oit äk! 1^ naturc ^131- ^Voli'" (Bern 1702), "^1c-
I:in^^8 ll" moi-^Ie. <i0 litt^llitnik 6t äe ^olitiqnc;"
(Neuchütel l770), <cl^tn8ii- i)lli!<>8oplii<i!i6" iDresd.
1747), "1^ i)0Ü6i^i6v (Amsterd. 1757).
Vauban (spr. wobäng), Sebastien le Pretre ve,
franz. Marschall und Verbesserer des Ingenieur
weseus, geb. 1. Atai l<>33 zu St. L^ger de Fouckerets
bei Avallon in Vurgilnd, trat in seinem 17. Jabre
bei der span. Armee iin Regiment Conde als Kadett
ein und wurde von Eonde, dem er durch seine
mathem. Kenntnisse aufsiel, als Ingenieur benunt.
1053 gefaugen, wurde V. als Offizier im franz. In-
genieurtorps angestellt. Er zeichnete sich bei meb-
rern Festungsangriffen aus und leitete schon 1058
als General die Belagernngen von Gravelingen,
Vipern und Oudenaarde selbständig. Nach dem Frie-
den begann er 1002 die Anlagen zur Neubefeftiguug
von Dünkirchen. Im ersten Kriege Ludwigs XIV.
zwang er 1007 mehrere belg. Festungen zur Kapitu-
lation. l00!> wurde er Generalinspektor sämtlicher
franz. Festnngen und bald der berübmteste Kriegs-
baumeister seiner Zeit; er bat 33 feste Plätze neu er-
baut und 300 alte verbessert, bat 53 Belagerungen
geleitet, 140 Gefechten beigewohnt, aber nie Gelegen-
heit gehabt, eine Festung zu verteidigen. Der Augriff
macbte durch ihn große Fortschritte und überflügelte
die Verteidigung. Dies bewirkte V. vorzüglich durcb
die fystematisch angeordneten Parallelen (s. Förm-
licher Angriff), die er 1073 vor Maastricht, und den
Rikoschettschuß ls. d.), den er 10l>7 vor Atb zuerst au-
wandte. Im Festungsbau verstand es V. meister-
haft, die Bcfeftiguugen den: Gelände anzupassen;
nirgends sindet man bei vbm em peinliches Streben
nach regelmäßigen Formen. Im Grundriß ist den
Forderungen des Defilements, im Profil dcr 3irt-
! lichkeit aufs fcharfsiunigste Rechnung getragen. Nach
V.s Tode hat man aus feiuen Bauten drei fog.
Vaubanscke Manieren abgeleitet, die fämtlick
dem von den Italiener!: überkommenen Bastionär-
system angeboren (s. Französische Befestigungs-
manier). Die Befestigungsweife V.s und seiner
Nachfolger blieb über ein Jahrhundert in Europa
maßgebend und ist es in Frankreicb bis 1870 gewesen.
Auch in andern Bauten zeichnete sich V. aus, wie
die Schleuse von Gravelingen und der Kafen voll
Toulon beweisen. Der Vaubansche Festungs-
angriff bat dunb die Ausbildung der gezogenen