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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

Schlagworte auf dieser Seite: Va tout; Vattel; Vauban

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Va tout - Vauban

derherstellung der Kirchenordnung und Rettung der bürgerlichen Gesellschaft von den sie bedrohenden Übeln. In der Hauptsache jedoch handelte es sich um die Verwirklichung des Lieblingsgedankens Pius’ IX., die Proklamation des Unfehlbarkeitsdogmas. Von 1037 Stimmberechtigten waren 764 anwesend, die große Mehrzahl den päpstl. Wünschen geneigt. Eine Bittschrift an den Papst im Sinn des neuen Dogmas trug 410 Unterschriften, die Gegenadresse nur 137. Diese Minorität vertrat aber die größten Kulturländer der Erde; zu ihr standen die angesehensten und gelehrtesten Bischöfe, unter ihnen auch die deutschen. Die deutschen Bischöfe hatten bereits im Herbst zuvor auf einer Bischofskonferenz zu Fulda sich gegen die Unfehlbarkeit erklärt, unterstützt von dem bayr. Ministerpräsidenten Fürsten Hohenlohe, der sich vergeblich bemüht hatte, die Regierungen zu diplomat. Schritten zu bewegen. Bevor aber die Opposition in Rom sich organisiert hatte, waren schon die Kommissionen gewählt, und die Jesuiten siegten auch hier. Ebenso schloß die dem Konzil auferlegte Geschäftsordnung die freie Beratung aus. Es war verboten, in Rom etwas drucken zu lassen; Abänderungsvorschläge ließen die Kommissionen unberücksichtigt; schließlich durfte nur ohne Debatte mit Ja und Nein (placet oder non placet) gestimmt werden. Die neue Verkündigungsformel lautete: "Der Papst verordnet unter Zustimmung des Konzils."

Das Konzil hatte nur vier öffentliche Sitzungen, davon waren zwei rein äußerlicher Natur; in der dritten, 21. April 1870, wurden die neuen Glaubensgesetze angenommen und in der vierten, 18. Juli, feierlich verkündet. Es handelte sich um vier Punkte: um die Verdammung des modernen Unglaubens als Rationalismus, Pantheïsmus, Materialismus und Atheïsmus; ferner um die kirchliche Disciplin, weiter um den päpstl. Primat, und erst zuletzt, 6. März, wurde die Vorlage wegen der Unfehlbarkeit eingeschoben. Bei der Abstimmung, 13. Juli, erschienen nur 601 Väter zur Abstimmung, sieben Kardinäle, unter denen Hohenlohe und Antonelli, fehlten; 88 stimmten mit Nein, 62 mit bedingtem Ja. Zwei Tage später beschwor eine Deputation den Papst fußfällig um Zurückziehung der Vorlage. Am 17. Juli verließ sodann die Minorität Rom unter Zurücklassung eines Protestes; 18. Juli hörte man nur 2 non placet, dagegen 533 placet.

Zwei Monate später besetzten die Italiener Rom, womit die weltliche Herrschaft des Papstes aufhörte. Am 20. Okt. 1870 wurde das Konzil vertagt. Am 30. Aug. 1870 erklärten die meisten deutschen Bischöfe auf einer Konferenz in Fulda in einem Hirtenbrief dem Volke, daß die neuen Glaubensgesetze stets geglaubt worden seien; als der letzte der Oppositionsbischöfe unterwarf sich Hefele (s. d.) in Rottenburg. Nach Annahme des Dogmas erhob sich die altkath. Bewegung (s. Altkatholicismus), und es folgte der sog. Kulturkampf (s. d.). - Vgl. Janus (J.^[Johann Joseph Ignaz] von Döllinger), Der Papst und das Konzil (Lpz. 1869; neu bearbeitet von J.^[Johannes] Friedrich, Münch. 1892); Röm. Briefe vom Konzil (von Quirinus [Döllinger], Münch. 1870); Friedberg, Sammlung der Aktenstücke u. s. w. (Tüb. 1871 fg.); Friedrich, Documenta ad illustrandum concilium Vaticanum (Nördl. 1871); ders., Tagebuch. Während des V. K. geführt (ebd. 1871; 2. Aufl. 1873); ders., Geschichte des V. K. (2 Bde., Bonn 1877-83); Frommann, Geschichte und Kritik des V. K. (Gotha 1873); Gladstone, The Vatican decrees (Lond. 1874); ders., Vaticanism (ebd. 1875); Manning, True story of the Vatican council (ebd. 1877; deutsch Berl. 1877).

Va tout (frz., spr. wa tu), bei Hasardspielen: "es gilt alles" (auf das Spiel gesetzte Geld).

Vattel, Emerich von, Publizist, geb. 25. April 1714 zu Couvet im Fürstentun Neuchâtel, studierte zu Basel und Genf Philosophie nach Leibniz und Wolf, kam 1742 nach Berlin, 1743 nach Dresden und wurde 1749 sächs. Gesandter in Bern. 1758 als Geheimrat nach Dresden zurückberufen, starb er auf einer Reise zu Neuchâtel 28. Dez. 1767. V. ist berühmt geworden durch sein Werk "Droits des gens, ou principes de la loi naturelle appliqués à la conduite et aux affaires des nations et des souverains" (zuerst 2 Bde., Neuchâtel 1758; vermehrt und mit einer biogr. Notiz über V., 2 Bde., Amsterd. 1775; deutsch von Schulin, Nürnb. 1760; Mitau 1771 u. s. w.; neue Ausg., 3 Bde., Par. 1863), worin er die Aufklärung gegen die Politik des Patrimonialstaates vertritt. Ferner schrieb er "Questions de droit naturel et observations sur le traité du droit de la nature par Wolf" (Bern 1762), "Mélanges de morale, de littérature et de politique" (Neuchâtel 1770), "Loisir philosophique" (Dresd. 1747), "La poliergie" (Amsterd. 1757).

Vauban (spr. wobáng), Sébastien le Prêtre de, franz. Marschall und Verbesserer des Ingenieurwesens, geb. 1. Mai 1633 zu St. Léger de Foucherets bei Avallon in Burgund, trat in seinem 17. Jahre bei der span. Armee im Regiment Condé als Kadett ein und wurde von Condé, dem er durch seine mathem. Kenntnisse auffiel, als Ingenieur benutzt. 1653 gefangen, wurde V. als Offizier im franz. Ingenieurkorps angestellt. Er zeichnete sich bei mehrern Festungsangriffen aus und leitete schon 1658 als General die Belagerungen von Gravelingen, Ypern und Oudenaarde selbständig. Nach dem Frieden begann er 1662 die Anlagen zur Neubefestigung von Dünkirchen. Im ersten Kriege Ludwigs XIV. zwang er 1667 mehrere belg. Festungen zur Kapitulation. 1669 wurde er Generalinspektor sämtlicher franz. Festungen und bald der berühmteste Kriegsbaumeister seiner Zeit; er hat 33 feste Plätze neu erbaut und 300 alte verbessert, hat 53 Belagerungen geleitet, 140 Gefechten beigewohnt, aber nie Gelegenheit gehabt, eine Festung zu verteidigen. Der Angriff machte durch ihn große Fortschritte und überflügelte die Verteidigung. Dies bewirkte V. vorzüglich durch die systematisch angeordneten Parallelen (s. Förmlicher Angriff), die er 1673 vor Maastricht, und den Rikoschettschuß (s. d.), den er 1697 vor Ath zuerst anwandte. Im Festungsbau verstand es V. meisterhaft, die Befestigungen dem Gelände anzupassen; nirgends findet man bei ihm ein peinliches Streben nach regelmäßigen Formen. Im Grundriß ist den Forderungen des Défilements, im Profil der Örtlichkeit aufs scharfsinnigste Rechnung getragen. Nach V.s Tode hat man aus seinen Bauten drei sog. Vaubansche Manieren abgeleitet, die sämtlich dem von den Italienern überkommenen Bastionärsystem angehören (s. Französische Befestigungsmanier). Die Befestigungsweife V.s und seiner Nachfolger blieb über ein Jahrhundert in Europa maßgebend und ist es in Frankreich bis 1870 gewesen. Auch in andern Bauten zeichnete sich V. aus, wie die Schleuse von Gravelingen und der Hafen von Toulon beweisen. Der Vaubansche Festungsangriff hat durch die Ausbildung der gezogenen