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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Venedig (Stadt)

Brand von 1577 die Werke der großen Meister des 15. und 16. Jahrh. vernichtet hat, das Museum der Tintoretto, Palma Giovine, Paolo Veronese u. a. geworden. In dem prächtigen Saal des Großen Rates die Glorie V.s von P. Veronese und Tintorettos Paradies, das größte Ölbild der Welt. Die berühmte Markusbibliothek enthält auch viele Handschriften, byzant. Buchdeckel, Miniaturen (Breviarium des Kardinals Grimani) u. a., das archäol. Museum in der ehemaligen Wohnung dee Dogen Münzen, röm. und griech. Marmorbildwerke. Die Kellerräume (pozzi) dienten als Gefängnisse und Hinrichtungsplatz für polit. Verbrecher. Die berüchtigten Piombi, Gefängnisse unter dem Bleidache des Palastes, nebst Folterkammer, wurden 1797 zerstört. Im Osten des Dogenpalastes und von ihm durch einen Kanal getrennt, den die Seufzerbrücke, Ponte dei Sospiri, überbrückt, die Carceri oder Prigioni criminali, Gefängnis für gewöhnliche Verbrecher. Die Zahl der Paläste ist sehr groß; viele Familien, die sie einst besaßen, sind jetzt ausgestorben oder verarmt. Die meisten Paläste liegen mit ihrer Hauptfront nach dem Großen Kanal; einige von ihnen sind Sitz städtischer Behörden oder öffentlicher Anstalten. Byzantinisch sind die Paläste Farsetti (einst Dandolo) und Loredan (beide Sitz der Municipalität), Cà da Mosto und Fondaco de’ Turchi aus dem 12. Jahrh. (letzterer jetzt erneuert und für das städtische Museum eingerichtet); die meisten Paläste sind gotisch und gehören dem 15. Jahrh. an, darunter Palazzo Bernardo, das früheste Beispiel der Gotik in V., Dandolo, Bembo, Pisani, Sagredo, Barbaro (14. Jahrh.), Giustiniani, Da Mula, Cavalli mit schönen Fenstern (jetzt restauriert), Contarini degli Scrigni, Foscari (so genannt, seit der Doge Franc. Foscari das obere Stockwerk aufgesetzt hatte), jetzt höhere Handelsschule, Contarini-Zaffo, Ariani, Vanaxel und Cà d’oro, der zierlichste got. Palast. Im Stil der Lombardi ist der Palazzo Dario (15. Jahrh.); der Frührenaissance gehören an die Paläste Bendramin Calergi, 1481 von Pietro Lombardo erbaut, einer der sehenswertesten; Contarini delle Figure (1504-64), Corner Spinelli und de’ Camerlenghi, 1525 von Guglielmo Bergamasco erbaut; der Renaissance: Malipiero, Grimaldi, Papadopoli, im venet. Stil erneuert, und Flangini (unvollendet); der Hochrenaissance: Grimani, Meisterwerk Michele Sanmichelis (16. Jahrh.), jetzt Appellationshof, und Balbi; der Spätrenaissance ein zweiter Palast Contarini degli Scrigni, im 16. Jahrh. von Scamozzi erbaut, und Pesaro von Longhena (17. Jahrh.; s. Taf. I, Fig. 5). Ferner sind noch zu nennen Fondaco dei Tedeschi (s. Fondaco), seit dem 13. Jahrh. Warenhaus der deutschen Kaufleute, nach einem Brande von 1505 nach dem Plane des Girolamo Tedesco neu aufgeführt (jetzt Hauptpostamt und Finanzintendanz); Corner della Cà Grande, 1532 von Jac. Sansovino erbaut, mit sehr großem Hof (jetzt Sitz der Präfektur); Labia (17. Jahrh.) mit Fresken von Tiepolo (Antonius und Cleopatra); Corner della Regina, 1724 von Rossi erbaut (jetzt Leihhaus); Loredan, von Sansovino und Palladio beendet (jetzt Sitz des Instituts der Wissenschaften), und Rezzonico, großer Palast des 17. und 18. Jahrh., erbaut von Longhena und Massari. Die Scuola di San Marco, 1485 von den Lombardi erbaut, mit schönen Reliefe (jetzt Teil des großen Ospedale Civico); die Scuola di San Rocco, das Haus der St. Rochusbruderschaft, begonnen 1517, enthält eine prächtige Façade, schöne Treppe und Säle, mit 57 Gemälden von Tintoretto geschmückt. Das Arsenal, vor dessen Eingang vier berühmte, 1687 (einer vom Piräus) hierher gebrachte antike Löwen stehen, hat ein schönes Frührenaissancethor (1460), große Werften für den Bau von Schiffen, Bassins, Trockendocks, Magazine, Werkstätten, Geschützgießerei und ein Museum (Schiffsmodelle, Rüstungen, Trophäen, Waffen) und ist mit Mauern und Festungswerken umgeben. Zur Blütezeit der Republik beschäftigte das Arsenal 16000 Arbeiter, im 18. Jahrh. kaum 2-3000.

Unterrichts- und Bildungsanstalten. Institut und Akademie der schönen Künste (1807 gegründet) in der Scuola di Sta. Maria della Carità, dem Versammlungsort dieser Bruderschaft, enthält fast nur Bilder venet. Meister, darunter die Himmelfahrt Mariä und andere Meisterwerke Tizians, Giov. Bellinis, Carpaccios, Pordenones, Rocco Marconis, Bonifazios, Tintorettos, Paolo Veroneses u. a., im ganzen 700 Bilder; das königl. Institut der Wissenschaften, Künste und Gewerbe, 1838 gegründet, im Palazzo Loredan zu San Stefano; königl. Nationalkonvikt, zwei Lyceen mit zwei Gymnasien, Patriarchalseminar mit kleiner Gemäldesammlung, armenisches Erziehungsinstitut, astron. und meteorolog. Observatorium, nautisches Institut mit Sternwarte, technisches Institut, höhere Handelsschule, Kunstgewerbeschule, 2 technische Schulen, eine Maschinistenschule, Hebammenschule, Elementarkonvikt und Normalschule für Mädchen, höhere Mädchenschule, Taubstummenanstalt, Erziehungsinstitute für Knaben und Mädchen, Konservatorium der Musik, Athenäum, ferner das Staatsarchiv im Kloster Frari mit 14 Mill. Urkunden (bis 883 zurück) in 264 Räumen, die Markusbibliothek und das Archäologische Museum im Dogenpalast und das Städtische Museum, vereinigt mit der ehemaligen Correrschen Sammlung (Skulpturen, ethnogr. Sammlung, Holzschnitzereien, Majoliken, Steine, Gläser u. a.). Von den Theatern ist das Theater La Fenice, 1837 von Meduna erbaut, für 3000 Zuschauer, das größte; ferner bestehen die Theater Rossini, Goldoni, Malibran, Lido und Minerva (Marionetten).

Wohlthätigkeitsanstalten. Ein großes Krankenhaus (Ospedale civico) in der ehemaligen Scuola di San Marco, ein Militärkrankenhaus, Irrenhäuser auf den Inseln San Servilio und San Clemente, zwei Waisen-, ein Findelhaus, Kinderbewahr-, Rettungs- und Versorgungsanstalten. Eine Wasserleitung führt vom Festlande in die Stadt.

Von Gärten sind zu nennen die Giardini pubblici, ein 1807 auf Befehl Napoleons angelegter Volksgarten mit dem Gebäude für Gemäldeausstellungen, der Giardino Papadopoli, Giardino Reale und der Garten des Patriarchalseminars. Teile, oder gewissermaßen Vorstädte von V. bilden die Inseln Giudecca (s. d.), San Giorgio Maggiore mit Garten, Sta. Elena, San Michele (die Friedhofsinsel) und Murano mit Glasfabriken. Entfernter liegen San Lazzaro mit armenischem Kloster, der Lido mit Anlagen, Pferdebahn und Seebädern, Malamocco und Sant’ Erasmo mit Gemüsebau. V. bildet eine starke Festung, welche auf der Landseite durch das verschanzte Lager von Mestre mit den Forts Malghera und Campalto und einigen neuern Batterien nördlich von der Stadt, von der Seeseite durch zahlreiche Forts auf dem Lido (San Pietro und Alberoni bei Malamocco, Quattro Fontane, San Nicolò auf dem Lido, Forte Vecchio und Nuovo, Forte Tre Porti) geschützt ist.