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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Vereinigte Staaten von Amerika (Geschichte bis 1885)

men worden, nachdem schon während des Krieges Westvirginia 1863 und Nevada 1864 Staaten geworden waren. Ferner wurde Alaska (s. d.) für 7200000 Doll. von Rußland gekauft (30. März 1867) und 22. Febr. 1868 der Bancroftsche Naturalisationsvertrag mit dem Norddeutschen Bunde abgeschlossen. Bei der Präsidentenneuwahl errangen die Kandidaten der Republikanischen Partei, Ulysses Grant (1869-77) und Schuyler Colfar, einen vollständigen Sieg über die der Demokraten Horatio Seymour und F. P. Blair. Da aber dieser Sieg nur durch Hilfe der Neger, die sich zum erstenmal an einer Präsidentenwahl beteiligen durften, erzielt war, sahen die Sieger darin einen Wink, daß die Kriegserinnerungen immer wieder angefacht werden müßten, um die Neger zu fesseln. Für die Ausführung dieser Politik fanden die Republikaner in dem neuen Präsidenten, der politisch und wirtschaftlich eine fast kindliche Unselbständigkeit besaß, ein gefügiges Werkzeug. Der Nepotismus im Interesse der Partei und ihrer Führer erreichte eine schwindelnde Höhe, und ebenso fraß sich die Korruption sowohl in der Verwaltung der Bundesangelegenheiten wie auch in jene der Staats- und Gemeindeangelegenheiten (s. Tammany Society und Tweed) immer tiefer ein.

Selbst die auswärtigen Angelegenheiten blieben von korrupten Einflüssen nicht frei, und beispielsweise scheiterte die von Grant eifrigst betriebene Annexion der Republik Santo Domingo nur an dem energischen Widerstande des Kongresses. Bemerkenswert war auch die Entscheidung der Fischereifrage (s. d.) mit Canada durch den Vertrag vom 27. Febr. 1871, der gleichzeitig zur Erledigung der sog. Alabamafrage (s. d.) das Genfer Schiedsgericht einsetzte. Dieses sprach 14. Sept. 1872 England schuldig, wegen Verletzung der Neutralität 15 1/2 Mill. Doll. zu bezahlen. Auch die San Juan-Frage (s. d.), ein Streit um den Besitz des San Juan-Archipels, wurde durch Schiedsspruch des Deutschen Kaisers 21. Okt. 1872 zu Gunsten der V. S. v. A. beendet. Beim Herannahen der Präsidentenwahl machte sich 1872 eine starke Bewegung geltend gegen die Wiederwahl Grants, für versöhnlichere Politik gegenüber dem Süden und namentlich für gründliche Reform des Civildienstes, an der die Deutschen unter der Führung von Karl Schurz hervorragenden Anteil nahmen. Unglücklicherweise stellten diese Liberal-Republikaner, wie sie sich nannten, den excentrischen Horace Greeley (s. d.) als Kandidaten auf, und, obgleich ihn die Demokraten formell acceptierten, enthielten sie sich so massenhaft der Wahl, daß Grant mit großer Mehrheit wiedergewählt wurde.

Grants zweiter Amtstermin trug womöglich noch mehr das Gepräge nepotistischer Parteiherrschaft als der erste. Insbesondere mischte er sich in Angelegenheiten von Südstaaten, namentlich Louisianas und Südcarolinas, zu Gunsten der Carpetbagger in solchem Maße ein, daß die Mißstimmung fast zur neuen Revolution ausartete. Das Bedürfnis nach einer Reform des Civildienstes war indes so dringend geworden, daß beide Parteien sie für die Präsidentenwahl 1876 in ihr Programm aufnahmen. Der Kandidat der Demokraten, Tilden, erhielt 4284885, der Republikaner Hayes bloß 4033950 Stimmen. Bei der Feststellung der Zahl der Elektoren gelang es den Republikanern, die Stimmen von drei Südstaaten zu eigenen Gunsten herauszuzählen und dadurch für Hayes 185 gegen 184 Elektoralstimmen für Tilden zusammenzubringen. Nach langen Verhandlungen wurde dieses Resultat durch eine vom Kongreß eingesetzte Kommission (s. Electoral Commission) gutgeheißen, und Hayes konnte 4. März 1877 als Präsident inauguriert werden.

Die Vorgänge bei diesem Wahlakte warfen auf die ganze, sonst treffliche Verwaltung von Hayes, der in dem Staatssekretär Evarts, Finanzsekretär John Sherman und namentlich dem zum Leiter des innern Departements ernannten Schurz vorzügliche Berater fand, einen schweren Schatten. Zudem hatte die Bewegung von 1876 eine überwiegend demokratische Kongreßmehrheit zur Folge gehabt, so daß Gesetzgebung und Exekutive verschiedenen Parteien angehörten, was einer ersprießlichen Regierungsthätigkeit sehr im Wege stand. Die seit 1873 eingetretene wirtschaftliche Depression hatte ferner ein bedenkliches Anwachsen gefährlicher socialdemokratischer Strömungen herbeigeführt, die in der weit ausgedehnten und zum Teil von schweren Unruhen begleiteten Streikbewegung im Juli und Aug. 1877 gipfelten. Andererseits drohte auch eine finanzielle Krisis. Der Kongreß hatte allerdings noch unter Grant die Wiederaufnahme der Barzahlungen in Gold principiell beschlossen und als Zeitpunkt hierfür den 1. Jan. 1879 festgesetzt gehabt, allein es machten sich allerlei Besorgnisse geltend, daß dieses Ereignis zu einer noch viel stärkern Finanzkrisis führen möchte, wenn man nicht wenigstens für Vermehrung der Geldumlaufsmittel sorge. Die in ungeheurem Aufschwunge befindliche Silberproduktion legte das Hilfsmittel nahe, und gegen das Veto des Präsidenten wurde von der demokratischen Kongreßmehrheit mit der sog. Blandbill (s. d.) obligatorische Prägung von minderwertigen, aber mit Zwangskurs ausgestatteten Silberdollars beschlossen. Im übrigen trug die Hayessche Administration sehr viel zur Versöhnung des Südens und Herbeiführung geordneter Verhältnisse daselbst bei. Auch wurden mancherlei Reformen in der Verwaltung, insbesondere im Indianerdepartement, eingeführt und der Parteipatronage und Korruption entgegengearbeitet.

Bei der folgenden Präsidentenwahl trug wieder der republikanische Kandidat James Garfield über den demokratischen General Hancock den Sieg davon. Er trat 4. März 1881 sein Amt an und berief Blaine zum Staatssekretär, jedoch schon 2. Juli wurde er von einem abgewiesenen Ämtersucher Charles Guiteau durch einen Revolverschuß lebensgefährlich verwundet. Garfield starb 19. Sept. und Arthur wurde Präsident (1881-85). So stürmisch Blaine die kurze innere Verwaltung Garfields zu gestalten verstanden hatte, ebenso abenteuerlich zeigte er sich in der äußern, wozu die central- und südamerik. Wirren, insbesondere der Krieg zwischen Peru und Chile, willkommenen Anlaß boten. Eine Föderation von Gesamt-Amerika unter Leitung der Union war das eingestandene Ziel. Bevor es erreicht war, mußte Blaine Dez. 1881 zurücktreten. Die unter Garfield eingeleitete Prozessierung von Schwindlern, die den Bundesschatz im Eisenbahn-Postdienste systematisch bestohlen hatten, darunter der hervorragende Politiker Dorsey und der zweite Gehilfe des Generalpostmeisters, Brady, endete nach zweijähriger Beschäftigung der Gerichte als Farce (sog. Star-Route-Prozeß). Der fortdauernde Fraktionenkampf in der Republikanischen Partei führte zu einer empfindlichen Niederlage derselben bei den Kongreßwahlen und war von böser Vor-^[folgende Seite]