Schnellsuche:

Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

Diese Seite ist noch nicht korrigiert worden und enthält Fehler.

285
Verrenkung - Verrocchio
reich erlassen worden <s. Spion). - Den V. von
Betriebs- und Geschäftsgeheimnissen be-
straft das Reichsgesetz gegen unlautern Wettbewerb
vom 27. Mai 1896. (S. Unlauterer Wettbewerb,
Betriebsgeheimnis und Geschäftsgeheimnis.)
Verrenkung (I^uxatio), das Austreten eines
Knochens aus seiner natürlichen Gelenkverbindung,
das entweder durch vorher vorhandene Krant-
bcitszustände (spontane oder pathologische
Luration) oder dnrch mechanisch auf den Knochen
einwirkende Gewalt (traumatische Luration)
erfolgen kann. Vei ersterer V. finden sich krankhafte
Entartungen der knöchernen Gclcnkkörper oder der
Gelenkkapsel und Gelenkbänder; letztere kann die
Gelenkflächcn felbst vollkommen unverletzt lassen
und nur zerstörend auf die Gelenkbänder und be-
nachbarten Muskeln und andern Organe einwirken.
Eine V. dieser Art tritt am leichtesten da ein, wo
die sich berührenden Gelenkflächen im Verhältnis
zu den Knochen, denen sie angehören, am kleinsten
sind, wo wenig und schlaffe Gelenkbänder und über-
haupt viel Beweglichkeit im Gcleuk vorbanden ist.
Bei der Einwirkung mechan. Gewalt hängt besonders
viel davon ab, in welcher Nichtung der Knochen ge-
rade zu dem Gelenk steht: Stoß, Fall und übermäßig
starke Muskelbewegung sind die gewöhnlichen Ur-
sachen. Man bezeichnet eine V. als vollständig,
wenn^dic Gelenkflächcn in gar keiner Verbindung
mebr miteinander stehen; alsunvollständig (3ud-
wxiUio), wenn die Gelenkflächen wenigstens zum
Teil noch miteinander zusammenhängen; als cin-
fack, wenn das verrenkte Glied keine anderweitige
Verletzung oder Erkrankung aufweist; als kompli-
ziert, wenn dieses letztere der Fall ist. Manche
V. (besonders am Hüftgelenk) kommen auch als
angeborenes Leiden vor. Man erkennt eine
V. an der ganz aufgebobenen oder wenigstens
stark beeinträchtigten Beweglichkeit des verrenkten
Gliedes sowie an gewissen von außen sichtbaren
oder fühlbaren anatom. Veränderungen des Ge-
lenks (Leerfein der Gelenkpfanne, Nachweis des Ge-
lenkkopfes an einer abnormen Stelle, veränderte
Stellung des verrenkten Gliedes); dazu gesellen sich
in frischen Füllen mehr oder minder starke Geschwulst,
Entzündung und heftige Schmerzen.
Die V. muß fobald als möglich wieder eingerich-
tet (reponiert), das verrenkte Glied muß einge-
renkt werden. Dies gefchieht in der Weife, daß man
den ausgetretenen Gelcnkkopf vermittelst methodischer
Manipulationen wieder auf demselben Wege in das
Gelenk zurücksührt, auf dem er ausgetreten ist. Um
den Widerstand der Muskeln aufzuheben, die sich
der Neposition widersetzen, und um die Schmerzen
zu lindern, pflegt man dabei deu Kranken in fchweren
Fällen zu chloroformieren. Nach der gelungenen
Einrichtung muß man das Glied noch eine Zeit lang
dnrch zweckmäßige Verbände fixieren, bis die Zer-
reißungen gebeilt sind. Gegen die oft lange zurück-
bleibende Gelenksteisigkeit erweisen sich spirituöse
Einreibungen, passive Bewegungen, Elektricität und
Massage (s. d.) nützlich. Hat eine V. so lange be-
standen, daß bereits Verwachsungen eingetreten sind,
wozu schon einige Wochen hinreichen, so ist oft nur
durch eine Operation die Wiederherstellung eines
brauchbaren Gelenks zu erreichen. - Vgl. Hoffa,
Lehrbuck der Frakturen und Luxationen (3. Aufl.,
Würzb. 1896).
Verres, Gajus, röm. Prätor, der durch die Nc-
den Ciceros gegen ihn bekannt ist. 84 v. Chr. war
er Quüstor des Papirius Carbo in: Eisalpinischen
Gallieu, unterschlug aber die ihm anvertraute Kasse
und ging zu Sulla über. Als Legat des Dolabella
in Cilicien (80) brandschatzte er mit diesem seine Pro-
vinz, half dann aber zur Anklage und Verurteilung
feines Statthalters mit. 74 bekleidete er die städtische
Prätur. Vor allem berüchtigt wurde endlich seine
Statthalterschaft inSicilien73-71, während deren
er neben andern Willkürakten 40 Mill. Sestertien
(über 7 Mill. M.) erpreßt haben soll. Die von den
Siciliern deshalb 70 erhobene Klage übernahm
Cicero; die Verteidigung des V. sollte Hortensius
führen. V. fuchte zuerst mittels eines Scheinklägers
durch eine Konkurrenz in der Anklage den Cicero
zu beseitigen, was dieser durch die Rede "vivinatio
in Oascilium" vereitelte. Dann wollte V. den
Prozeß in das folgende Jahr hinüberspielen, um
vor eiuen ihm günstigen Prätor zu kommen. Allein
auch dies wurde verhindert, und als Cicero gleich bei
der ersten Verhandlung nach einer ersten einleiten-
den Anklagerede (der actio prima) die ganze Masse
der Beweise von des V. Schuld, die er gesammelt,
vorbrachte, verzichtete Zortensius schließlich auf die
Verteidigung. V. ging, uachdem er vorher einen
großen Teil feiner Beute in Sicherheit gebracht
hatte, freiwillig in das Exil, in welchem er 43 als
Opfer der Proskription des Antonius fiel. Von den
auf uns gekommenen "^ction68 Vei'rinae" des
Eicero ist die zweite nicht gehalten, sondern erst nach
dem Prozeh zum Zweck der Veröffentlichung aus-
gearbeitet. Sie ist jedoch nicht bloß als rhetorisches-
Kunstwerk, sondern auch als Material für die Kennt-
nis der röm. Provinzialverwalwng und durch die
Aufzäblung der von V. geraubten Denkmäler für
die Kunstgeschichte von Interesse.
Verrius Flaccus, Marcus, röm. Gramma-
tiker, lebte in Rom zur Zeit des Augustus und
starb im hohen Alter unter Tiberius. Von seinen
histor. und grammatischen Schriften find nur nock
Bruchstücke eines röm. Kalenders erhalten, die 1770
zu Präneste entdeckt und mit andern ähnlichen Über-
resten u. d. T. "I^a8ti I>i-H6no8tini" vou Foggini.
(Rom 1779) bekannt gemacht wurden. Abdrücke be-
sorgten namentlich F. A. Wolf in seiner Ausgabe
des Suetonius, Bd. 4 (Lpz. 1802), und Mommsen
im "^0ipu8 in8crii)ti0nuin latin^i-nin ", Bd. 1
(Berl. 1863). Dagegen hat sich von seiner bedeu-
tendsten Leistung, dem Werke "ve vei-boi-um 8iZni-
ücations", außer wenigen Fragmenten nur ein großer
Teil des Auszugs des Festus, und der wiederum
aus diesem Auszug gemachte Auszug des Paulus
Diakonus erhalten. (S.Fcstus.)- Vgl. Reitzenstein,
Verrianische Forschungen (Bresl. 1887).
Verrocchio (spr. -röckjo), Andrea del, ital.
Bildhauer und Maler, geb. 1435, gest. 1488, nahm
eine hervorragende Stellung in Florenz ein als
Lehrer von Leonardo da Vinci, Perugino und
Lorenzo di Credi. Er ging von der Goldschmiede-
kunst aus, der noch das 1480 gefertigte Relief de^
Enthauptung Johannes' am Altar in der Dombau-
bütte angehört. Bedeutender aber wurde er als
Bronzegießer, wie eine Neibc herrlicher Werke be-
weisen: Das Grabmal der Medici in San Lorcnzo,
Der Knabe mit dem Delphin im Palazzo Vecchio,
Der junge David im Bargcllo, die Gruppe des
Christus und Tbomas anOr San Michele in Florenz.
In Marmor führte er das Grabmonument des Kar-
dinals Forteguerra im Dom zu Pistoja (1474), das
Madonnenrelief im Bargello zu Florenz, in Terra-