Schnellsuche:

Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

Diese Seite ist noch nicht korrigiert worden und enthält Fehler.

297
Versuchsanstalten - Verteidigung
an einem untauglichen Objekte oder mit untauglichen
Mitteln handelt. Ob in solchen Fällen der V. zu
strafen sei oder nicht, ist seit lange in Theorie
und Praxis streitig. Das Deutsche Reichsgericht hat
mit Plenarbeschluh von 1880, nicht ohne lebhaften
Widerspruch von anderer Seite, ausgesprochen, es
werde die Strafbarkeit des V. dadurch nicht aus-
geschlossen, daß der Thäter zur Herbeiführung des
beabsichtigten, aber nicht eingetretenen Erfolgs sick
absolut untauglicher Mittel bedient hat, also etwa,
um einen Giftmord herbeizuführen, eines Mittels,
das der Thäter für Gift hielt, das aber Zucker war,
und es hat diesen Grundsatz auch ausgedehnt auf
den Fall des V. an einem untauglichen Objekt (ein
Tötungsversuch an einem toten Menschen). Daß
sog. Wahnverbrechen (z. B. das Unternehmen, einen
andern durch Beten zu töten) nicht strafbar find,
darüber herrscht allgemeine Übereinstimmung. -^
Vgl. Olshausen, Kommentar zum Strafgesetzbuch
für das Deutsche Reich (5. Aufl., Verl. 1897);
von Liszt. Lehrbuch des deutschen Strafrechts (8. Aufl.,
'2 Bde., ebd. 1897). Istalten (s. d.).
Versuchsanstalten, soviel wie Prüfungsan-
Versuchsstationen, landwirtschaftliche
oder agrikulturchemifche, f. Landwirtschaftliche
Versuchsstationen.
Versuchswefen, forstliches, s. Forstliches
Versuchswesen. Istauung.
Versumpfung, militär. Hindernismittel, s. Aw
Versüßter Salpetergeift, s. Ealpeterätber.
Vort., Abkürzung für veito, vsrt^wi- (lat.,
Vertäfelung, s. Täfelwerk. swende um).
Vertagung (vom altdeutschen tagen, d. h. Ge-
richt halten), die Verlegung der Fortsetzung einer
gerichtlichen Verhandlung auf einen spätern Termin.
Der Ausdruck wird auch von den Versammlungen
der Landtage und Reichstage gebraucht, wenn diese
auf einige Zeit ausgesetzt (nicht "geschlossen") werden.
Das Recht dieser V. ist dem Staatsoberbaupt vor
behalten. (S. auch Zession.)
Vertäuen oder Vermooren, ein Schiff vor
zwei Anker legen. Das V. geschieht gewöhnlich an
Orten, wo Ebbe und Flut herrscht, weil bei dem
Wechsel derselben sich dann nur das Schiff um sick
selbst drehen, aber die Kette sich nicht um den auf-
recht stehenden Stock des Ankers schlingen kann.
Vert äi2.!na.nt (frz., spr. währ diamcing), soviel
wie Malackitgrün (s. d.). Wirbeln gehörig.
Vsrtsdra. (lat.), Wirbel; vertebräl, zu den
VertebrälsystemoderSpinalsystem,dieGe-
samtbeit des Rückenmarks ls. d.) und der daraus ent-
springenden Nerven. (S. auch Eerebralsystem.)
Vertodrä.t"l. (lat.), soviel wie Wirbeltiere (s. d.>.
Verteidigerliste, nach der t^sterr. Strafprozeß-
ordnung G. 39) eine Lifte, welcke jeder Gerichtshof
zweiter Instanz für seinen Sprengel anzulegen,
jäbrlich zu erneuern und allen Strafgerichten zur
Offenhaltung zu jedermanns Einsicht zuzustellen
bat. In dieselbe sind vorerst alle die Advokatur
wirklich ausübenden Advokaten, auf ibr Ansucken
aber auch für dav Rickteramt, die Advokatur odcv
das Notariat geprüfte Rechtsverständige, sowie
alle Doktoren der Rechte, welche Mitglieder dc^
Lehrkörpers einer rechts- oder staatswissensckaft-
lichen Fakultät sind, Staatsbeamte jedoch nur mit
Bewilligung ihrer vorgesetzten Dienstbehörde auf-
zunehmen. Die Aufnahme kann, vorbehaltlich der
Besckwerde an den Iustizminister, verweigert wer
den, wenn Umstände vorliegen, welche nach dein
Gesetz die Ausschließung von dem Richteramt, der
Advokatur oder dem Notariat zur Folge haben. Als
Verteidiger in Straffachen kann jeder gewählt wer-
den, der in die V. eines der im Reichsrat vertrete-
nen Länder eingetragen ist; an seinem Wohnort ist
nach §. 43 jeder Eingetragene zur Übernahme der
Verteidigung der Regel nach verpflichtet.
Verteidigung oder Defensiv n(jurist.). Schon
im Inquisitionsprozeß war nach Abschluß der Ge-
neralinquisition die Zuziehung eines Verteidigers
(Defensors) gestattet und bei schweren Fällen geboten,
der bei der Specialinquisition zugegen sein und vor
Fällung des Erkenntnisses eine Verteidigungsschrift
einreichen durfte. In dem heutigen mündlichen An-
klageprozeß liegt die wesentliche Aufgabe der V. zwar
in der Hauptverhandlung; doch kann sich der Be-
schuldigte in jeder Lage des Verfahrens, also auch
z schon im Vorverfahren, des Beistandes eines Ver-
teidigers bedienen. Die V. greift hiernach entweder
in das vorbereitende Verfahren ein, indem sie be-
schwerende Maßregeln, wie Anlegung oder Fort-
setzung der Untersuchungshaft, die Versetzung in den
eigentlichen Anklagestand, von dem Angeschuldigten
abzuwenden strebt sNebenverteidigung), oder
sie sucht einen Einfluß auf das Endurteil zu ge-
winnen (Hauptverteidigung). Zu dem letztern
Zwecke stellt sie noch in der Hauptverhandlung etwa
nötige Beweis- oder Vertagungsanträge, achtet auf
die Wahrung der zu Gunsten des Angeklagten ge-
! gebenen Prozeßvorschriften, beteiligt sich, soweit zu-
lässig, an der Befragung der Zeugen und Sachver-
ständigen, legt endlich im Schlußvortrage neben Er-
örterung der Rechtsfrage, indem sie etwa nachweist,
daß die angeklagte That nach der dem Strafgesetz
zu gebenden Auslegung nicht strafbar ist, je nach
der Sachlage die Mängel des Anschuldigungsbewei-
! ses dar, z. B. wenn der äußere Thatbestand nicht
! vollständig ermittelt, der Hauptzeuge höchst verdäch-
tig ist, die Indizien, aus denen die Schuld des An-
geklagten abgeleitet wird, nicht schlüssig sind, oder
bemüht sich um eiuen Unschuldsbeweis, z. B. daß
der Angeklagte sich zur Zeit der That an einem ganz
entfernten Orte befundeil, daß er in gerechter Not-
wehr gehandelt, oder beschränkt sich aufHervorhebung
der dem Überführten zu gute kommenden Strafmil-
derungsgründe. Auch in höherer Instanz greift die
z V. ein. Zum Verteidiger kann gewählt werden in
z Österreich jeder, der in die Verteidigerliste eines
> der im Reichsrat vertretenen Länder eingetragen
ist, in Deutschland jeder bei einem deutschen Ge-
richt zugelassene Rechtsanwalt sowie jeder Rechts-
lehrer einer deutschen Hochschule, andere Personen
nur mit Genehmigung des Gerichts. Der als Ver-
! leidiger gewählte Rechtsanwalt kann mit Zustim-
z mung dev Angeklagten die V. einem Rechtskundigen
! übertragen, welcker die erste jurist. Prüfung bestan-
^ den und seit mindestens zwei Jahren im Iustizdienst
, beschäftigt ist. Dem Beschuldigten ist auch die Bei-
ziehung mehrerer Verteidiger gestattet, in Asterreich
jedoch mit der Beschränkung, daß dadurch eine Ver-
! mehrung des dein Angeklagten gestatteten Vorträge
! in der Hauptverhandlung nicht herbeigeführt werden
darf. Die V. ist notwendig mit der Wirkung, daß
dem Angeklagten selbst gegen seinen Willen ein Ver-
teidiger bestellt werden muß, in der Hauptverhand-
lung vor dein Schwurgericht, nach der Deutschen
! Strafprozeßordnung auch in den Sachen, welche in
erster Instanz vor dem Reichsgericht zu verbandeln
sind, und wenn der Angeschuldigte taud oder stumm