Schnellsuche:

Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

Diese Seite ist noch nicht korrigiert worden und enthält Fehler.

357
Vischering - Visconti (Adelsfamilie)
Deutsche Nationalversannnlung gewählt, wo er mit
der gemäßigten Linken stimmte. 1849 folgte er dem
Reste des Parlaments nach Stnttgart, wo er nun
mit einer kleinen Minderheit in Opposition gegen
den Plan der Majorität trat, von Württemberg au5
Deutschland zu revolutionieren. Im Herbst desselben
Jahres nahm er seine akademische Thätigkeit wieder
auf. 1855 folgte V. einem Rufe an das Eidgenös-
sische Polytechnikum und die kantonale Hochschule
zu Zürich. 1866 kehrte er nach Württemberg zurück,
wo ihm die Professur der Ästhetik und deutscheu
Litteratur sowohl an der Universität zu Tübingen
als am Polytechnikum zu Stuttgart übertragen
ward. V. lehrte anfangs abwechselnd an beiden An-
stalten, beschränkte aber seit 1869 sein Wirken auf
letztere. Er starb 14. Sept. 1887 in Gmunden.
V.s bedeutendstes Werk ist die "Ästhetik, oder
Wissenschaft des Schönen" (3 Bde., Stuttg. 1847
-58), das die Entwicklung der spekulativen Wbe- i
nk von Kant bis Hegel zusammenfaßt. Während !
seines Aufenthalts in Zürich veröffentlichte er eine ,
neue Folge der "Kritischen Gänge" (1. bis 5. Heft, !
Stuttg. 1861 - 66; Heft 6, ebd. 1873) und unter >
dem Pseudonym Deutobold Svmbolizetti Allegorie- ^
witfch Mystisizinski die Schrift "Faust. Ter Tra-
gödie dritter Teil" (Stuttg. 1862; 2. umgearbeitete
und vermehrte Aufl. 1886), eine Satire auf die Auf-
leger des zweiten Teilsvon Goethes "Faust". Anonym
erschienen von ihm auch " Epigramme aus Baden-
Baden" l Stuttg. 1867). Ferner veröffentlichte er
die vortreffliche Sckrift "über das Erbabene und
Komiscke" (Stuttg. 1837); "Der deutsche Krieg 1870
-71, ein Heldengedicht aus dem Nachlaß des seligen
Phil. Ulr. Schartenmayer" (1. bis 4. Aufl., Nördl. l
1874; 5. Aufl. 1876), "Goethes Faust. Neue Bei- !
träge zur Kritik des Gedichts" (Stuttg. 1875), den !
eigenartigen Noman "Auch Einer. Eine Reise- z
bekanntschaft" (7. Aufl., 2 Bde., ebd. 1897), "Lyrische
Gänge" (2. Aufl., ebd. 1888), "Altes und Neues
(ebd. 1881, 1882, 1889), "Allotria" (ebd. 1892).
- Vgl. Frapan, Vifcher-Erinnerungen (2. Aufl.,
Stuttg. 1889); W. Lang, Von und aus Schwaben,
Heft 6 (ebd. 1890), S. 135-212; Kegler, Friedr.
The^od. V^ (ebd. 1893).
Sein Solm Robert, geb. 22. Febr. 1847 in
Tübingen, 1882 anßerord. Professor der Kunst-
geschichte in Areslau, 1885 ord. Professor in
Aachen, seit 1893 Professor der Kunstgeschichte an
der Universität Göttingen, schrieb "Über das optifcbe
Formgefühl" (Lpz. 1872), "Luca Signorelli und die
ital. Renaissance" (ebd. 1875), "Kunstgeschichte nnd
Humanismus" (Stuttg. 1880), "Studieu zur Kunst-
geschichte" (ebd. 1886). i
Vifchering, Freiherr von Troste zu, Erzbifckof
vou Köln, s. Troste zu Vischering.
Visoknutkeriuin, s. 8ivluil<>i-inm.
Viscm, s. Vogelleim.
Visconde, Visconte, s. Vicomte
Visconti, (lat. Vio(xcnnit68), eine bereits im
11. Jahrb. genannte lombard. Adelsfamilie, seit
1277 Herren von Mailand, seit 1395 dessen Herzöge;
ihr Name weist darauf bin, daß sie früber mit kaiferl.
Befugnissen ausgestattete Grafen waren.
Ottone V., geb. 1208, wurde 1263 Erzbifchof vou z
Mailand, drang aber erst 1277 an der Spitze der Gbi- !
bellinen gegen die della Torre durch, welche sich nach
Auflösung des lombard. Städtebundes zu Herren der
Stadt anfgeworfen hatten und die V., ihre Neben-
buhler, aus dcii'cll'l'll zu verdrängen fuchten.
Matteo V., geb. 1250, Neffe des vorigen, über-
nahm nach dessen Tode (1295) die Herrschast über
Mailand, nachdem er schon 1294 von Adolf von
Nassan zum Reicksvikar ernannt worden war, ward
aber 1302 von Guido della Torre verjagt und kam
erst 1311 wieder in den Besitz der Mackt, gestützt
ans Kaiser Heinrich VII.
Galeazzo V., geb. 1277, Sohn des vorigen,
nach dessen Tode (24. Juni 1322) er die Regierung
von Mailand übernahm, war schon 1313 von Hein-
rich VII. zum Statthalter von Piacenza ernannt
worden. Er starb 6. Aug. 1328.
Azzo V., Nachfolger und Sobn des vorigen, geb.
1302, gest. 14. Aug. 1339, dehnte Mailands Herr-
fchaft fast über die ganze Lombardei aus. Von Ludwig
dem Bayern 1328 zum Statthalter in Mailand er
nannt, trat er später auf die päpstl. Seite über.
Lucchino V., Nachfolger des vorigen, Sohn des
Matteo V., geb. um 1287, ermordet 24. Jan. 1349,
berrscbte mit Strenge, aber auch mit Glück über
Mailand, das er verschönerte und dessen Macht er
namentlich über Picmont und die Lunigiana aus-
dehnte; ihm verdankt die Stadt die Einfübrung der
Seidenindustrie. Dichter und Gelehrte hatten an
ihm und seinem Nachfolger einen eifrigen Gönner,
namentlich Petrarca.
Giovanni V., geb. 1290, Bruder des vorigen,
regierte, seit 1342 Erzbischof von Mailand, gemein-
sam mit seinen drei Nefsen die Stadt; er gewann
Bologna dnrck Kauf und vorübergehend auch Genua
(1353). Nach feinem Tode (5. Okt. 1354) teilten sich
jene, Matteo V. II. (gest. 1355), Galeazzo V.H.
(gest. 1378) und Vernabö (gest. 1385), in die Herr-
fchaft. Letztere beiden zeichneten sich als tapfere
Krieger aus, doch gingen Genua und Bologna unter
ihnen verloren.
Gian (Iobann) Galeazzo V., Sobn des
Galeazzo II., Gemahl Ifabellas von Valois, Graf
von Vertus, geb. um 1347, unterwarf sich Pisa,
Siena, Perugia, Padua und Bologna, schmälerte
Besitz und Mackt fast sämtlicher Herren von Ober-
italien, erkaufte 1. Mai 1395 von Wenzel den Her-
zogstitel, schlug einen Angriff Ruprechts auf Mai-
land 1401 ab und wollte sich znm König von Italien
aufwerfen, als er 3. Sept. 1402 zu Melegnano an
der Pest starb. Er förderte Kunst und Wissenschaft,
begann den Bau des Mailänder Tonis sowie der
Kartanse und der Tessinbrücke bei Pavia, stiftete
die reicke Bibliotbek, eine Bau- und Malerakademie
zu Mailand, stellte die Universität zu Piacenza
wieder ber und bob die von Galeazzo II. 1361 zu
Pavia gegründete; seinen Hof verherrlichten die
berühmtesten Männer seiner Zeit. - Vgl. C. Bel-
giojoso, II s0ntsi <Ii Vii'tn. fttoi'i^ itniilluk dei secolo
XIV (Mail. 1861); P. Ghinzoni (im "^rck. storics'
lomdai'llo", 1882); G. Romano, (iiaiiFalog^o V.
0 M 61'nli cli Nm'nlüw (Mail. 1891).
Seine Tochter Valentine (gest. 1408) heiratete
1389 den Herzog Ludwig von Orlöans; hierauf
gründete Frankreich seine schon 1447 und dann mit
Erfolg von Ludwig XII. geltend gemachten An-
fprüche auf Mailand. - Vgl. Marv Robinson, Hio
?nä ol tli6 midcNe a^6" (Lond. 1888); M. Faucon,
(im "^rcll. ä65 ini88i0N8", Par. 1882); Iarry, I^ll
V16 i)0iiti(^uO cl6 1^0U18 (Io 1^1'HNCO) äuc cIOi16ÄN8
1372-1407 (ebd. 1890).
Seine drei Söhne Giammaria (geb. 1388, er-
mordet 16. Mai 1412), Filippo Maria (geb. 1391,