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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Wiener Kongreß
Österreich kamen, die linksrhein. Pfalz, Würzburg
und einen Teil des Großherzogtums Frankfurt, die
Lande um Afchassenburg, erhalten; von Preußen
hatte es, gegen Iülich-Berg und einen Teil der
Pfalz, Ansbach und Bayreuth erworben. Mainz
wurde dem Grohherzog von Darmstadt zugesprochen
und als Bundesfestung mit einer o'stcrr. und einer
prcuß. Garnison belegt. Hessen - Dar m stadt er-
bielt statt des Herzogtums Westfalen die Provinz
Rheinhessen; Cassel gewann den größten Teil von
Fulda; Nassau wurde durch Tauschverträge mit
Preußen abgerundet. Die Herzöge von Mecklen-
burg, Oldenburg und Weimar bekamen den
Titel von Großherzögen. Weimar erhielt eine kleine
territoriale Erweiterung; einige winzige Gebiete an
der Nahe und Saar wurden an Oldenburg, das Vir-
kenfeld, an (^oburg, das Lichtenberg empfing, und
an Mecklenburq-^trelitz gegeben; Franks u r t a. M.,
Hamburg, Bremen, Lübeck wurden zu Freien
Städten erklärt. In Frankfurt a. M. errichtete man
eine Territorialkommission, die bis 1819 zu thun
hatte, bis alle streitigen Gebietsfragen zwischen den
deutschen Staaten endgültig entschieden waren.
Deutschland in seiner Gesamtheit erlitt trotz aller
Siege durch den W. K. Einbußen an das Ausland.
Nie Saarbrücken, Landau und große Gebiete im
Elsaß schon im Pariser Frieden an Frankreich über-
lassen waren, so kamen jetzt Luxemburg und ein Teil
von Geldern an Holland, Lauenburg an Dänemark,
ein Teil des Bistums Basel an die Schweiz.
Um so reichlicher war der Gewinn, den Öster-
reich davontrug. Es erhielt seine Herrschaft über
Italien wieder und gewann in Süddentfchland eine
feste Position durch die von Bayern abgetretenen
Lande Tirol, Vorarlberg, Innviertel, Hausruck-
viertel und Salzburg. Die schwer haltbaren Außen-
posten, Belgien sowie der Brcisgau und die andern
frühern Besitzungen am Schwarzwald und an der
obern Donau, wurden abgetreten. Neben den illnr.
Provinzen wurden im Süden Venedig, Mantua, das
Veltlin und die ganze Lombardei erworben; die Über-
macht der Österreicher in Italien ward befestigt, in-
dem die italienischen Für st enthrone mit österr.
Nebenlinien besetzt wurden: Toscana erbielt der Erz-
herzog Ferdinand, Modena mit seinen Dependenzen
der Erzherzog Franz, Parma die Erzberzogin Marie
Luise, Gemahlin Kaiser Napoleons. Vergebens hatte
der span. Gesandte gegen Österreich die Ansprüche
des Infanten Karl II. auf das Königreich Etrurien
uud auf sein Erbland Parma geltend gemacht; der
Infant rettete für sich nur das Herzogtum Lucca
und eine jährliche Rente von 5WW0 Frs. Darüber
erbittert, verweigerte Spanien seinen Beitritt zur
Schlußakte des Kongresses. Erst später wurde die
Erbfolge des Herzogs von Neichstadt, des Sohnes
der Marie Luise, umgestoßen, und 1817 in einem
Vertrag zwischen Österreich, Spanien und Frankreich
festgesetzt, dah der Inscnt nach dem Tode der Marie
Luise in Parma nachfolgen sollte. König Murat
vonNeapel wurde, als er uach Napoleons Rückkehr
aus Elba die Waffen erhob, von den Österreichern
aus seinem Königreich verjagt, und durch die Be-
mühung Talleyrands ward der sog. legitime König,
der Bourbone Ferdinand I., wieder in den Besitz
beider Sicilien gesetzt. Der Gesandte Pius' VII.,
Kardinal Consalvi, suchte alle Provinzen, Güter und
Rechte zurückzugewinnen, die der Heilige Stuhl
vor der Französischen Revolution sein eigen genannt
hatte. Zwar wurde der Km'benstaat wiederber-
' gestellt, doch mit ihren weitern Forderungen fand
die Kurie kein Gehör. Der Papst verweigerte in-
folgedessen, gleich Spanien, seine Zustimmung zu
! der Schlußakte des W. K.
! Um zwischen Frankreich auf der einen, Deutschlattd
! und Österreich auf der andern Seite Staaten zu
^ schaffen, die als Schutzmauern zwischen den zwei
' feindlichen Nachbarn dienen tonnten, wurde am
Niederrhein das neue Königreich der Nieder-
lande errichtet, im Süden das Königreich Sardi-
nien vergrößert und dieSchweizerEidgeno ssen -
sckaft wiederbcrgestellt. England aber behielt
die reicken Holland. Kolonien, das Kapland und die
Infel Ceylon für sich, auf die es wie auf Malta,
Helgoland und einen Teil der franz. Kolonien schon
früher Bescklag gelegt batte. Das Königreich Sar-
dinien wurde durch die Republik Genua erweitert
und für alle Provinzen des Staates die männliche
Erbfolge zu Gunsten der Nebenlinie Savoycn-
Carignan gesichert. Die Stadt Mülhausen wurde
an Frankreich abgetreten, das Fürstentum Neuchatel
trat als Kanton der Eidgenossenschaft bei.
Am Abend des 5. März 1815 traf plötzlich die
Nachricht in Wien ein, daß Napoleon Elba verlassen
babe. Trotz der allgemeinen Bestürzung faßte man
den Beschluß, die Verhandlungen fortzusetzen; Talley-
rand bot alles auf, um im Interesse der Bourbonen
' die verbündeten Mächte zu einer abermaligen Schild-
i erbebung gegen Napoleon zu vermögen. Wiewohl
dieser versuchte, die Alliauz zu sprengen, indem er
^ an Kaiser Alexander den Geheimen Trattat vom
'". Jan. 1815 mitteilen ließ, schlössen doch Rußland,
Preußen und England 25. März ein neues Bünd-
nis, das den Vertrag von (5baumont ls. d.) erneuerte
und dem die Vourlionen und alle übrigen Mächte
beitraten. Nur Schweden hielt sich zurück, und
Spanien erklärte, den Krieg gegen Napoleon auf
eigene Hand fübren zu wollen, weil ihm der Kongreß
den Rang einer Großmacht verweigert hatte.
Im Dränge der Not kamen jetzt nicht nur die all-
gemeinen europ., sondern auch die deutschen Ange-
legenheiten zu einem verhältnismäßig schnellen Ab-
schluß. Auch die schwierige und heiß umstrittene
deutsche Versass u ngsf r a g e rückte jetzt end-
lich vorwärts. Bereits seit Okt. 1814 verhandelte
über sie der deutsche Fünfer-Ausschuft, bestehend aus
den Vertretern von Österreich, Preußen, Bayern,
Württemberg und Hannover. Insbesondere der
Freiherr vom Stein war für eine nationale Einigung
und einen neuen festen Zusammenschluß Deutsch-
lands thätig; er befürwortete eine Erneuerung des
babsburg. Kaisertums. Dock der österr. Regent ver-
weigerte die Annahme der deutschen Kaiserkrone,
auch Preußen und die Mittclstaaten erklärten sich
dagegen. Am 10. Okt. legten Österreich, Preußen
und Hannover dem Fünfer-Ausschuß die sog. 12 Ar-
tikel, den Entwurf einer Bundesakte vor. Allein
Bayern und Württemberg nabmen die dier .acmack-
ten Vorschläge sehr uugünstig auf und wollten in
! keine Beschränkung ihrer Souveränitätsrechte wil-
^ ligen. Der Streit wurde so ernst, daß auf Steins
! Veranlassung Kaiser Alexander sein Dazwischen-
treten zu Gunsten Österreichs, Preußens und Han-
novers anbot. Die Verhandlungen gerieten monate-
lang gänzlich ins Stocken. Ein im Febr. 1815 von
Preutzen überreichter neuer Entwurf gelangte nickt
^ einmal zur Beratung. Günstigere Ausnahme fand
^ ein österr. Gegenentwurs von: Mai 1815, der die
, Grundlage bildete für die weitern Verhandlungen,