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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Wilhelm (Markgraf von Baden)

in den großen Städten, namentlich Berlin, durch Förderung von Kirchenbauten. Dem Streben nach größerer Selbständigkeit der evang. Kirche stand er ablehnend gegenüber, weil er darin eine Beeinträchtigung des landesherrlichen Kirchenregiments sah.

Die Bedürfnisse der Heeresvermehrung führten den Kaiser von 1892 ab über technische Bedenken hinweg zum System der zweijährigen Dienstzeit. Die Ablehnung der Heeresvorlage durch den Reichstag (6. Mai 1893) veranlaßte dessen Auflösung, und der neue Reichstag nahm das Gesetz an: es war die fast vollständige Durchführung der Scharnhorstschen Idee einer unbedingten allgemeinen Wehrpflicht.

Die häufigen Reisen W.s an die ausländischen Fürstenhöfe dienten auch in den folgenden Jahren zur Befestigung seiner Friedenspolitik. Den engl. Hof besuchte er während mehrerer Jahre in jedem Sommer und traf auch in jedem Jahre mit dem Kaiser Franz Joseph, wiederholt auch mit König Humbert von Italien zusammen, wogegen die Beziehungen zum Zaren Alexander seit seinem Besuche in Narwa im Aug. 1890 sich abkühlten. Gleichzeitig schien sich eine stärkere Annäherung Deutschlands an England zu vollziehen. Reisen zu den Herbstmanövern führten den Kaiser in jedem Jahre an deutsche Fürstenhöfe oder in die Provinzen.

Seine Regierung wandte sich während der Reichskanzlerschaft Caprivis (1890-94) von den frühern Grundsätzen, namentlich in der Behandlung der landwirtschaftlichen Interessen und der Polenfrage, vielfach ab und veranlaßte dadurch unter den bisherigen Freunden der Regierung Mißstimmung. Trotz der vom Kaiser wiederholt hervorgehobenen Betonung des eigenen persönlichen Willens, der keinen Widerstand dulden zu wollen erklärte, geht aber thatsächlich durch alle Handlungen seiner Regierung eine vermittelnde und gemäßigte Tendenz. So ist an die Stelle der anfänglich lebhaft betriebenen Arbeiterpolitik des Kaisers eine Politik vorläufigen Abwartens getreten. So hat in Preußen der Finanzminister Miquel einen großen Einfluß auf die innere Politik entfalten und seine zugleich socialreformatorisch gemeinte Finanzreform beginnen können (s. Preußen, Geschichte). So ließ der Kaiser, dem Widerspruche der Mittelparteien nachgebend, im März 1892 den Volksschulgesetzentwurf des Kultusministers Grafen Zedlitz fallen, erstrebte durch die Politik der Handelsverträge mit Österreich, Italien (1891) und Rußland (1894) eine Ausgleichung der landwirtschaftlichen und industriellen Interessen und setzte dem Widerspruch der Agrarier (Rede in Königsberg 6. Sept. 1894) den Appell an ihren Royalismus zum Kampfe gegen die gemeinsamen Feinde von Religion, Sitte und Ordnung entgegen.

Seit der Entlassung Caprivis 26. Okt. 1894 und der Ernennung des Fürsten Hohenlohe zum Reichskanzler lenkte die innere und auswärtige Politik seiner Regierung wieder mehr in die frühern Bahnen ein; ebenso wurden die kolonialpolit. Bestrebungen in Afrika und die Vertretung der deutschen Interessen in Ostasien neuerdings wieder mit größerer Energie aufgenommen. Während das Verhältnis zu England infolge eines Telegramms, das der Kaiser 3. Jan. 1896 an den Präsidenten der Südafrikanischen Republik richtete, und worin er ihn zu dem Siege über den völkerrechtswidrigen Einfall Jamesons beglückwünschte, eine plötzliche Trübung erlitt, gestalteten sich die Beziehungen zu Rußland seit dem Regierungsantritt des Zaren Nikolaus II. (1. Nov. 1894) immer freundlicher, was in mehrfachen Zusammenkünften beider Monarchen Zur Erscheinung kam. Dies wirkte indirekt auch auf das Verhältnis zu Frankreich ein, auf das überdies das wiederholte Entgegenkommen Kaiser W.s seinen Eindruck nicht verfehlte, so daß bereits 1895 ein Zusammengehen der drei Mächte in Ostasien stattfinden konnte. Auch das persönliche Verhältnis des Kaisers zu Bismarck, das eine Zeit lang getrübt gewesen war, gestaltete sich, namentlich seit dem durch den Kaiser veranlaßten Besuch des Fürsten in Berlin (26. Jan. 1894), wieder günstiger. Am 20. Juni 1895 fand durch Kaiser W. die feierliche Eröffnung des Nordostseekanals statt, den er zum Gedächtnis Kaiser Wilhelms I., "des Großen", Kaiser-Wilhelm-Kanal taufte. Regen Anteil nahm der Kaiser auch an der Jubiläumsfeier des Krieges von 1870/71, die namentlich in zahlreichen Denkmalsenthüllungen ihren Ausdruck fand; daneben trat die entschiedene Stellungnahme des Monarchen gegen die Socialdemokratie und die Socialpolitik treibenden Geistlichen in immer schärferm Maße hervor. Sein Hauptaugenmerk wandte Kaiser W. jedoch in letzter Zeit der Vergrößerung der deutschen Flotte zu, deren Notwendigkeit er durch von ihm selbst zusammengestellte und veröffentlichte vergleichende "Marinetabellen" (Lpz. 1897) nachzuweisen suchte. Baumann veröffentlichte außerdem "Ansprachen und Erlasse Sr. Maj. des Kaisers aus den J. 1888-90" (Lpz. 1891); eine Sammlung der Reden des Deutschen Kaisers 1888-95 erschien 1897 u. d. T. "W. II. als Redner" in Reclams "Universalbibliothek".

Aus der Ehe des Kaiserpaares stammen sechs Söhne: Kronprinz Wilhelm, geb. 6. Mai 1883, die Prinzen Eitel Friedrich, geb. 7. Juli 1883, Adalbert, geb. 14. Juli 1884, August Wilhelm, geb. 29. Jan. 1887, Oskar, geb. 27. Juli 1888, Joachim, geb. 17. Dez. 1890, und eine Tochter, die Prinzessin Victoria Luise, geb. 13. Sept. 1892.

Vgl. Hinzpeter, Kaiser W. II. (Bielef. 1888 u. ö.); Güßfeldt, Kaiser W.s II. Reisen nach Norwegen 1889 und 1890 (2. Aufl., Berl. 1892); Simon, L'empereur Guillaume II et la première année de son règne (Par. 1889; deutsch Berl. 1889); ders., Quatre portraits. Lamartine. Le cardinal Lavigerie. E. Renan. L'empereur Guillaume II (Par. 1896); Kaiser W. II. und seine Leute (3. Aufl., Berl. 1892).

Wilhelm, Ludw. Aug., Markgraf von Baden, früher Graf von Hochberg, zweiter Sohn des Großherzogs Karl Friedrich aus dessen zweiter Ehe mit der Reichsgräfin Hochberg, geb. 8. April 1792 zu Karlsruhe, trat 1805 in bad. Militärdienste und nahm in dem Kriege gegen Österreich von 1809 als Oberst an den Schlachten von Aspern und Wagram rühmlichen Anteil. In dem Feldzuge gegen Richland 1812 befehligte W. als Generalmajor die bad. Brigade. Beim Rückzuge hatte diese die Nachhut zu unterstützen, wobei sich W. an der Beresina besonders auszeichnete. 1813 wurde er zum Generallieutnant erhoben und führte das Kommando des bad. Armeekorps in Sachsen. Nach der Schlacht bei Leipzig schloß er 19. Okt. mit den Verbündeten einen Vertrag, lehnte es jedoch zunächst noch ab, sich mit ihnen zu vereinigen. Im Feldzug von 1814 war er Kommandierender des 8. deutschen Korps, 1815 leitete er die Blockaden von Schlettstadt und Neubreisach und die Belagerung von Hüningen und vertrat auf dem Wiener Kongreß die Angelegenheiten des Hauses Baden. Er war 1825-48