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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Wille (Joh. Georg) - Willems
als der Grundlage für alles, was wir W. nennen.
So hat Wuudt in der Apperzeption (s. d.) als innerer
Thätigkeit das einfache, ursprüngliche Wollen ge-
funden. Ganz verschieden von diesem Bestreben,
einen qualitativ einfachen Vorgang durch die psychol.
Analyse als W. anzusehen, ist der in die Geistes-
wissenschaften übergegangene gewöhnliche Sprach-
gebrauch, wonach man unter W. einen komplizierten
Seelenzustand bezeichnet, zu dem ein Lust- oder Un-
lustgefühl als Motiv und eiue oder mehrere Vor-
stellungen als Zwecke gehören. Eine von der ge-
wöhnlichen Auffassuug abweichende allgemeinere
Bedeutung erhält der Begriff des W. in der Plulo-
sophie Schopenhaners (s. d.). - Vgl. Sigwart, Der
Begriff des Wollens und sein Verhältnis zum Be-
griff der Ursache (in den "Kleinen Schriften)), Bd. 2,
Freib. i. Br. 1881; 2. Ausg. 1889); Kulpe, Die Lehre
vom W. in der neuern Psychologie (in den "Philo-
sophischen Studiew), Bd. 5, Lpz. 1889); Ribot, Der
W. (nach der 8. Aufl. übersetzt von Pabst, Berl. 1893).
Wille, Joh. Georg, Kupferstecher, geb. 5. Nov.
1715 auf der Obermüble uuweit Königsberg bei
Gießen, lernte erst als Müller, dann als Büchsen-
macher, hierauf als Schuhmacher. Endlich wurde
er in Straßburg mit Georg F. Schmidt bekannt,
mit dem er 1736 nach Paris ging, wo sich beide der
Kupferstechkunst widmeten, und wo W. bis zu seinem
Tode (7. April 18M) sich aufhielt. Namentlich war
es der berühmte Bildnismaler Rigaud, der W. auf-
munterte, größere Blätter zu stechen, und ihm Ar-
beiten verschaffte, die ihn bald in Ruf brachten. Er
hatte sich ein bedeutendes Vermögen erworben, ver-
lor aber alles während der Revolution. Zu seinen
Meisterstücken gehören die Stiche der Porträte
Masses, des Marquis de Marigny und des Grafen
Florentin nach Tocquö. Auch histor. Bilder und
vorzüglich die Genrebilder von Holland. Malern,
z. B. Terburg, Dou, Mieris, Netscher, Ostade, Metsu
sowie Dietrich gab W. auf ausgezeichnete Weise wie-
der. Bei seinen Stichen legte er das Hauptgewicht
auf saubere Stichelführung, so daß seine Blätter
zuweilen den Charakter übertriebener Glätte tragen.
Seine Blätter sind in schönen Abdrücken selten und
Abdrücke vor der Schrift zum Teil von größter Sel-
tenheit. Sein Sohn, der Maler Peter A lerander
W., geb. 1746, gest. 1815, war General bei der Pa-
riser Nationalgarde. - Vgl. Le Vlanc, 1.0 Li'lrv0nr
6n Wille-äouce (Abteil. 1, Lpz. 1847); Dnplessis,
K6moii-68 et Mn-nlü äo >V. (2 Bde., Par. 1857).
Willebriefe, im 13. Jahrh, aufkommende Zu-
stimmungsurkunden der Fürsten zu den Verfügun-
gen des Königs auf dein Gebiet der Reichsverwal-
tung. Unter König Rudolf gewann der Brauch feste
Form, aber so, daß die W. fortan nur voll den Kur-
fürsten gegeben wurden. Die Entwicklung der W. ist
eins der Momente, auf deuen die bevorzugte Stellung
der Kurfürsten beruht, die sich damals entwickelte. - -
Vgl. Ficker, Fürstliche W. und Mitbesiegelungen (in
den "Mitteilungeu des Instituts für österr. Geschicht-
schreibung", 111).
Willebroeck (spr. -bruk), Gemeinde in der belg.
Provinz Antwerpen, Station der Bahnlinien Boom-
BriM und Mecheln-Terneuzen, hat 8164 E.; Pa-
pierfabrikation, Brennerei und Eisenindustrie.
Willegis, Erchiscbof von Mainz, s. Willigis.
Willeyad, heiliger, geb. um 730 in Northumber-
land, predigte den Friesen und Sachsen das Evan-
gelium und wurde 780 vou Karl d. Gr. zur Christia-
nisierung der Sachsen berufen. 787 zum Bifchof
geweiht, nahm W. seinen Sitz in Bremen, wo er die
Domkirche baute und 8. Nov. 789 starb. Haupt-
quelle für W.s Leben ist die "Viw ^VMekaäi, 6pi8-
<(>pi Vi-6M0ii8w) (Köln 1642). - Vgl. Wulf, W.,
Apostel der Sachsen und Friesen (Bresl. 1889).
Willehalm, s. Wolfram von Eschenbach.
Willem, flandr. Dichter, s. Tiersage.
Willemer, Marianne von, von Goethe gefeiert
unter dem Namen Suleika in seinem "Westöstl.
Diwan", in welchem auch eiuige Lieder im "Bück
Suleika" von ihr selbst herrühreu. Sie wurde
20. Nov. l784 als die Tochter des Instrumenten-
machers Matthias Jung in Linz an der Donau
geboren, verlor den Vater sehr frühzeitig, trat seit
^798 als Mitglied der Vallettgesellschaf't Traub zu
Frankfurt a. M. auf und wurde dort bald danach
von dem Bankier Geheimrat Johann Jakob
von W., welcher Vorstand des Theaters war
und auch als Verfasser der 1806 von Johann Phi-
lipp Palm (s. d.) versandten Flugschrift "Deutsch-
laud in seiner tiefen Erniedrigung" genannt wird,
als Pflegetochter in sein Haus aufgenommen. Goethe
lernte sie im Aug. 1814 auf dem Besitztum W.Z, der
uahe gelegenen Gerbermüble bei Offenbach, kennen.
Am 27. Sept. 1814 vermäblle sie sich mit W., der be-
reits 1796 zum zweitenmal Witwer geworden war.
Sie starb 6. Dez. 1860. - Vgl. Briefwechsel zwischen
Goethe und Mariauue von W. (hg. von Creizenach,
2. vermehrte Anfl., Stuttg. 1878); K. I. Schrder,
Goethe und Marianne von W. (Heilbr. 1884).
Willennt, ein sehr kleine rhombocdrische Kry-
stallchen bildendes seltenes Mineral, chemisch neu-
trales Ziuksilikat, XnMO^ W. erscheint meist derb
in klein- und feinkörnigen Aggregaten von schwachem
Fettglanz, blahgelblicher oder bräunlicher Farbe,
auch in Pseudomorphosen nach Kieselzink, dem es
nahe verwandt ist; die Härte ist 5,5, das spec. Ge-
wicht 3,9 bis 4,2.
Willems, Jan Frans, vläm. Philolog, Ge-
schicktöforscher und Dichter, geb. 11. März 1793 zu
Boechout unweit Antwerpen, kam 1809 zu einem
Notar in Antwerpen in die Lebre und gewann be-
reits 1812 mit einem Gedicht zur Verherrlichung
der Schlacht bei Friedland und des Tilsitcr Frie-
deus den ausgeschriebenen Preis. Mit seinem
patriotischen Gedicht "An die Belgier" (1818) be-
grüßte er das Wiedererwachen einer belg. Nationa-
lität unter dem Schutz des holläud. Scepters. In-
folge seiner "I>i88oitg.t,ion 8ui- 1l5lan^ue iinmanäc:"
l!8i9-24) wurde er zum Mitglied des königl. In-
slitnts zu Amsterdam ernannt. Nach der belg. Re-
volntion von 1830 fiel er in Ungnade und wurde,
nur mit einem bescheidenen Finanzposten bedacht,
nach Eecloo verbannt. Hier übersetzte er den "Nei-
necke Vos" in neuere Sprache, den er auch im Ur-
tert (Gent 1836; 2. Aufl. 1850) veröffentlichte. 1834
wurde W. Mitglied der belg. Geschichtskommission,
1835 Mitglied der belg. Akademie und wieder in ein
höheres Amt nach Gent berufen. Er starb 24. Inni
1846. Für die Geschichtskommission veröffentlichte
er die Chroniken von van Heelu und dc Klerks
"Hegten der II ertönen van Zrllimnt". Insbesondere
legte er in seiner Vierteljahrsschrift "I^Zii-ck Nu-
86UU1 V001' (1(3 ^6ä6riÄIlä8c1i6 tasi- 6N i6tt6I'^Ulick6"
(10 Bde., 1837-46) eine Reihe national-bistor.
und linguistischer Forschungen nieder. Aus seinem
Nachlaß erschien die Sammlung "Ouäe v1a6M8c1it>
lieäei-Ln" (Gent 1848). Sein Leben beschrieben
Enellaert (Gent 1847) und Bouchery (Antw. 1876).